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Seit 1998 erklärt Dr. Dieter Brandes die Frauenkirche

Seit 1998 erklärt Dr. Dieter Brandes die Frauenkirche

Kinder fragen bei einer Besichtigung der Frauenkirche schon mal, ob es denn auch eine Männerkirche gebe. Erwachsene hingegen behaupten kühn, der Name sei ein frühes Beispiel der Frauenemanzipation.

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Kirchenführer Dr. Dieter Brandes an jenem alten Stein am Eingang A, mit dem der Wiederaufbau der Frauenkirche begann.

Quelle: Genia Bleier

Beides hat Dr. Dieter Brandes schon erlebt. In den 16 Jahren, die er als Kirchenführer tätig ist, traf der heute 78-Jährige auf die unterschiedlichsten Menschen. In der Mehrzahl kamen sie aus Deutschland, aber auch aus den USA, der Ukraine oder aus Japan. Letztere seien ausgezeichnet vorinformiert gewesen, berichtet der agile Senior, dem es ein Herzensanliegen ist, dass die Leute nicht nur durch das Gotteshaus hasten, sondern dessen Geschichte erfahren, die Spuren der Zerstörung wie auch die Zeichen der Versöhnung wahrnehmen.

"Ich möchte gern etwas weitergeben", sagt Brandes und arbeitet in seinem Ehrenamt auch hartnäckig gegen Falschinformationen an, die mancher Gast mitbringt. Am meisten freut er sich, wenn Schulklassen kommen und man den Mädchen und Jungen schon ansieht, dass sie überhaupt keinen Bock haben. Der Widerspruch ist nur ein scheinbarer. Denn der Opa, der ihnen hier was erzählt, auch Fragen zulässt, schafft es in der Regel, die Gelangweilten zu knacken. "Es ist schön zu erleben, wie der Widerstand langsam nachlässt und sich nach zehn, fünfzehn Minuten Interesse einstellt."

Nicht nur Schüler staunen über die Farben und das Gold im Innenraum und wundern sich noch mehr, dass hier nur rund 600 Gramm Blattgold verarbeitet wurden. Anknüpfungspunkte für Geschichte und Geschichten gibt es viele. So provozieren die Glasfenster der Betstubenempore Fragen oder man vermisst die Orgel, weil man sie gewohnheitsmäßig vis-à-vis vom Altar sucht.

Als studierter Maschinenbauer und befreundet mit vielen Architekten, hat sich Brandes schon immer für Bauwerke interessiert. Dass die "Ikone des Barocks" wieder aufgebaut werden sollte, nicht zuletzt, weil sich die Ruine der Frauenkirche als Mahnmal mit der Zeit abnutzen würde, war für ihn frühzeitig klar. "Unter Bauingenieur-Kollegen galt ich als etwas weltfremd, weil ich den Wiederaufbau in Sandstein befürwortet habe", erinnert er sich schmunzelnd.

Seit 1982 hat Brandes an den Friedensgebeten in der Kreuzkirche teilgenommen und regelmäßig Kerzen an der zerstörten Frauenkirche entzündet. Auch seine Kinder waren dabei. Und als der "Ruf aus Dresden" die Runde machte, gehörte er zu den ersten Befürwortern. Keine Frage, dass er auch dem feierlichen Akt der ersten Steinversetzung beiwohnte, obwohl der Beruf ihn damals noch voll forderte.

Gleich nach der Pensionierung stellte Dieter Brandes seine Tatkraft der Frauenkirche zur Verfügung, gab dafür auch das Hobby Klettern auf und kletterte, wenn es sein musste, über Baugerüste. Die ersten Führungen galten der Unterkirche. "Es war manchmal wahnsinnig voll und ich musste erst reden lernen, vor allem nach der Uhr zu reden." Er fertigte Texte in Englisch und Französisch für die ausländischen Besucher an. Heute führt Brandes längst auch frei in Englisch und er kann sich auf Russisch verständigen. Hinzu kamen seinerzeit Baustellen-Führungen vor allem für Stifter, die ihr gespendetes Bauteil aus der Nähe sehen wollten. Das war allerdings nicht immer möglich.

Von den Kirchenführern der Anfangszeit sind nur noch zwei aktiv. Dieter Brandes ist unter jetzt 65 Kolleginnen und Kollegen der Zweitälteste. Einmal wöchentlich erklärt er seine Frauenkirche, beantwortet Fragen, vermittelt geistliche Impulse. Er kann auch von Alan Smith, dem inzwischen verstorbenen Schöpfer des Turmkreuzes berichten, den er 2002 in dessen Londoner Werkstatt besuchte.

Manchmal suche man ihn, erzählt der Senior mit dem kurzen weißen Bart lächelnd. Dann steht er am Lutherdenkmal. "Ich fange immer draußen an und zeige den heruntergestürzten Luther und den Trümmerberg." Nur so ist das Wunder zu verstehen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 27.05.2014

Genia Bleier

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