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Schikane mit System - Eine Dresdnerin wird über Jahre von ihren Vorgesetzten drangsaliert

Schikane mit System - Eine Dresdnerin wird über Jahre von ihren Vorgesetzten drangsaliert

Elena Mainhold* strahlt auf den ersten Blick alles andere als Zerbrechlichkeit aus. Die Mittvierzigerin hat freundliche, rundliche Gesichtszüge. Sie lächelt viel und scheut keine direkten Blicke, wenn sie über das spricht, was ihr widerfahren ist.

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Als sie nach langer psychischer Erkrankung zurückkehrte an ihre Arbeitsstelle, wartete auf Elena Mainhold die fristlose Kündigung. Am Montag startet der Prozess gegen die Mobbingtäter. Eine Abfindung hat sie bereits bekommen.

Quelle: picture alliance

Jahrelang wurde die Dresdnerin an ihrem Arbeitsplatz systematisch schikaniert und beleidigt. "Dass ich damals gemobbt wurde, musste mir erst einmal jemand sagen", erklärt sie heute. "Man selbst will das ja einfach nicht wahrhaben."

Studien zufolge sind Mobbingfälle am Arbeitsplatz längst keine Seltenheit mehr. Laut Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin liegt die Mobbingquote bei Erwerbstätigen bei rund elf Prozent. Insbesondere jüngere Mitarbeiter zwischen 20 und 30 Jahren und ältere Kollegen zwischen 51 und 60 Jahren werden häufig gemobbt. Meist sind es männliche Vorgesetzte, die ihre Angestellten schikanieren.

Auch bei Elena Mainhold war das der Fall. Seit 1994 war die zweifache Mutter bereits in dem bundesweit agierenden Unternehmen tätig, machte sich als erfolgreiche Projektleiterin einen Namen. "Das Firmenklima war bis dahin immer gut, ich habe meinen Job damals geliebt", berichtet sie. Doch als 2008 der Chef der Firmenzentrale wechselte, schlug die Stimmung von einem auf den anderen Tag um. "Der Neue vertrat die Meinung: Frauen können keine Projektleiter sein. Das habe ich ziemlich schnell zu spüren bekommen," erzählt Mainhold. Nach zwei Monaten landete die erste Abmahnung auf ihrem Tisch. "Angeblich hatte ich einen intern vereinbarten Termin nicht eingehalten, was völliger Quatsch war", so Mainhold. Von da an sei sie nur so mit Arbeitsaufträgen überhäuft worden, obwohl sie eigentlich nur einen 30-Wochenstunden-Vertrag hatte. Tag und Nacht schuftete die junge Frau im Auftrag der Firma und musste immer auf Abruf bereit stehen. "Manchmal bin ich um 4 Uhr früh in die Firma gekommen und erst halb zehn am Abend wieder nach Hause gegangen", berichtet sie mit wuterfüllten Augen. Ihre Arbeit sei immer harsch kritisiert worden, trotz zufriedener Kunden.

2009 stieg dann auch noch ein neuer Niederlassungsleiter in die Firma ein. Ihm musste sie schließlich über jeden Arbeitsschritt Rechenschaft ablegen. "Jede Kleinigkeit musste ich begründen - und das bei einer Aufgabe, die ich seit Jahren erfolgreich erledigt hatte", meint Mainhold. Je mehr Arbeitszeit sie mit den Besprechungen verplemperte, umso mehr Aufträge erhielt sie gleichzeitig. "Die wollten mir zeigen, dass ich das einfach nicht schaffen kann", vermutet die Dresdnerin.

Irgendwann wurde sie sogar an ihren freien Tagen in die Firma abkommandiert. Als ihre beiden Kinder im Krankenhaus lagen, forderte ihr Chef sie auf, alles stehen und liegen zu lassen und eine kurzfristig anberaumte Geschäftsreise anzutreten. Immer wieder musste sie Schriftstücke neu aufsetzen, weil irgendeine Kleinigkeit angeblich nicht stimmte und nutzlose Listen führen. "Auf einer Geschäftsreise hat mir mein Chef mal gesagt: ,Sie sehen aber scheiße aus.' - Da hatte ich mehrere Tage hintereinander nicht geschlafen", sagt Mainhold mit zitternder Stimme, deren Fröhlichkeit gänzlich aus ihrem Gesicht verschwunden ist.

Warum es gerade die Vorgesetzten sind, die besonders häufig und aggressiv mobben, dazu gibt es nur Vermutungen. Schätzungen zufolge kosten Mobbing-Fälle Unternehmen zwischen 30 000 und 50 000 Euro pro Jahr. Angesichts von eineinhalb bis zwei Millionen Menschen, die jährlich in Deutschland gemobbt werden, verliert die Wirtschaft so mehrere Milliarden.

Als Elena Mainhold auch noch während ihres Urlaubs mit ständigen Anrufen ihres Chefs tyrannisiert wurde, zog sie die Reißleine. Sie wandte sich in einem Beschwerdebrief an den Geschäftsführer der Firma. Geschlafen hatte sie da seit Wochen kaum noch. Bevor es zu einem Personalgespräch kommen konnte, schickte sie eine Kollegin zum Arzt. "Meine Kollegen und Freunde erkannten mich einfach nicht wieder", sagt sie heute. "Erst da erkannte ich: Ich bin ein Mobbingopfer." Für vier Wochen ließ sich Mainhold in einer psychiatrischen Klinik behandeln, nahm Antidepressiva und starke Schlafmittel. "Meine Chefs verhielten sich währenddessen ziemlich ruhig, ich war ja erst mal aus dem Weg geräumt", erzählt sie unter Tränen.

Mehrere Monate musste sie zu Hause bleiben, bis sich die junge Mutter erholt hatte und entschied, den Weg zurück ins Büro anzutreten. "Am Tag meiner Rückkehr hat man mir mitgeteilt, dass sich die Firma von mir trennen wird", so Mainhold. Ihr altes Büro war längst von einem anderen besetzt.

Inzwischen geht es Elena Mainhold wieder einigermaßen gut. Sie hat neue Arbeit gefunden und eine Abfindung von der alten Firma eingeklagt. Kommende Woche beginnt der Prozess um ihren Mobbingfall. Dort wird sie auch das erste Mal wieder ihrem Chef in die Augen sehen, der sie über Jahre schikanierte. "Den werde ich nicht mehr vergessen", sagt Mainhold. "Wissen sie: Ich habe meine Arbeit einmal sehr gern gemacht. Heute arbeite ich nur noch, weil ich muss."

*Name von der Redaktion geändert

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 26.04.2014

Susann Schädlich

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