Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 8 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Schulverweigerung: 24-jährige Dresdnerin schüttelt bei Mc Mampf Fehler ihrer frühen Jugend ab

Schulverweigerung: 24-jährige Dresdnerin schüttelt bei Mc Mampf Fehler ihrer frühen Jugend ab

Claudia Beyer hat hier alles im Griff. In der Kantine der Jugendwerkstatt Mc Mampf verkauft sie Kaffee, Wasser, Eis oder Hühnerfrikassee. Kassiert, gibt Wechselgeld heraus.

Voriger Artikel
Projekt Ökoprofit geht in Dresden in die 5. Runde
Nächster Artikel
Am Wasaplatz bleibt kein Stein auf dem anderen

Die 24-Jährige, die hier Claudia heißt, hat in der Jugendwerkstatt Mc Mampf Halt gefunden und einige Tipps für Jugendliche.

Quelle: Anja Schneider

An anderen Tagen kocht sie auch selbst. "Ich könnte schon weiter sein, als mit 24 noch in der Jugendwerkstatt", sagt die junge Frau, deren Namen wir auf ihren Wunsch hin geändert haben.

Dabei fängt ihr Leben "ganz normal" an, sie kommt aus "behütetem Haus", wie sie sagt. Doch mit 12, 13 Jahren entdeckt sie ihr Interesse für die Clique auf der Straße. Sie fängt an zu kiffen. "Das ist nichts, worauf man stolz sein kann", ist ihr heute klar. Die Schule ist doof, die Eltern sind doof, alles ist plötzlich doof. Immer weiter rutscht sie in den "Drogensumpf". Das hat Folgen. "Ich bin nur noch zum Schlafen zu Hause gewesen." Auch in der Schule läuft nicht mehr viel. "In der 8. Klasse war ich zwei Wochen im Unterricht", erzählt Claudia. Das Kiffen mit den Freunden schien wichtiger.

Niemand kommt mehr an sie ran. "Meine Eltern haben gequatscht bis zum Umfallen, Familienhilfe war auch da, das Jugendamt stand ständig auf der Matte." Es wart alles vergeblich, zumindest zu dieser Zeit. "Es ging mir damals mächtig auf den Zünder."

Finanzierung schwierig

Es sind Projekte wie die Jugendwerkstatt oder die "2. Chance" vom Sächsischen Umschulungs- und Fortbildungswerk Dresden e.V. (SUFW), die in der Landeshauptstadt die Reintegration von Schulverweigerern in das Regelschulsystem anstreben - mit einer Kombination aus individueller Einzelfallhilfe, Unterricht und Werkstattarbeit. Nach fünf Jahren Bundesförderung ist die Finanzierung inzwischen komplizierter geworden. Das Geld kommt jetzt aus dem Topf für die sogenannten Hilfen zur Erziehung (HzE), dafür müssen die Erziehungsberechtigten einen Antrag stellen. Wie überall ist das Geld auch in diesem Bereich immer zu knapp. "Planungssicherheit und Kontinuität fehlen dadurch in den Projekten", erklärt Andreas Kutschke vom SUFW. Große Hoffnungen verbinden die Fachleute mit der Schulsozialarbeit, aber auch hier gibt es noch nicht ausreichend Kapazitäten.

Immer wenn Kinder nicht mehr in der Schule auftauchen, läuft ein vorgeschriebenes Prozedere an. Dazu gibt es eine lange Verwaltungsvorschrift von Kultus-, Sozial- und Innenministerium sowie der Landespolizei Sachsen, die genau regelt, wer wann wen zu informieren hat. Demnach könnte sogar die Polizei den Schüler zur Schule bringen. Vor allem sind aber Gespräche zwischen Schulen, Eltern, Schülern und Schulverwaltung geregelt.

"SiSi" verkürzt Verfahren

Um die Abläufe zu optimieren und vor allem zu verkürzen, hat die Jugendgerichtshilfe im Jugendamt Dresden mit Partnern das Projekt "SiSi" entwickelt. SiSi steht für "Schnelle institutionelle Schuldistanzintervention". Vom Schulverwaltungsamt bis zum Jugendrichter am Amtsgericht verzahne es die Zusammenarbeit der Behörden und Ämter besser, erläutert Rainer Mollik, Leiter der Jugendgerichtshilfe Dresden. So könnten die Institutionen schneller reagieren. Schuldistanz, wie Schuleschwänzen offiziell heißt, soll gar nicht erst zum Dauerzustand werden. Die Schüler so schnell wieder für den Schulbesuch zu gewinnen, kann deren Bildungschancen retten.

Die Zahlen waren zuletzt leicht rückläufig. 430 Ordnungswidrigkeitsverfahren wegen der Verletzung der Schulpflicht gab es 2014 in Dresden. Im Jahr davor waren es 459, die meisten Fälle teilen sich Berufsschulen und Oberschulen. Im Vergleich zu Leipzig mit viel höheren Zahlen (siehe Kasten) und im Vergleich zur Gesamtschülerzahl zeigt die Verfahrensstatistik laut Mollik, "dass in Dresden seitens der Schulen und der Jugendhilfe insgesamt ein tragendes, wenn auch verbesserungs- und ausbauwürdiges Hilfe- und Unterstützungsnetzwerk besteht".

Die Ursachen sind vielfältig. Neben dem "klassischen" vom Jugendlichen ausgehenden Schuleschwänzen wegen Lustlosigkeit ("kein Bock") und fehlendem Interesse gibt es nach den Erfahrungen der Experten auch Eltern, die ihre Kinder vom Schulbesuch abhalten, weil sie jüngeren Geschwister betreuen sollen. "Manchmal ist es auch das negativ vorgelebte Beispiel" von Eltern, die sich ohne geregelte Tagesstruktur motivations- und perspektivlos treiben lassen, sich selbst aufgegeben haben und in den Tag hineinleben, schildert Mollik. Teilweise fehlt Kindern die Zuwendung. Es kümmert sich keiner um sie. "Gleichgültigkeit" oder "Überforderung" prägen das soziale Umfeld. Dann sitzen die Jugendlichen nächtelang vor dem Fernseher oder PC und sind morgens viel zu müde, um zur Schule zu gehen. Oder sie schlafen dort ein. Doch es gibt auch ein neues Phänomen. Immer mehr Kinder sind "überbehütet oder verwöhnt", meint Uta Sawade, eine Psychologin beim Projekt "2.Chance". Das Umsorgen der Eltern gehe dann so weit, dass die Kinder nicht mehr in der Lage sind, selbst zu handeln, beispielsweise in die Schule zu gehen.

Bisweilen hören sich Lebensumstände von Schulverweigerern regelrecht abstrus an. Manche Eltern würden ihre Kinder erst ab 21 Uhr wieder zu Hause sehen wollen, andere gestatten dem Nachwuchs nicht, sich zu duschen, weil er nicht so viel Wasser verbrauchen soll. Dabei gehe es nicht um arme Menschen. Manche Kinder trügen die besten Klamotten, ihre Eltern seien Akademiker und verdienen gut. Aber die seien am meisten mit sich selbst, ihrer Karriere, ihrer Selbstverwirklichung beschäftigt. Einige Eltern rücken bei Problemen in der Schule gleich mit dem Anwalt an oder sie fallen der Jugendhilfe in den Rücken, weil sie das Fehlverhalten der Kinder beispielsweise durch "Krankmeldung und Entschuldigungsschreiben" decken. Oder sie verursachen permanente Überforderungen und damit Frust bei ihren Kindern, weil sie nicht auf Ratschläge der Schule hören und einen zu anspruchsvollen Schulabschluss anstreben. Eigentlich müsste die Betreuung schon bei den Eltern ansetzen. In der Kommunikation zwischen Eltern und Schule hakt es offenbar auch immer häufiger. "Schul-Suspendierungen sind als Mittel der Wahl immer beliebter und haben aus unserer Sicht keinen Erfolg", schätzt Mollik ein.

40 Arreste vollstreckt

Für das Schuleschwänzen müssen auch Claudias Eltern Strafen zahlen, erinnert sie sich. In Dresden sind im vergangenen Jahr Bußgelder von 40 525 Euro verhängt worden, mehr als 43 000 waren es im Jahr davor. Durch die Bezahlung der Strafen werden etwa 20 Prozent der Verfahren abgeschlossen. Als Alternative sind jedoch auch Arbeitsstunden denkbar, für fünf Euro Bußgeld ist eine Stunde Arbeit fällig. Auch die Annahme von Betreuungs- und Unterstützungsangeboten kann Bußgelder hinfällig machen. Schließlich ist ein Ordnungswidrigkeitsverfahren auch mit einer Woche Arrest aus der Welt geschafft, der im Jugendarrest auf dem Hammerweg abzusitzen ist. Das will Mollik möglichst vermeiden. Den Ursachen sei damit nicht beizukommen. Außerdem können im Arrest die Schulverweigerer auch auf Leute treffen, die beispielsweise wegen schwerer Körperverletzung im Rahmen des "Warnschussarrestes" einsitzen. "Eine solche Strafe verändert nichts", meint auch Andreas Kutschke vom SUFW. Nach Molliks Zahlen sind 2014 insgesamt 220 Arreste festgesetzt worden, davon seien etwa 40 letztlich auch vollstreckt worden. "In der Regel geht es da um vier Tage", erläutert der Leiter der Jugendgerichtshilfe.

Inwieweit es nach dem Ordnungswidrigkeitsverfahren tatsächlich wieder zum Schulbesuch kommt, wird weder im Jugendamt noch im Schulverwaltungsamt statistisch erfasst. Der jeweilige Schulleiter müsste es wissen, einen Überblick gibt es damit aber nicht. Sawade schätzt, dass es in 60 bis 70 Prozent der Fälle gelingt, die jungen Menschen wieder in die Schule zu bekommen, in die bisherige, eine andere oder die Berufsschule. Auch weiterführende Maßnahmen wie die Jugendwerkstätten oder zur Berufsvorbereitung zählt sie dazu.

Bei Claudia sind die Geldstrafen für die Eltern nutzlos, in die Schule geht sie deshalb nicht. Mit 18 zieht sie zu Hause aus. Lebt in der Neustadt, Geld kommt vom Amt. Sie versucht eine Lehre als Beiköchin, es gibt Fehlzeiten, sie fliegt raus. 2008 kommt sie zum ersten Mal in der Jugendwerkstatt an. Sie hält sich damit eine Weile über Wasser. Doch die Drogengeschichte ist noch nicht zu Ende, Crystal ist auch dabei. Dann reift langsam die Erkenntnis, dass es so nicht weitergehen kann. Mit 21 nimmt ihr Leben eine jähe Wende. Sie ist schwanger. "Bei der Ärztin habe ich erstmal geheult", erinnert sich Claudia. Nach einigem Hin und Her entscheidet sie sich für das Kind. Sie hat "echt coole Familienhelfer". Ihr Sohn ist jetzt zweieinhalb Jahre alt. "Wir sind eine richtige Happy-Family", lacht sie. Doch ein Selbstläufer ist das normale Leben noch lange nicht. Frühere Freunde haben auch finanzielles Chaos zurückgelassen, von der Hundesteuer bis zu Internetbestellungen, alles nicht bezahlt. Sie hat tausende Euro Schulden.

Berufswunsch und ein Traum

In der Jugendwerkstatt verdient sie fünf Euro am Tag. Das reißt sie nicht raus. "Aber es ist ein geordneter Tagesablauf." Aufstehen, Kind versorgen, zur Betreuung bringen, arbeiten gehen. Danach wieder ums Kind kümmern. Ende des Tages. "Ich habe zu tun und sitze nicht herum." Mit praktischer Arbeit soll die Lust am Lernen wieder hervorgebracht werden. Erfolge sollen sichtbar werden. "Du bist was, du kannst was", erläutert Uta Sawade das Prinzip. Wenn die jungen Leute gewillt sind mitzumachen, haben sie eine Chance, fügt sie hinzu.

Claudias Freund hat eine Arbeit. Sie brauchen derzeit nur noch einen Zuschuss für die Wohnung. "Ich bin so froh, vom Amt weg zu sein. Das ist so ätzend, von anderen abhängig zu sein." Sie weiß, dass sie dafür selbst verantwortlich ist. Ihren Eltern macht sie keine Vorwürfe. "Ich kann jedem jungen Menschen nur raten, die Finger von dem Crystal-Dreck zu lassen, das zerstört alles." Die Drogen seien halt leicht zu bekommen. Manchmal möchte sie die Zeit am liebsten zurückdrehen, die Schule ordentlich machen, einen Beruf lernen. "Aber dann bin ich auch wieder froh, wie es ist, mit dem Kind und so." Sie hofft nicht, dass ihr Sohn auch irgendwann mit Drogen auftaucht.

Ab November hat sie einen Kita-Platz, ab September schon nimmt sie einen neuen Anlauf zum Berufsabschluss. "Kochen macht mir unheimlich Spaß." Sie möchte Beiköchin werden, hat jedoch auch etwas Angst vor der neuen Etappe in ihrem Leben. "Aber vielleicht reicht es dann mal, um ein Auto zu kaufen oder in den Urlaub zu fahren." Ihr großer Traum ist "irgendwann vielleicht mal ein kleines Haus". Bis dahin baut sie im Kleingarten Gemüse an. "Das ist unsere Wohlfühloase." Sorgen machen da nur Nacktschnecken, die die Zucchini anfressen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 07.04.2015

Ingolf Pleil

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Lokales
23.10.2017 - 14:57 Uhr

Für Manuel Konrad geht es in der zweiten Runde des DFB-Pokals mit Dresden in seine alte Heimat zum SC Freiburg.

mehr
Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Wettersponsor

Das Wetter in und um Dresden präsentiert Ihnen die Toskana-Therme Bad Schandau.