Volltextsuche über das Angebot:

12 ° / 2 ° wolkig

Navigation:
Google+
Rhythmus im Blut: Im Dresdner Jugendklub Spike gründen eritreische Flüchtlinge eine Band

Rhythmus im Blut: Im Dresdner Jugendklub Spike gründen eritreische Flüchtlinge eine Band

Die Tür des Jugendclubs Spike an der Karl-Laux-Straße in Altstrehlen öffnet sich und der Rhythmus springt einem sofort ins Ohr. Von irgendwoher kommt ein tiefes Trommeln.

Voriger Artikel
Dresdner Forscher prüfen Behandlung psychischer Erkrankungen
Nächster Artikel
Appell auf dem Dresdner Nordfriedhof erinnert an Attentat vom 20. Juli

Mitglieder der Band "Red Sea" vor dem Spike. Der Jugendclub stellt den Eritreern zweimal in der Woche einen Proberaum zur Verfügung. Seit Anfang des Jahres hat das Spike seine Türen für die Flüchtlinge, die meist in Prohlis untergebracht werden, geöffnet.

Quelle: Hauke Heuer

Immer auf die erste Zählzeit rumst es durch den langen Flur. Dazwischen hört man schnelles Klatschen und hohe Obertöne, die sich in den Gängen verlieren. Die Jugendlichen und Asylbewerber, die die Computer benutzen oder Billard spielen, lassen sich von der Dauerbeschallung nicht stören. Der schlagende Rhythmus gehört seit einigen Monaten zum Inventar, zur Atmosphäre des Jugendklubs.

Im Spike hat sich seit Anfang diesen Jahres einiges geändert. Die Einrichtung hat ihre Türen für die meist eritreischen Asylbewerber geöffnet, die vor allem im benachbarten Prohlis dezentral untergebracht wurden. Mehrmals wöchentlich bevölkern dutzende junge eritreische Männer und Frauen den Jugendclub, kochen gemeinsam, spielen Tischtennis, surfen im Internet und versuchen vor allem, der Tristesse und der Langeweile ihrer Unterkünfte zu entkommen.

Was eignet sich dafür besser als Musik? Mehr als 20 Flüchtlinge haben eine Band gegründet und spielen traditionelle eritreische Musik. Im Proberaum des Spike sitzen sie dicht gedrängt und trommeln auf Holzkisten und Keberos, einer eritreischen Trommel. Der 20-jährige Haben spielt die Krar, ein Saiteninstrument, das über kein Griffbrett verfügt. Die Saiten werden durch die sanfte Berührung der Finger gekürzt, wie bei einem Gitarristen, der Flageoletttöne spielt. Es handelt sich um eine Sonderanfertigung - in der Werkstatt des Spike hergestellt. Zur Combo gehört auch ein Keyboard, das immer wieder die scheinbar gleichen Melodien in ewiger Variation wiederholt. Das Faszinierende: Die jungen Männer tauschen ihre Instrumente, als wäre es das einfachste der Welt.

"Wir sind alle sehr musikalisch, denn wir sind mit der Musik aufgewachsen", erklärt einer der Eritreer. Die Lieder, die die Band spielt, sind allen Beteiligten altbekannt. "Es handelt sich um traditionelle eritreische Musik, die Geschichten aus dem Leben erzählt", sagt der ebenfalls 20-jährige Daniel. "Es geht natürlich um die Liebe, aber auch darum, seine Heimat verlassen zu müssen".

Wie die meisten seiner Landsmänner ist der junge Mann vor einem Jahr über das Mittelmeer gekommen. Die Menschen flüchteten vor dem repressiven Regime in ihrem Heimatland. Offiziell befindet sich der arme und vom Krieg gebeutelte Staat auf dem Weg in die Demokratie, doch Präsident Isayas Afewerki regiert mit harter Hand. Oppositionelle werden gezielt festgenommen und gefoltert oder getötet. Wahlen finden nicht statt. Die Organisation Reporter ohne Grenzen benennt Eritrea als das Land mit der niedrigsten Pressefreiheit weltweit.

Dank dieser Umstände können sich die Eritreer Hoffnung machen, dass ihre Anträge auf Asyl bewilligt werden. Im vergangenen Jahr wurde jeder zweite Antrag eines eritreischen Staatsbürgers in Deutschland positiv entschieden. Die andere Hälfte darf in der Regel aufgrund der Regelungen des Dublin-Verfahrens nicht in Deutschland bleiben, sondern muss wieder in das EU-Einreiseland ausreisen.

Doch die Verfahren dauern lange und den Flüchtlingen bleibt nichts, als im Spike die Zeit totzuschlagen. Ihre Band haben sie nach dem heimischen Meer "Red Sea" getauft. Auftritte sind allerdings noch nicht geplant. "Wir müssen noch üben", sind sich die jungen Männer einig.

"Vielleicht kann die Band zum 20. Jubiläum unseres Jugendklubs auftreten. Die Feier muss aber erst noch organisiert werden", sagt die Gründerin und Leiterin des Spike, Ellen Demnitz-Schmidt, die neben ihrem Engagement für die Flüchtlinge seit Jahrzehnten die lokale Graffiti-Szene unterstützt. Sie und ihre Mitarbeiter haben derzeit alle Hände voll zu tun. "Die Resonanz auf unser Angebot ist sehr gut", sagt die Pädagogin und fügt hinzu: "Ohne ehrenamtliche Unterstützung könnten wir das nie stemmen."

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 22.07.2015

Hauke Heuer

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Lokales
  • 13. Februar

    Ob Gedenken, Täterspuren oder Menschenkette: Alle Infos finden sie in unserem Special zum 13. Februar in Dresden mehr

  • Semperopernball
    Semperopernball

    Alle Infos, alle Highlights, die schönsten Bilder - der Semperopernball in Dresden. mehr

Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Wettersponsor

Das Wetter in und um Dresden präsentiert Ihnen die Toskana-Therme Bad Schandau.