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Selbstständige Hebammen protestieren im Dresdner Alaunpark gegen steigende Versicherungssummen

Selbstständige Hebammen protestieren im Dresdner Alaunpark gegen steigende Versicherungssummen

Rund 600 Dresdner Hebammen und ihre Patienten versammelten sich am Dienstagabend anlässlich des Hebammentages im Dresdner Alaunpark, um gegen die ständig steigenden Beiträge für die Haftpflichtversicherung zu demonstrieren, die ihre Tätigkeit zunehmend unprofitabel machen.

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Auch viele Mütter beteiligten sich an der Demonstration.

Quelle: Hauke Heuer

Damit war die Ressonanz wesentlich geringer als noch im vergangenen Jahr. Damals demonstrierten rund 2000 Personen am Goldenen Reiter gegen die Erhöhung der Beiträge. Das Thema sei schon zu lange präsent und die potenziellen Unterstützer zunehmend frustriert, sagte Mitorganisatorin Heike Erlenkämper.

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Dresdner Hebammen demonstrieren im Alaunpark.

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Dennoch herrschte im Alaunpark bei Trommelmusik sowie Kaffee und Kuchen gute Stimmung. An einer langen Wäscheleine wurden Kinderbilder des Nachwuches aufgehangen, der von Hebammen zur Welt gebracht wurde. Eltern und Besucher der Veranstaltung wurden an Infoständen über die Problematik informiert.

DNN-Autorin Julia Vollmer besuchte anlässlich des Internationalen Hebammentages die selbstständige Dresdner Hebamme Johanna Huenig.  Sie erzählt vom Glück aber auch von den Sorgen, die ihr Beruf mit sich bringt.  „Es ist ein Segen, dass die Frauen bislang noch frei entscheiden können, wo ihre Kinder auf die Welt kommen sollen“, berichtet die freiberufliche Hebamme.

Wie lange die freien Hebammen die außerklinische Geburt noch anbieten können, steht in den Sternen. Schon seit Jahren kämpfen sie mit den stetig steigenden Haftpflichtversicherungen. Ab dem 1. Juli steigt die Summe noch einmal auf 6274 Euro pro Jahr an. Um dieses Geld erwirtschaften zu können, muss Johanna Huenig rund zehn Geburten betreuen. Zum Vergleich: Pro Jahr hilft sie etwa 24 Babys auf die Welt. „Wir können immer nur von Jahr zu Jahr planen, da sich die Versicherung nicht länger im Voraus festlegt, ob sie uns noch eine Haftpflichtversicherung anbietet“, erzählt die Hebamme.

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Aktuell ist jedoch die freie Entscheidung der Eltern über den Geburtsort aus anderen Gründen in Gefahr: Der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) will unter anderem durchsetzen, dass Geburten, die nach dem sogenannten „errechneten Termin“ stattfinden, nicht mehr im Geburtshaus bzw. Zuhause zulässig sind, so Huenig. Ihrer Erfahrung nach, kommen aber rund 40 Prozent aller Babys „zu spät“ auf die Welt. Zieht man weitere solcher Ausschlusskriterien hinzu, so bleibt kaum noch einer Frau die Möglichkeit, einer regelgerechten Betreuung durch ihre Hebamme bei der Geburt zu Hause annehmen zu können, klagt die Hebamme.

Die Folge wird sein, dass Frauen den Besuch beim Frauenarzt zur Bestimmung eines „errechneten Termins“ per Ultraschall vermeiden oder verschieben oder bei einer Geburt nach diesem Termin ihr Kind alleine zu Hause zur Welt bringen und die Hebamme sehr spät oder gar nicht hinzu rufen. Diese Entwicklung kann niemandem helfen – und wird sogar gefährliche Folgen haben, ist sich die Geburtshelferin sicher.

Dennoch schätzt die Dresdnerin die Situation für die freiberuflichen Geburtshelferinnen momentan besser ein als noch vor einem Jahr. Drohte damals mit dem Ausstieg der Nürnberger Versicherung die fehlende Versicherung und damit quasi ein Berufsverbot, sei nun zumindest ein Konsortium aus verschiedenen Versicherungen bereit, die Hebammen abzusichern.

 Der Deutsche Hebammenverband (DHV) bietet nach eigenen Angaben ab dem 1. Juli eine Gruppenhaftpflichtversicherung eines Versicherungskonsortiums der Versicherungskammer Bayern, der R+V-Versicherung und weiteren kleineren Versicherungen an. Die ist dann die einzige noch bestehende Gruppenhaftpflichtversicherung. Damit können die freien Hebammen zumindest zwölf Monate weiterarbeiten, um Frauen eine Geburt und eine Schwangerenversorgung jenseits der Krankenhäuser zu ermöglichen. „Sollte es nicht bald eine dauerhaft tragfähige Lösung für die Haftpflichtproblematik geben, werden noch weitere Kolleginnen die Geburtshilfe an den Nagel hängen. Noch weniger junge Kolleginnen werden bereit sein, in die Geburtshilfe einzusteigen, denn wenn die Bedingungen schlecht sind oder es keine Kollegin zur Vertretung gibt, sind 20 oder 30 Tage arbeiten am Stück keine Seltenheit. Hebammen mit Burn-out nach jahrelangen 60-Stunden-Wochen und Frauen, die wissen, dass ihre Hebamme fast drei Stunden Anfahrt hat für die Hausgeburt, sind schon jetzt häufiger die Folge.“

Neben der klassischen Geburtshilfe steht bei den freien Hebammen im Geburtshaus Striesen genau wie für alle anderen Hebammen die Betreuung der werdenden Mutter vor und nach der Entbindung im Mittelpunkt. Johanna Huenig und ihre Mitstreiterinnen betreuen die Schwangeren von Beginn an. Und das im wörtlichen Sinne. Auch Kinderwunschberatungen bietet die Hebamme an. Lässt das ersehnte Baby auf sich warten, berät die Dresdnerin die Frauen zu möglichen Ursachen wie Zyklusstörungen oder psychischen Belastungen. Ist die Schwangerschaft eingetreten, stellen die Hebammen im Geburtshaus die Schwangerschaft per Test fest und händigen den Mutterpass aus.

Einige Frauen, die Johanna Huenig betreut, verzichten sogar ganz auf die Vorsorge bei einem Gynäkologen und vertrauen der Hebamme und vor allem ihrem eigenen Bauchgefühl.

 „Wir führen alle in der Schwangerschaft vorgesehenen Untersuchungen hier im Geburtshaus oder bei der Frau Zuhause durch: überprüfen Blutdruck und Urin, führen Blutentnahmen durch, kontrollieren Herztöne, Wachstum und Lage des Babys. Nur einen Ultraschall setzen wir nicht ein“, erklärt sie. Oft verunsichere genau diese moderne Medizin die werdenden Mütter so sehr, dass sie das Urvertrauen in sich und ihr Baby verlieren. Gibt es allerdings eine medizinische Indikation, die einen Arztbesuch erzwingt, raten die Hebammen ihren Patientinnen dazu. Ebenso gibt es einige Ausschlusskriterien für eine Geburt Zuhause oder im Geburtshaus. Frühchen vor dem Abschluss der 37. Schwangerschaftswoche, Zwillinge oder Mehrlinge, Babys mit bekannten gesundheitlichen Einschränkungen und Kinder, die in Beckenendlage, also mit dem Steiß zu erst liegen, müssen in der Klinik zur Welt kommen.

Nach der Geburt besuchen die Hebammen die jungen Familien Zuhause und kümmern sich um die Nachsorge. Fragen zum Stillen, Verdauungs- oder Schlafproblemen beim Kind oder ganz normale Fragen zu den ersten Tagen mit einem neuen Erdenbürger werden beantwortet. Auch die Heilung der eventuellen Geburtsverletzungen der Mutter überwachen die Hebammen. Jede Geburt und jedes neue Baby ist für die Hebamme trotz aller Sorgen um ihre Zukunft immer etwas Bewegendes. Aufgeben kommt nicht in Frage. Als das Telefon am Ende unseres Gespräches klingelt, muss sie los zur nächsten Geburt. In den nächsten Wochen fährt sie sogar extra nach Hamburg, um Freunden bei der Geburt beizustehen, die in ihrer Stadt keine Hebamme gefunden haben.

Julia Vollmer

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