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Praktica-Konstrukteur Böhm in Dresden gestorben

Kameraproduktion Praktica-Konstrukteur Böhm in Dresden gestorben

Der Konstrukteur der legendären Spiegelreflexkamera „Praktica“, mit der zu DDR-Zeiten sehr viele Fotografen gearbeitet haben, ist tot: Siegfried Böhm (1921-2016) ist in Dresden gestorben. Das hat seine Familie mitgeteilt. Die Trauerfeier ist für Freitag angekündigt.

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Dresden. Der Konstrukteur der legendären Spiegelreflexkamera „Praktica“, mit der zu DDR-Zeiten sehr viele Fotografen gearbeitet haben, ist tot: Siegfried Böhm (1921-2016) ist in Dresden gestorben. Das hat seine Familie mitgeteilt. Die Trauerfeier ist für Freitag angekündigt.

Der hochbetagte Ingenieur galt als der letzte namhafte Zeitzeuge und Vertreter der Tradition der Dresdner Fotoindustrie, der noch über die 1930er und 1940er Jahre berichten konnte – und persönlich für diese Tradition stand. Wie kein anderer führender Mitarbeiter der Dresdner Kamera-Industrie hat er die Entwicklung der Kameratechnik und deren Produktionstechnologie beeinflusst und gefördert.

Siegried Böhm, geboren am 18. Juli 1921, verbrachte seine Kindheit mit den Eltern, Martin und Erna Böhm sowie dem älteren Bruder Gerhard in seinem Geburtsort Witschdorf im Erzgebirge und besuchte dort die ersten Klassen der Volksschule. Mit zehn Jahren wurde er Internats-Schüler der „Oberschule Zschopau“, die er ab März 1936 verlassen musste, da der Vater – bis 1934 arbeitslos – die erforderlichern Kosten nicht mehr aufbringen konnte und der ältere Bruder das begonnene Abitur abschließen sollte.

Ab März 1936 bis April 1939 war er als Praktikant in der Sächsischen Kartonagen-Maschinenfabrik AG in Dresden, Blasewitzer Straße tätig, zuletzt im Konstruktionsbüro.

Ab Mai 1939 arbeitete er als Teile-Konstrukteur bei der Zeiss Ikon AG. Derweil schloss er ein Abendstudium an der Technischen Lehranstalt Dresden als Techniker ab. Er wurde im November 1939 zur Wehrmacht einberufen. Nach schwerer Verwundung aus dem aktiven Wehrdienst ausgeschieden, setzte er seine Tätigkeit für die Zeiss Ikon AG ab Frühjahr 1943 als Konstrukteur in der Verschluss-Abteilung bei Friedrich Schieber mit den Arbeiten an einem 4-Rollen-Schlitzverschluss fort.

Die Landesregierung Sachsen beorderte Böhm am 12. Januar 1946 als technischen Spezialisten in die „Kamerawerkstätten Niedersedlitz“, die früher Charles A. Noble gehörten. Die „Sowjetische Militär-Administration“ hatte von den Kamerawerkstätten gefordert, die Produktion der Kleinbildspiegelreflexkamera „Praktiflex“ in Gang zu bringen. Doch der Betrieb schaffte weder die geforderten Stückzahlen noch die gewünschte Qualität, daher forderte er den Spezialisten an.

In dieser Zeit entwickelte Böhm aus der „Praktiflex“ mit neuen Merkmalen des Verschlusses, der Objektivanpassung, der Formgebung und mit den Grundlagen der technologischen Reproduzierbarkeit eine neue Spiegelreflexkamera, das Grundmodell der „Praktica“. Diese sollte über Jahrzehnte hinweg das bekannteste und bedeutendste Produkt der Dresdner Fotoindustrie bleiben.

Siegfried Böhm übernahm am 1. Januar 1948 als Werkleiter den Betrieb VEB Kamerawerkstätten Niedersedlitz. Er war gleichzeitig als Technischer Leiter und Chefkonstrukteur tätig und absolvierte extern ein Ingenieur-Studium, das er 1955 als Ingenieur der Fachrichtung Feinmechanik abschloss.

1950 gründete er mit jungen Absolventen der technischen Fach- und Hochschulen und bewährten Kamerafachleuten eine außerordentlich wirksame Entwicklungsstelle des Spiegelreflexkamerabaues, in der neben den weiteren Modellen der „Praktica“ insbesondere die „Praktina“ und die „Praktisix“ entstanden. Nach dem Konzentrationsprozess zum „VEB Kamera- und Kinowerke Dresden“(KKWD) begann ab 18. September 1961 seine Tätigkeit als Direktor für Technik, die er im Kombinat VEB Pentacon 20 Jahre lang, bis 1981, ausfüllte.

Im Zusammenhang mit dem verzögerten Produktionsanlauf der „Praktica B 200“ und seinen Protesten gegen Formalismus und Unzulänglichkeiten bei der Bereitstellung mikroelektronischer Bauelemente geriet er zunehmend in Kritik und bat um seine Ablösung, die an seinem 60. Geburtstag 1982 folgte. Anschließend arbeitete Siegfried Böhm bis Ende 1988 als Sonderbeauftragter des Generaldirektors Dr. Ulrich Schönemann unter anderem für das Produktionsprogramm des VEB Kamerafabrik Freital.

Böhm war auch ein Ideengeber für die technologische Rationalisierung im wachsenden Kamera-Großbetrieb. Durch die von ihm mitinitiierte Fließband-Montage konnte Pentacon schließlich über 400 000 Spiegelreflexkameras pro Jahr fertigen. Siegfried Böhm war in jeder Zeit seines Wirkens mit Weitblick tätig, sowohl als technischer Fachmann für die Entwicklung wie auch als Organisator der Produktion und Initiator der Betriebsentwicklung. Er war die Integrationsfigur der Kamera- und Kinoindustrie der DDR.

Für seine Verdienste wurde er 1962 zum Oberingenieur ernannt, 1971 als „Verdienter Techniker des Volkes“ ausgezeichnet und erhielt 1973 für seinen Beitrag zur Entwicklung und Produktion des Mikrofilmsystems „Pentakta“ den Nationalpreis für Wissenschaft und Technik II. Klasse der DDR im Kollektiv.

Auch nach dem Übergang in den beruflichen Ruhestand blieb Siegfried Böhm als Zeitzeuge und Ratgeber aktiv. Er starb am 23. Juli 2016, kurz nach seinem 95. Geburtstag, in Dresden.

Von Dr. Gerhard Jehmlich

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