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Razzia gegen Infinus bedeutet dramatischen Einschnitt für das Dresdner Unternehmen

Razzia gegen Infinus bedeutet dramatischen Einschnitt für das Dresdner Unternehmen

Was nach Abschluss der Ermittlungen gegen den Dresdner Finanzdienstleister Infinus von den Vorwürfen übrigbleiben wird, ist ungewiss. Eins steht jedoch fest. Die Razzia vom Dienstag bedeutet einen dramatischen Einschnitt in der Geschichte eines rasant wachsenden Unternehmens, dessen Gründer kurz nach der Wende ganz klein angefangen und inzwischen das ganz große Rad gedreht haben.

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Quelle: DNN

Als Jens Pardeike und Jörg Biehl gemeinsam mit weiteren Versicherungsmaklern aus dem Raum Dresden im Jahr 1989 die Versicherungsmehrfachagentur Biehl & Partner gründeten, haben sie sich wohl nicht träumen lassen, dass sie einmal ein Milliardenvermögen von mehr als 30 000 Anlegern verwalten würden. Mehr als 20 Jahre später ist aus ihrer Agentur ein Konzern geworden, der alles anbietet, was Anleger interessieren könnte. Das Wachstum, das sie dabei hingelegt haben, ist atemberaubend. Das Firmengeflecht, in dem der Vorstand des einen Unternehmens im Aufsichtsrat des anderen sitzt, ist auf den ersten Blick verwirrend, aber wohl auch dem Anspruch geschuldet, alle Arten von Finanzdienstleistungen abzudecken.

Immer wieder äußerten Branchenkenner Skepsis, ob bei den Geschäften alles mit rechten Dingen zugeht. Die Renditeversprechen seien einfach zu hoch, sagten viele, die nur darauf warteten, dass das alles wie ein Kartenhaus zusammenbricht. Aber bislang konnte man der Infinus-Gruppe und der Future Business KG aA kein gesetzwidriges Verhalten nachweisen. Nun sind die Finanzaufsichtsbehörde BaFin und die Staatsanwaltschaft Dresden offenbar der Ansicht, dass Hinweise aus der Branche, die seit langem immer wieder mal bei ihnen eingehen, doch nicht nur Störfeuer neidischer Konkurrenten sind. Auch die BaFin war an den Durchsuchungen vom Dienstag beteiligt. Allerdings ist aus dem Verwirrspiel, das die Ermittler betreiben, auch noch nicht eindeutig abzulesen, welcher Schaden den Anlegern entstanden sein könnte.

Dazu, wer die sechs Beschuldigten sind, gegen die am Mittwoch die Haftbefehle des Amtsgerichts Dresden vollstreckt worden sind, wollten sich weder Staatsanwaltschaft noch LKA konkret äußern. Nach DNN-Informationen gehören aber auf jeden Fall Jens Pardeike, Chef der „Infinus AG Finanzdienstleistungsinstitut" (FDI) und Andreas Kison, Geschäftsführer der im Jahr 2000 gegründeten Capital Business GmbH mit Sitz in Frankfurt am Main und Vorstand der „Infinus AG Ihr Kompetenz-Partner" sowie Aufsichtsrat bei FDI dazu.

Die FDI bietet – mit den BaFin-Lizenzen zur Anlage- und Abschlussvermittlung sowie Anlageberatung nach dem Kreditwesengesetz (KWG) ausgestattet – unabhängigen Finanzdienstleistern nach eigenen Angaben die Möglichkeit, Finanzinstrumente und Vermögensverwaltungsmandate unter einem so genannten Haftungsdach zu vermitteln. Insbesondere erfolgreiche Finanzdienstleister und Bankaussteiger, wirbt das Unternehmen, erhielten auf diesem Wege Zutritt in die Wertpapierliga und Zugriff auf exklusive und gehobene Kapitalanlageprodukte, ohne eine eigene Lizenz erwerben zu müssen.

„Solche Haftungsdächer", sagt Nero Knapp, Justitiar des Verbandes unabhängiger Vermögensverwalter, „sind deshalb so wichtig für unabhängige Finanzvermittler, weil sie damit die Interessen der Kunden vertreten können und nicht dem Druck von Auftraggebern ausgesetzt sind, vor allem deren Produkte zu verkaufen.

Gemessen an den Provisionserlösen ist die FDI seit 2010 die Nummer 1 unter den deutschen Haftungsdächern. Laut Rangliste der Cash.Finanzberater haben viele Haftungsdächer im vergangenen Jahr deutlich zugelegt. Knapp führt das auch auf einen Vertrauensverlust in die Banken nach der Finanzkrise zurück. Wie andere Firmen der Infinus-Gruppe fällt die FDI jedoch durch ein fulminates Wachstum auf. Die Provisionserlöse stiegen gegenüber 2011 um knapp 100 Prozent auf 43,5 Millionen Euro. Das sorgt in der Branche immer wieder für Misstrauen. Denn das Geld des Future-Business-Konzerns, in dessen Auftrag die FDI Anleihen vertreibt, steckt vor allem in Immobilien, gebrauchten Lebensversicherungen, Unternehmensbeteiligungen und Edelmetallen. Das sind langfristige Geldanlagen, während die Anleihen oft kurzfristig gekündigt werden können.

In der Branche wird deshalb immer wieder ein Verdacht laut. Laut Oberstaatsanwalt Lorenz Haase geht es bei den Ermittlungen auch darum, ob es sich bei den Orderschuldverschreibungen von Infinus um ein so genanntes Schneeballsystem handelt, das letztendlich die Einlagen der Neukunden vor allem braucht, um Zahlungen an die Anleger zu finanzieren. Solche Systeme sind auf ein ständiges Wachstum angewiesen.

In die Schlagzeilen geraten war Infinus erst im April dieses Jahres, als die Augsburger Aktienbank eine Kooperationsvereinbarung mit dem Dresdner Haftungsdach ordentlich gekündigt hatte, weil ihr die Geschäftsentwicklung nicht passte.

Im September äußerte dann das Branchenportal Fonds aktuell offen Zweifel am Geschäftsmodell. Nur ein Umschwenken vom Versicherungs- in den Goldhandel habe das Unternehmen vor Verlusten bewahrt und Gewinne in den Büchern entstünden auch dadurch, dass Future Business selbst zu seinen guten Kunden zähle.

Pardeike hatte noch im Sommer gegenüber DNN auf die Frage zu Gefahren des ungebremsten Wachstums erklärt, man habe das alles im Griff. Durch die eigene Ausbildungsakademie sei gesichert, dass die Finanzvermittler, die unterm Dach von Infinus arbeiten, in Bezug auf rechtliche Rahmenbedingungen immer auf dem neuesten Stand seien. Auch habe man parallel zum Wachstum die interne Revision gestärkt. Viele der von Infinus angebotenen Geldanlagen seien nichts für Otto Normalverbraucher, der damit eventuell seine Altersvorsorge finanzieren will, sondern Risikokapital. Das sage man den Kunden auch. Wer nicht das nötige Kundenprofil habe, dem würden riskante Anlagen auch nicht verkauft.

Man wolle auch weiter kräftig wachsen, hatte der FDI-Chef ebenso angekündigt. Ende 2012 hatte sich die Infinus-Gruppe durch zwei Unternehmensbeteiligungen weitere Marktchancen gesichert – eine an der Brenneisen Capital AG in Wiesloch, die seit 2000 nach Angaben von Infinus mehr als 800 Fonds mit einem Gesamtumsatz von einer Milliarde Euro vermitteln konnte, und eine an der Hans John Versicherungsmakler GmbH in Hamburg, die sich auf Vermögensschaden-Haftpflicht-Versicherungen spezialisiert hat und Finanzmaklern passgenaue Verträge anbietet.

Infinus werde die Augen offenhalten, was mögliche weitere Beteiligungen betrifft, hatte Pardeike den DNN gesagt, und zugreifen, wenn sich die Gelegenheit ergibt. Auf die Frage nach konkreten Zukunftsprojekten hatte er erklärt, man werde schon bald von Infinus hören. Sicher hatte er damit andere die Dinge im Blick als jene, die derzeit für Schlagzeilen sorgen.

Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft könnten wegen des Umfangs der gesicherten Beweismittel einige Zeit dauern. Aber Infinus könnten die Anleger und die Zeit davonlaufen. Wenn zu viele der Anleger angesichts der Entwicklung um ihr Erspartes fürchten und schnellstmöglich ihr Geld zurückhaben wollen, wird es für Future Business möglicherweise schwierig, ihnen pünktlich und solide verzinst ihr Geld zurückzuzahlen. Das ist ja bislang trotz vieler Zweifel bei Konkurrenten und Branchenkennern immer gelungen. Von 1,8 Milliarden Euro. Anleihen wurden bereits 1,1 Milliarden zurückgezahlt.

Holger Grigutsch

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