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Seifenlauge für die sozialistische Revolution

Studentinnen der Kunstakademie reinigen das Wandbild am Dresdner Kulturpalast Seifenlauge für die sozialistische Revolution

Sechs Studentinnen der Dresdner Kunstakademie wollen den „Weg der Roten Fahne“, das Wandbild am Dresdner Kulturpalast, wieder zum Leuchten bringen. Mit Wasser und Kernseife schrubben sie 300 Quadratmeter Beton und befreien so Zentimeter für Zentimeter künstlerische Umsetzung von 120 Jahren Klassenkampf vom Schlick der Zeit.

Mit Wasser und Kernseife rücken die Studentinnen der Kunstakademie dem Wandbild „Weg der Roten Fahne“ am Kulturpalast zu Leibe.

Quelle: Adina Rieckmann

Dresden. Die junge Frau mit der roten Fahne – angeschmutzt. Marx, Engels, Lenin, Thälmann und auch Ulbricht – in die Jahre gekommen. Braun der rote Stern. Nicht mehr deutlich lesbar die Inschrift: „Wir sind die Sieger der Geschichte“. „Der Weg der Roten Fahne“ ist blass. Seit 1969 hat nur der Regen dieses für viele Dresdner heute schwierige Denkmal gewaschen. Jetzt kümmern sich angehende Restauratorinnen darum. Mit Mutters Lieblingsrezept, nämlich nur mit Wasser und Kernseife, rücken sie dem Dreck auf den 450 Wandtafeln aus Beton zu Leibe und reinigen so den historischen Kampf der Arbeiterklasse. Fünf Wochen lang waschen, schwämmeln und schrubben sie die Tafeln, die Kiesel, die Steine. Fünf Wochen lang schließen, füllen und stopfen sie Fugen und Risse. Die sechs Studentinnen der Hochschule für Bildende Künste Dresden haben viel zu tun. Der Weg der roten Fahne ist monumental: 30 Meter breit und elf Meter hoch.

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Sechs Studentinnen der Dresdner Kunstakademie wollen den „Weg der Roten Fahne“, das Wandbild am Dresdner Kulturpalast, wieder zum Leuchten bringen.

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Es sind aber nicht die Steine und die Kiesel, die die Restauratorinnen reizen. Es sind die farbigen Flächen. „Diese farbigen Flächen sind Glasbrösel,“ erklärt Diplomrestauratorin Kristin Hiemann. Diese Glasbrösel seien zu DDR-Zeiten eine echte Sensation gewesen, erzählt sie weiter und sagt: „Erst wurden die ganz normalen Betonplatten mit Polymer beschichtet, dann wurden sie in einem aufwendigen elektrostatischen Verfahren mit ganz, ganz kleinen Glassplittern inkrustiert. Das heißt, unter Hochspannung, nämlich bei 90 000 Volt, wurden die farbigen Glasbrösel auf die Betonplatten geschossen und so dort befestigt.“ Dieses Verfahren sei eigens für dieses Wandbild am Kulturpalast entwickelt und in der DDR insgesamt fünfmal angewandt worden.

Eike Stöcker, zukünftige Restauratorin im ersten Studienjahr, ist begeistert: „Von diesen Glasmaterialien bin ich sehr fasziniert. Ich habe noch nie mit solchen modernen Materialien gearbeitet. So was sieht man sonst nirgendwo. Wirklich aufregend.“ Und mal was anderes als Wandmalereien in einer Kirche aus dem 17. Jahrhundert.

 Von all den Werken der sozialistischen Kunst der DDR ist der „Weg der roten Fahne“ eines der größten. Das Mosaikbild sollte eigentlich nicht den Kulturpalast, sondern ein Robotron-Gebäude schmücken. Der damalige Rat der Stadt wollte, dass es die Veränderbarkeit der Welt in Szene setzt. Allein schon der Arbeitstitel klang monumental: „1849 – 1969, 120 Jahre Kampf der revolutionären Kräfte der Stadt für Fortschritt und Sozialismus.“ Die künftigen Restauratorinnen wissen sehr wohl, dass dieser Fassadenschmuck mit der Geschichte ihrer Kunsthochschule eng verbunden ist. „Es war ein sozialistisches Studentenkollektiv, das diese Wandtafeln 1969 erschuf“, sagt Projektleiterin Kristin Hiemann und erzählt von der ehemaligen Fachrichtung „Wandmalerei“. Die Studenten hätten einen Entwurf ihres Rektors Gerhard Bondzin umgesetzt. Fotos von damals würden dies belegen. „Natürlich ist das Bild ein bisschen Propaganda“, meint Studentin Dana Weßling, „und trotzdem ist es wichtig, dass wir es für die Nachwelt erhalten.“ Es stehe schließlich unter Denkmalschutz. Elke Stöcker ergänzt: „Der Sozialismus gehört nun mal zur Geschichte Dresdens und auch zu Deutschland. Das ist so, ob mir das passt oder nicht. Dieses Wandbild ist unter ganz bestimmten Vorzeichen entstanden. Man kann es nicht einfach ignorieren.“

Kristin Hiemann ist froh, dass es die Kooperation zwischen Stadt und Kunsthochschule gibt und sagt: „Studenten unserer Hochschule haben an diesem Bild neun Monate lang mitgearbeitet. Da ist es doch nur konsequent, wenn sie heute wieder daran mittun, dieses Zeitdokument, was es zweifelsfrei ist, zu restaurieren. Sie erzählen damit ihre eigene Geschichte weiter.“

Wenn die Studenten der Kunstakademie fertig sind, haben sie 300 Quadratmeter gewaschen. Sie retten damit auch eines der wenigen noch erhaltenen Beispiele großflächig ausgeführter „Kunst am Bau“ der Nachkriegszeit in Dresden. In fünf Wochen ist der „Weg der roten Fahne“ wieder ein strahlendes Zeitdokument. Leuchtend klar ist dann wieder die junge Frau mit der roten Fahne, auffällig rot der braune Stern, kräftig blau das Grau von Marx und Co. Auch so kann man sich der Geschichte annähern. Mit Mutters Lieblingsrezept. Mit Wasser und Kernseife.

Von Adina Rieckmann

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