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Redebedarf außerhalb des Elfenbeinturms: TU-Dresden-Professoren diskutieren mit Bürgern über Pegida

Redebedarf außerhalb des Elfenbeinturms: TU-Dresden-Professoren diskutieren mit Bürgern über Pegida

Pegida ist rein zufällig entstanden, aber im konservativen Dresden auf fruchtbaren Boden gefallen. Der oft als „Pegidaversteher“ betitelte Politikwissenschaftler Werner Patzelt lieferte die Kernthese im sonntäglichen Gespräch zwischen TU-Professoren und Dresdner Bürgern, das gestern erstmals im Kleinen Haus stattfand.

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Die TUD-Professoren Werner Patzelt (l), Karl-Siegbert Rehberg und Wolfgang Donsbach diskutierten mit Dresdnern über Pegida, Professorin Dagmar Ellerbrock moderierte.

Quelle: Tanja Tröger

Neben Patzelt hatten Soziologieprofessor Karl-Siegbert Rehberg und Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Donsbach auf dem Podium Platz genommen. Das Interesse war groß, der 400-Personen-Saal bis zum letzten Platz gefüllt. Debattieren lässt es sich in einem solchen Rahmen freilich schwer, und so gingen viele Besucher nach zwei Stunden unzufrieden heim, weil sie nicht zu Wort gekommen waren.  

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Beim Auftakt der neuen Veranstaltungsreihe "Philosophische Fakultät downtown" saßen die TU-Professoren Dagmar Ellerbrock, Werner Patzelt, Karl-Siegbert Rehberg und Wolfgang Donsbach auf dem Podium.

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Vielleicht war der Spagat etwas zu gewagt, Pegida erklären und gleichzeitig persönliche Standpunkte diskutieren zu wollen. So war die Veranstaltung eher eine Wissensschau der Dresdner Geistes- und Sozialwissenschaftler. Verständlich: Ein völlig neues, unbeackertes Thema direkt vor der Haustür – das hat man als Forscher nicht oft. Pegida bietet es: Warum hat die Bewegung in Dresden begonnen, warum ist sie ausgerechnet hier so stark?

„Es war sehr zufällig, dass sich in Dresden eine Facebook-Gruppe gefunden hat, aber es braucht Voraussetzungen, damit daraus etwas Großes wird“, so Patzelt. Erstens – Patzelt liebt Aufzählungen – brauche es eine Großstadt mit vielen Menschen, zweitens konservative Strömungen, also Menschen, die so leben möchten, wie sie es schon immer taten. Da pflichtete ihm Rehberg mit spitzer Zunge bei: „Dresden war eine gute Bühne. Dresden ist eine selbstverliebte Stadt, die kein Außen braucht, keine Flüchtlinge, keine moderne Kunst.“ Allerdings seien zu den Pegida-Spaziergängen nicht nur Dresdner, sondern Menschen aus ganz Sachsen gekommen.

Drittens gibt es laut Patzelt in Dresden, bedingt durch die jahrzehntelange Debatte um das „richtige“ Gedenken an den 13. Februar 1945, ein sehr sensibles Anti-Rechts-Netzwerk, das bei Themen mit „Rechts-Verdacht“ sofort anspringe. Diese Verurteilung der Montagsspaziergänger als Nazis habe bei ihnen zu einer trotzigen Gegenreaktion geführt.

Der Charme des Realen

Ursache Nummer 4 steuerte Soziologe Rehberg bei: die spezifische DDR-Erfahrung. Der Transformationsprozess habe bei allen Ostdeutschen einen Bruch in der Biographie hervorgerufen, der im Westen gar nicht wahrgenommen werde, so Rehberg. Zudem habe in der DDR eine „eingeübte Halbdistanz zum System“ bestanden, die viele ehemalige DDR-Bürger auf das neue Gesellschaftssystem übertragen hätten.

Darauf baut Punkt Nummer 5 auf: In Ostdeutschland ist laut Patzelt die Akzeptanz demokratischer Prozesse seit Jahren deutlich geringer als im Westen, „und diese Lücke schließt sich nicht“. Während der Westen eine „langjährig gesicherte Erfahrung mit Wohlstand“ habe, sorgten sich die Menschen im Osten um ihre Zukunft. Sie nähmen wahr, dass die Realität und der gesellschaftliche Diskurs auseinanderklaffen. Zudem seien viele Themen der stark westdeutsch geprägten Gesellschaftsdebatte nicht ihre eigenen. Die Bürger kündigten innerlich, betrachten den Parlamentarismus und seine Protagonisten verächtlich. Bei Pegida hingegen fühlten sie sich verstanden. Allerdings kamen, das warf ein Zuschauer ein, bei Pegida nicht „die wirklichen Probleme“ wie Sicherung des Lebensunterhalts, bezahlbare Wohnungen oder Angst vor Altersarmut zur Sprache. Genau diese „Diffusität der Punkte“ sei ein wesentliches Mobilisierungsmoment bei Pegida gewesen, entgegnete Rehberg.

„Lügenpresse!“

Dass das Thema „Lügenpresse“ nicht unerwähnt bleiben würde, wenn ein Kommunikationswissenschaftler auf dem Podium sitzt, ist klar. Wolfgang Donsbach erläuterte gleich in seinem Eingangsstatement, warum die Medienvertreter pauschal als Lügner und Wort-im-Mund-Verdreher abgestempelt werden: „Die ’Theorie des feindlichen Mediums’ besagt, dass man Berichterstattung stets aus der eigenen Perspektive verzerrt wahrnimmt. Ein Artikel kann noch so ausgewogen sein – wenn man eine stark ausgeprägte Haltung hat, empfindet man ihn als verzerrt.“ Unabhängig davon sei der größte Imageschaden nicht durch die Pegida-Spaziergänge selbst, sondern durch die Medienberichterstattung entstanden, meinte er und erntete tosenden Applaus des überwiegend älteren Publikums.

Unbewältigte Nazivergangenheit als Pegida-Ursache?

Die Frage einer dänischen Studentin, die in Dresden zu Pegida forscht, sorgte für Raunen im Saal: Ob es sein könne, dass die nicht bewältigte deutsche Geschichte des Drittens Reichs in Zusammenhang mit den Abendspaziergängen stehe. Indirekt, meinte Donsbach: Die Leute würden gern konservative Werte wie Nationalstolz weiterleben, hätten aber das Gefühl, das nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr offen äußern zu dürfen. In der DDR wurde der Faschismus gleich per Gesetz als ausgerottet erklärt. Dieses jahrzehntelange Unter-dem-Deckel-Halten ist laut Donsbach dann beim Thema Zuwanderung ausgebrochen – die Asyldebatte aus Anlass für Pegida. Kollege Patzelt machte sogar ein fehlendes stimmiges Nationalbewusstsein aus. Viele Deutsche hätten das Gefühl, gar keine wertvolle Kultur zu haben, an die sich Zuwanderer anpassen sollten.

Die Frage einer älteren Frau, wie Demokratie in einer multiethnischen Gesellschaft funktionieren soll, blieb unbeantwortet. Der Gesprächsbedarf ist noch lange nicht erfüllt. Die Dresdner wollen gehört werden.

ttr

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