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Private Dokumente der Familie Arnhold-Lewenz erstmals in Dresden zu sehen

Zeitkolorit auf Schmalfilm Private Dokumente der Familie Arnhold-Lewenz erstmals in Dresden zu sehen

Der Name Arnhold hat in Dresden einen guten Klang. Einen ganz speziellen Teil sehr privater und zugleich zeitkritischer Erinnerungen hat die Künstlerin Lisa Lewenz in ihrem Dokumentarfilm „A Letter Without Words“ bewahrt. Nun hat ihn die gebürtige Amerikanerin erstmals nach Dresden mitgebracht.

Lisa Lewenz war 1992 für ihren Film als Stipendiatin erstmals in Dresden.

Quelle: Anja Schneider

Dresden. Der Name Arnhold hat in Dresden einen guten Klang. Die Wohltaten der jüdischen Bankiersfamilie auf kulturellem, wissenschaftlichem und sozialem Gebiet für die Stadt sind noch immer zu spüren, für die Öffentlichkeit am deutlichsten erkennbar vielleicht am Georg-Arnhold-Bad, aber auch an Hochschulkooperationen und –stiftungen. Umgekehrt sieht die inzwischen weit verzweigte deutsch-amerikanische Familie in Dresden einen Ankerpunkt. Hier liegen ihre Wurzeln, hier reichen die Spuren bis ins Heute, hier beginnen Erinnerungen.

Einen ganz speziellen Teil sehr privater und zugleich zeitkritischer Erinnerungen hat die Künstlerin Lisa Lewenz – auch sie gehört zur großen Arnhold-Familie - in ihrem Dokumentarfilm „A Letter Without Words“ bewahrt. Auf vielen Festivals wurde ihr 1998 fertiggestellter 16-Millimeter-Streifen schon gezeigt und mehrfach ausgezeichnet. Nun hat ihn die gebürtige Amerikanerin erstmals nach Dresden mitgebracht. Einer der Zuschauer am Mittwochabend im Lingnerschloss war ihr Onkel Henry H. Arnhold. Mit seinen fast 95 Jahren ließ er es sich nicht nehmen, erneut seine Geburtsstadt Dresden aufzusuchen. Der Bankier, der die Technische Universität ebenso wie die Kunstsammlungen und den Bau von Frauenkirche und Neuer Synagoge unterstützte sowie Ehrensenator der TUD ist, sah dem einmaligen familiären Dokument mit Spannung entgegen.

Lisa Lewenz nennt die deutschsprachige Ausgabe ihres Films eine „Arbeitsfassung“. Eventuell plant sie nach eigener Aussage noch einmal eine Überarbeitung. Dabei ist die Aufbereitung des lebendigen, authentischen Materials beileibe kein Schnellschuss. 17 Jahre dauerte das Eintauchen in Geschichte - in die Lebensgeschichte ihrer Großmutter mütterlicherseits, die letztlich ihre eigene berührte und zum lange unterdrückten Austausch der Generationen wurde.

Erst im Alter von 13 Jahren erfuhr die Filmemacherin von ihren jüdischen Wurzeln. Ihr 1933 aus Deutschland emigrierter Vater war amerikanischer Staatsbürger geworden. Er ließ sich taufen und verbarg sein Judentum sorgfältig. „Wir lebten in der Gegenwart, waren nicht religiös“, sagt Lisa Lewenz. Erst in einer später entdeckten Tonaufzeichnung bekannte der Vater, dass Verleugnen keine Option ist. Das gab er gewissermaßen der Tochter mit auf den Weg der schwierigen Spurensuche. Die begann so richtig, als sie auf dem Dachboden ihres Elternhauses in Baltimore/USA den filmischen Nachlass ihrer Großmutter entdeckte. Die couragierte Oma Ella Arnhold-Lewenz (1883-1954) hat sie selbst nie kennengelernt.

Rückblick nach Dresden (wo der Film mit Aufnahmen der Augustusbrücke auch beginnt): Ella ist die älteste Tochter von Georg Arnhold, Bankier, Pazifist, Mäzen. Bereits 1864 war die Privatbank „Gebr. Arnhold“ in Dresden gegründet worden. Ihr Ende ist bekannt: Das erfolgreiche jüdische Unternehmen wurde 1935 von der Dresdner Bank übernommen. Da war Ella Arnhold-Lewenz längst Witwe. Sie hatte nach Berlin geheiratet und sechs Kinder geboren. Eigentlich sollten nach ihrem Tod neben Briefen auch ihre Tagebuchaufzeichnungen vernichtet werden. Glücklicherweise blieben sie erhalten, ebenso wie die Schmalfilme der begeisterten Film-Amateurin. Heute ergibt dieses Material ein wertvolles Zeitkolorit.

Es beginnt als filmisches Tagebuch im Ersten Weltkrieg, zeigt ein exklusives Leben mit prominenten Freunden wie Albert Einstein, Georg Hauptmann, Georg Kolbe oder Ferienaufenthalte, kommentiert aber auch die Novemberrevolution in Berlin. Auf Wohlstandsbilder folgen solche der Judenausgrenzung, Hakenkreuze und Uniformen. Seit 1933 war privates Filmen eigentlich verboten. Oma Ella tat es trotzdem. 1938 emigrierte sie in die USA und filmte bis kurz vor ihrem Tod weiter. Enkelin Lisa suchte die Schauplätze der Vergangenheit auf und verschnitt das historische Material mit der Gegenwart. Sie versuchte die Gefühlswelt der Großmutter zu erforschen, befragte Familienmitglieder und ließ sogar die Mundbewegungen in den Filmen von Experten analysieren.

Bei ihrer Ausreise hatte Ella nur wenige persönliche Sachen bei sich, darunter die Filme. Sie sollten der Nachwelt erhalten bleiben, ist sich die Enkelin sicher. In der Familie wurde nie über das Vergangene gesprochen. Antworten bis hinein in die unmittelbare Gegenwart, in der Flucht und Vertreibung alltäglich sind, liefert nun dieses Puzzle.

Lisa Lewenz, geboren 1955, studierte am Art Institute of Chicago und am California Institute of Arts. Sie ist Multimedia-Künstlerin, arbeitete als Projektleiterin für Christo und ist Dozentin und Leiterin des Edgar-Allen-Poe-Museums in Baltimore. 1992 war sie für ihren Film als Stipendiatin erstmals in Dresden.

Öffentliche Aufführung des Dokumentarfilms Donnerstag, 18 Uhr im Clubkino Lingnerschloss. Anmeldungen über den Förderverein, Tel.: 6465382. Anschließend beantwortet Lisa Lewenz Fragen.

Von Genia Bleier

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