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Schneckenpost: TU-Doktorand will die Umwelt durch langsameren Paketversand schützen

Schneckenpost: TU-Doktorand will die Umwelt durch langsameren Paketversand schützen

Viele Menschen lieben den bequemen Online-Einkauf von Büchern, Schallplatten und CDs über Elektrogeräte und Computerzubehör bis hin zu Bekleidung.

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Ein Zalando-Paket wird im Paketzentrum gescannt.

Quelle: Oliver Berg

Der deutsche Einzelhandel vertreibt fast zehn Prozent seiner Produkte über den Versandweg. Das entspricht einer Umsatzsumme von insgesamt 30 Milliarden Euro im Jahr – Tendenz steigend. Allein für den Platzhirsch Deutsche Post DHL sind mehr als 50.000 Zusteller unterwegs.DHL schätzt, dass der Onlinehandel auf einen Anteil von 20 Prozent wachsen wird. Mit Konsequenzen für die Umwelt. Im Kampf um die Marktanteile peilen immer mehr Online-Händler eine Zustellung noch am selben Tag an. Bringdienste fahren parallel und nicht immer voll ausgelastet durch die Gegend, verbrauchen Benzin und schleudern Kohlendioxid in die Luft.

Online-Shopping kann und sollte umweltfreundlicher werden, findet der Verkehrswissenschaftler Matthias Schmidt. Dem Doktoranden an der TU Dresden schwebt vor, neben dem Standard- und Express-Versand eine zusätzliche klimafreundliche Lieferoption zu etablieren. Kunden sollten künftig beim Einkaufen im Internet die Wahl haben, sich für einen langsameren, aber dafür umweltfreundlichen Versand zu entscheiden. „Warten für das Klima“ hat Schmidt seine Idee der Ökoversandoption genannt. „Haben die Anbieter mehr Zeit, können Ressourcen in der Logistik maßgeblich geschont werden“, sagt Schmidt. Bislang führten vor allem Expresslieferungen dazu, dass die Fahrzeuge nicht optimal ausgelastet sind. Bliebe den Versandunternehmen mehr Zeit, könnten die Lkws treibstoffsparender fahren und müssten nicht mehr halb leer über die Autobahn donnern. Pakete würden an den Umschlagplätzen länger gesammelt, um die Transportfahrzeuge komplett voll zu packen.

„Die Vermeidung von Fahrten hat ein großes Einsparpotenzial“, erläutert Schmidt. Schon drei bis fünf Tage erweiterten den Handlungsspielraum für eine effizientere und ressourcensparende Zustellung. Der Wissenschaftler kann sich sogar vorstellen, für Langstrecken einen Postwagen im Güterverkehr einzusetzen. Nach Berechnungen des Instituts für Energie- und Umweltforschung (ifeu) produziert der Verkehr auf der Schiene bis zu drei Mal weniger Kohlendioxid als vergleichbare Transporte auf der Straße. Schmidt glaubt, dass sein Konzept bei den großen Logistikdienstleistern Interesse findet. „Die Klima-Option dient dem Image der Unternehmen und entspricht unserem Zeitgeist“, sagt der 27-Jährige. „Die Reduzierung von Kohlendioxid steht auf der Tagesordnung, warum sollten sich dem große Logistiker verschließen?“ Schon jetzt bieten alle großen Zusteller klimaneutrale Versandarten an oder zumindest weniger klimaschädliche, durch Reduzierung des CO2-Ausstoßes oder durch Ausgleichen der unvermeidbaren Emissionen.

Der Dresdner Doktorand findet diesen Ansatz richtig – doch wenn man die Logistikprozesse verändere, könnte noch mehr CO2 eingespart werden. Laut DHL verursacht ein Paket vom Lager des Händlers bis zur Haustür bislang etwa ein halbes Kilogramm klimaschädliches Kohlendioxid. Das könnte viel weniger werden, ist sich Schmidt sicher, denn diese Berechnungen gehen alle von einer schnellstmöglichen Lieferung aus. Mit seinem Konzept liegt der Wissenschaftler im Trend der Logistikbranche, die auf Entschleunigung setzt. Die Containerschifffahrt hat die neue Langsamkeit bereits entdeckt. Beim sogenannten Slow Steaming drosseln große Handelsschiffe ihre Geschwindigkeit, um Treibstoff zu sparen. „Warum soll Entschleunigung nicht auch in der kleinteiligen City-Logistik funktionieren?“, fragt Schmidt. „Auch die Warenwirtschaft innerhalb der Städte wird sich bis Ende des Jahrzehnts maßgeblich ändern.“

Eine Potenzialanalyse soll nun in einem nächsten Schritt aufzeigen, wie, wann und auf welche Art am besten gespart werden kann. Wie müssen Logistikkonzepte verändert werden, wann lässt sich die Auslastung optimieren und welche innovativen Transportfahrzeuge gibt es? Schmidt kann sich vorstellen, aktuelle alternative Zustellvarianten mit „Warten für das Klima“ zu verbinden. Würden Kunden ihre Sendungen selbst abholen oder die Zusteller auf Fahrrädern oder Rikschas kommen, könnten CO2-Emissionen weiter gesenkt werden. Auch das elektrisch betriebene Postauto sei eine Option. Zudem will Schmidt herausfinden, wie hoch Interesse und Akzeptanz bei den Nutzern sein könnten. Für die Akzeptanz einer Ökoversandoption spricht die Studie Einzelhandel im Wandel des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts vom Mai 2013. „Verbraucher achten immer mehr darauf, dass Produkte, die sie erwerben, umweltschonend und sozial verantwortlich hergestellt werden“, heißt es darin. Das könnte auch für den Paketversand gelten.

Die mit Abstand größten Umsätze werden zudem mit den Bestellungen von Bekleidung und Elektronikartikeln erzielt – alles Ware, auf die man fünf Tage warten könnte, der Umwelt zuliebe. Alle CO2-Einsparungen sollten dem Kunden beim Bestellen transparent gemacht werden, fordert Schmidt. Der Kunde sollte zudem einen Teil des finanziellen Vorteils als Boni bekommen – „Warten für das Klima“ könnte also günstiger werden als der Standardversand. Schmidts Konzept hat die Community auf der unternehmensübergreifenden Plattform moving-ideas.net so überzeugt, dass sie es zum Sieger ihres Innovationswettbewerbes krönte. Die Community, bestehend aus Logistik- und Mobilitätsexperten, sollte zukunftsweisende Ideen in den Bereichen „Klimaneutrale Mobilität und Logistik“ sowie „Mobilität und Logistik im ländlichen Raum“ eingeben, weiterentwickeln und bewerten.

Das Onlineforum wie auch der Wettbewerb sind auf Initiative der Deutschen Bahn entstanden; als Partner sind die Technische Hochschule Aachen, Siemens, Bombardier, General Electric und die Berliner Verkehrsbetriebe dabei. Schmidt erhielt den mit 5000 Euro dotierten Preis von Bahnchef Rüdiger Grube persönlich überreicht. Erste Kontakte mit Logistikdienstleistern hatte Schmidt nach eigener Auskunft bereits, und positive Signale habe es auch gegeben. Am Ende der Forschungen könnte eine geschäftliche Ausgründung stehen: ein Öko-Dienstleister und Spezialanalyst für die Umweltbilanz von DHL, Hermes und dem Deutschen Paketdienst (DPD). Später sollen auch Onlinehändler wie Amazon dazukommen. Wichtig ist Schmidt jedoch vor allem, das zunehmende Umweltbewusstsein der Kunden mit einer zukunftsfähigen Verkehrswirtschaft zu verknüpfen. „Ich hoffe, zu diesem Prozess etwas beitragen zu können.“ Ein Ökoversand wäre eigentlich überfällig. In Deutschland werden jährlich rund zwei Milliarden Pakete verschickt, die indirekt für eine Emission von einer Million Tonnen Kohlendioxid sorgen. Hinzu kommen nach Angaben des Logistik-Portals Log.Kompass etwa 140 Millionen Rücksendungen im Jahr. Nur für diese werden 70.000 Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre geblasen.

Katrin Tominski

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