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Psychoterror Stalking

Geliebt, gehasst, gejagt Psychoterror Stalking

Geliebt, gehasst, gejagt – viele Stalking-Opfer leben in einem Alptraum, verbringen Tage, Wochen, Monate, Jahre in Angst. Gerichtliche Verfügungen bessern die Lage selten, Stalker finden immer neue Wege, sich ihren Opfern zu nähern. Ein neuer Gesetzentwurf will Betroffene nun besser schützen.

Beim Stalking geht es nicht mehr um Verehrung oder Zuneigung, sondern der Täter will sich nur noch rächen, den anderen unter Druck setzen.

Quelle: dpa-Zentralbild

Dresden. Was anderes als ein Alptraum ist das? Morgens zum Briefkasten zu gehen und seine eigene Traueranzeige zu finden. Nicht nur einmal, zweimal. Mehrmals. Franziska lebt in diesem Alptraum. Sie findet diese Beileidschreiben in ihrer größten Not, als sie Angst hat zu sterben. Gerade haben die Ärzte die Diagnose Krebs gestellt. Sie sagen auch, ihre Überlebenschancen seien nicht sehr hoch. Franziska aber will leben, sie muss weiterleben. Sie ist Mutter von drei Kindern. In dieser Zeit vergewaltigt sie ihr Mann. Deshalb trennt sie sich von ihm – nach 20 Jahren Ehe. Doch als sie nach einer Chemotherapie nach Hause kommt, beginnt der Psychoterror.

Seit 2010 lebt Franziska in Angst. Seitdem droht er ihr. Der gewalttätige Mann lauert ihr auf, beschimpft sie, quält sie und ihre Kinder. „Ich habe mich gewehrt, ich musste mich von diesem Mann trennen“, sagt Franziska und dass sie die Schlösser für alle Türen im Haus ausgetauscht habe: „Er stand immer wieder davor, brüllte und schlug gegen die Wohnungstür. Er muss unsere Angst geradezu gerochen haben. Die Jungs sind mit dem Taschenmesser in der Wohnung herumgerannt.“

„Er war permanent da“

Die Dresdnerin will den Schrecken endlich hinter sich lassen, sie will ein neues Leben aufbauen. Deshalb meldet sie ihre Telefonanschlüsse ab, zieht sie um. Die neue Adresse bietet ihr dennoch keine Sicherheit. Ihr Exmann lauert ihr überall auf – an der Tankstelle, an der Schule, vor der Praxis. Und er findet sie. Versteckt sich im Garten, im Keller, auf dem Boden. Schleicht durch das ganze Haus und schaut durch den Spion. Die Angst von Franziska kann man deutlich hören. Nur zittrig kommen die Worte über ihre Lippen: „Wir haben Bewegungsmelder im Haus. Deshalb geht sofort das Licht an, wenn sich im Dunkeln dort jemand aufhält. Wir haben durch den Spion immer sein Auge gesehen. Immer und immer wieder. Er war permanent da.“ Ihr Exmann belässt es nicht dabei. Er randaliert auch, zerstört Türen, Fensterscheiben, zersticht Autoreifen. Die Physiotherapeutin leidet. Zur Krebserkrankung kommen massive Schlafstörungen hinzu, ihre Arme und Hände werden taub, zwei Jahre lang kann sie nicht schlafen – vor Angst. Die Ärzte verschreiben ihr Psychopharmaka. Irgendwann setzt Franziska die Tabletten ab, sie will kämpfen, für sich und ihre Kinder, sie will sich nicht aufgeben.

20 000 Stalkingfälle pro Jahr

Die Geschichte der 45-Jährigen ist typisch. Sie gehört zu den etwa 20 000 Stalkingfällen, die in Deutschland pro Jahr von der Polizei aufgenommen werden. Allein in Sachsen wurden im Jahr 2014 über 1400 Stalkingopfer gezählt, davon sind mehr als 80 Prozent der Opfer Frauen. Franziska wehrt sich, sie ruft nicht nur die Polizei, sie zeigt ihren geschiedenen Mann auch an. Es kommt sogar zu einem Gerichtsprozess, zu einer Verurteilung, zu einer Geldstrafe, zu Kontaktverboten. Ihren Exmann aber ficht das nicht an. Auch das sei typisch, meint Gerichtspsychiater Stephan Sutarski: „Hier geht es nicht mehr um Verehrung oder Zuneigung, sondern der Täter will sich nur noch rächen, den anderen unter Druck setzen – für die enttäuschte Erwartung.“ Das Opfer, so Sutarski weiter, solle sich einfach nur noch ohnmächtig fühlen. Dieses Ohnmachtsgefühl ist es auch, das Opfer wie Franziska daran hindert, vor Gericht auszusagen. Alles auszusagen. Zu groß ist die Angst, die Panik, ihr geschiedener Mann könne ihr und den Kindern etwas antun. „Nie im Leben hätte ich dem Gericht damals alles erzählen können. Ich hatte einfach keine Kraft mehr. Er hatte einfach Macht über mich. Und ich war nur noch kaputt.“

Stalking ist Psychoterror

Stalking ist Psychoterror.

Quelle: Adina Rieckmann

Auch das ist kein Einzelfall. Eine Befragung von 42 000 Frauen innerhalb der EU im Jahr 2014 hat ergeben, dass nur eine von vier betroffenen Frauen zur Polizei geht. Viele Opfer schweigen aus Angst und Scham. Diejenigen aber, die sich den Gerichtsverfahren stellen, werden oftmals von ihrem Peiniger sogar vor den Richtern beleidigt und noch einmal gedemütigt, bestätigt der Gerichtspsychiater: „In den Gerichtsverhandlungen fallen oftmals Sätze wie: Ich hab doch gar nichts weiter gemacht. Die Frau ist einfach hysterisch, die übertreibt.“

„Man kann nur reagieren, nicht agieren“

Die Physiotherapeutin wird seit nunmehr fünf Jahren von ihrem geschiedenen Mann gestalkt. Trotz Prozess ist noch kein Ende in Sicht. Er mischt sich nach wie vor in ihr Leben ein. Sie zeigt ihn an, doch je länger diese Geschichte läuft, desto mutloser wird sie. Von dem Gericht erwartet sie immer weniger. Verständlich, wie Rechtsanwältin Karin Meyer-Götz meint: „Man hinkt immer ein bisschen hinterher. Wenn jemand gegen das Verbot verstößt, dann habe ich natürlich gerichtliche Maßnahmen, Strafmaßnahmen, die möglich sind. Aber man kann nur reagieren, nicht agieren. Das macht es so schwer für die Betroffenen.“

Seit 2007 stellt der sogenannte Nachstellungsparagraf 238 des Strafgesetzbuchs Nachstellen, auch Stalking genannt, unter Strafe: Wer einem Menschen unbefugt und beharrlich nachstellt und ihn dadurch in seiner Lebensgestaltung schwerwiegend beeinträchtigt, kann mit bis zu drei Jahren Gefängnis bestraft werden. Doch was genau heißt „beharrlich“ oder „schwerwiegend“? Rechtlich schwerwiegend ist nur, wenn jemand seinen Arbeitsplatz oder seinen Wohnort wechseln muss. Angst, Panikattacken und Schlaflosigkeit zählen nicht dazu.

Hilfe für Stalking-Opfer

Traumaambulanz Seelische Gesundheit, Lukasstraße 3, 01069 Dresden, 0351 41726750, traumaambulanz@uniklinikum-dresden.de

*sowieso* Kultur Beratung Bildung, Frauen für Frauen e. V., Angelikastraße 1, 01099 Dresden, (0351) 804 14 70, kontakt@frauen-ev-sowieso.de

Opferhilfe Sachsen e.V., Heinrichstraße 12, 01097 Dresden, 0351 / 801 01 39, dresden@opferhilfe-sachsen.de

Dresdner Interventions- und Koordinierungsstelle D.I.K., Fröbelstr. 55, 01159 Dresden, 0351 / 8567 210, dik@fsh-dresden.de

http://www.gegenstalking.de

http://www.stop-stalking.de

http://www.stalking-justiz.de

Psychoterror schwer zu beweisen

Stalking sei eben Psychoterror. Genau das mache es so schwierig, meint Simone Lorenz von der Polizeidirektion Dresden. „Diese psychische Gewalt ist ganz, ganz schwer nachzuweisen. Und genau das muss ich, weil in dieser Nachstellung ja noch ganz andere Straftaten mit involviert sind, wie Beleidigungen, Nötigung, Freiheitsberaubung, Körperverletzung.“ Dazu komme, sagt die Polizeihauptkommissarin noch, dass jedes Opfer anders sei und auch jeder Täter sich anders verhalte. Deshalb rät sie schon beim ersten Gespräch den Opfern vor Gericht, einen Antrag auf absolute Kontaktsperre zu stellen. Ohne den gehe es nicht, sagt sie und weiter: „In diesem Antrag steht eindeutig drin: Herr Soundso darf sich nur auf 200 Meter nähern, darf keine Telefonanrufe führen, darf keine SMS mehr schicken. Verstößt er dagegen, haben wir für das Gericht endlich eine verwertbare Handhabe.“ Das klingt schön, löse aber oftmals dennoch nicht das Problem, meint die Familienanwältin Meyer-Götz und verweist auf den Fall von Franziska: „Diese Verfolgungen per Telefon, per Email, per SMS kann man dokumentieren, das ist relativ einfach. Aber wie soll meine Mandantin die Begegnungen auf der offenen Straße beweisen? Wenn niemand dabei ist? Und wie beweist sie die ständig zerstochenen Autoreifen?“

Nur 700 Anklagen pro Jahr

Auch aus diesem Grund stehen den 20 000 Stalkinganzeigen pro Jahr lediglich rund 700 Anklagen gegenüber. Nur etwa 200 Täter aber werden verurteilt. Künftig sollen Täter leichter verurteilt werden können. Ein Gesetzentwurf von SPD-Bundesjustizminister Heiko Maas sieht vor, dass Nachstellungen nicht länger schwerwiegende Beeinträchtigungen des Lebens verursacht haben müssen. Das heißt, ein Opfer muss nicht erst umziehen, damit sich die Justiz mit dem Fall beschäftigt.

Franziska glaubt nicht, dass eine Verschärfung des Gesetzes ihr helfen würde. Ihre Erfahrungen sind andere. „Ich verstehe das Gericht schon lange nicht mehr“, sagt sie und erzählt, dass ihr Exmann inzwischen den Spieß umgedreht habe: „Das müssen Sie sich mal vorstellen. Er stalkt mich und stellt Anzeigen, klagt mich an! Dass ich das kaputt gemacht habe und dies und jenes. Das ist unglaublich. Er behauptet das vor der Polizei, obwohl ihm das vom Gericht längst verboten wurde. Und ich muss hin zur Polizei und mich jedes Mal erklären. Jedes Mal. Wissen Sie, wie ich mich da fühle?“ Die Dresdnerin hat nur noch einen Wunsch. Dass ihr Exmann endlich Ruhe gibt. Dass der Alptraum endlich vorbei ist. Der Alptraum dauert schon viel zu lange.

„Exakt – Die Story: Geliebt, gehasst, gejagt – Psychoterror Stalking“. Film von Adina Rieckmann am Mittwoch, 30. März 2016, 20.45 Uhr

Von Adina Rieckmann

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