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Podiumsdiskussion in positiver Stimmung: 350 Bürger debattieren über Asyl in Dresden-Löbtau

Podiumsdiskussion in positiver Stimmung: 350 Bürger debattieren über Asyl in Dresden-Löbtau

Wenige Tage, bevor das erste neue Übergangswohnheim für Asylbewerber in Dresden-Löbtau eröffnet wird, haben rund 350 Bürger über die Asylproblematik gesprochen.

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Etwa 350 Dresdner verfolgten die Podiumsdiskussion "Geflüchtete in Löbtau - eine Herausforderung?!".

Quelle: Tanja Tröger

Auf dem Podium saß neben Experten wie Sozialbürgermeister Martin Seidel (parteilos) auch ein Flüchtling. Eine offene und freundliche Atmosphäre prägte den Abend – völlig anders als bei der Sitzung des Cottaer Ortsbeirates Anfang November. Damals war erstmals öffentlich die Unterbringung von Asylsuchenden im Dresdner Westen debattiert worden. Neben einigen positiven Wortmeldungen hatten zahlreiche ältere Bürger Bedenken und Ablehnung geäußert, teils in sehr aggressiver Stimmung. Daraufhin gründete sich aus engagierten Bürgern sowie Vertretern von Kirchgemeinden, Vereinen und Parteien das Netzwerk „Willkommen in Löbtau“, das nun die Podiumsdiskussion in der Hoffnungskirche organisierte.

Nachdem Marko Schmidt vom Sächsischen Flüchtlingsrat grundlegende Fakten zum Thema Asyl vorgestellt hatte, konnten die Zuschauer in sogenannten „Murmelrunden“ ihre Fragen und Anregungen auf kleine Zettel schreiben. Drei volle Pinnwände waren schließlich mit gelben Karteikarten gespickt. Fragen nach dem Asylverfahren, den Lebensbedingungen der Flüchtlinge und nach konkreten Hilfsmöglichkeiten dominierten die Tafeln. Die Fachleute auf dem Podium gaben Auskünfte zu den gewünschten Punkten.

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Auf Dutzenden Zetteln schrieben die Löbtauer ihre Fragen, Angebote und Anregungen zur Asylthematik nieder.

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Novum: Erfahrungsberichte aus erster Hand

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Der 2003 geflüchtete Kassem Taher Saleh und die Sozialbetreuerin Ingrid Blankenburg schilderten ihre Erlebnisse.

Quelle: Tanja Tröger

Erstmals wurde nicht nur über Asylsuchende, sondern auch mit ihnen gesprochen. So erzählte der 2003 aus dem Irak geflüchtete Kassem Taher Saleh, wie er seine Zeit in einem Übergangswohnheim erlebt hat. Während die Kinder sich relativ leicht integrieren konnten, weil sie die Schule besuchten und im Fußballverein kickten, litten seine Eltern unter dem Leerlauf. „In ihrer Heimat hatten sie einen Beruf, einen festen Tagesablauf, und haben Wertschätzung durch ihre Arbeit erhalten. Aber wenn man keinen Beitrag mehr zur Gesellschaft leisten kann, ist das eine enorme psychische Belastung.“ Aufgrund der damals geltenden Residenzpflicht und finanzieller Engpässe habe seine Familie nicht mal in Orte der Umgebung reisen können. Langeweile war die Konsequenz – vor allem in den Schulferien.

Sozialbetreuerin Ingrid Blankenburg, die sich seit 2011 um Asylsuchende kümmert, nannte die Sprachbarriere, kulturelle Unterschiede und die fehlende Beschäftigung als Hauptprobleme. „Alle Flüchtlinge eint, glaube ich, dass sie lieber arbeiten würden als staatliche Leistungen entgegenzunehmen.“ Die Mitarbeiterin des Vereins für soziale Integration von Ausländern und Aussiedlern wünschte sich deshalb, dass möglichst vielen Asylsuchenden eine Arbeit angeboten werden würde.

Wort des Abends: Lernprozess

Politik und Stadtverwaltung, auf dem Podium vertreten durch Sachsens Ministerin für Wissenschaft und Kultur Eva-Maria Stange (SPD) und Dresdens Sozialbürgermeister Martin Seidel (parteilos), verwiesen immer wieder darauf, dass man sich „in einem Lernprozess“ befinde. Vor allem die städtische Informationspolitik zum Thema Asyl schätzten mehrere Bürger als zu spät und zu gering ein. Seidel zeigte Einsicht und betonte, das Wichtigste sei „Information, Information, Information“. Dabei helfen sollen Internetseiten wie www.dresden.de/asyl und www.willkommen-in-loebtau.de, auf denen Fragen beantwortet werden. Auch die Expertenauskünfte vom Mittwochabend sollen dort veröffentlicht werden.

Als Zuschauer nach einer ähnlichen Informationsveranstaltung beispielsweise in Cotta fragten, meinten sowohl Seidel als auch Stange, dass diese von engagierten Stadtteilbewohnern ausgehen müsse. „Es muss zunächst ein gesellschaftliches Netzwerk da sein“, so Stange. Bislang gibt es eine solche Bürgerinitiative in Cotta nicht.

Veränderte Grundstimmung in Dresden

Bürgermeister Seidel stellte zwischen den Stadtteilen starke Unterschiede im Umgang mit Asylsuchenden fest: Während in Laubegast etliche Bürger das geplante Übergangswohnheim ablehnten, erlebe er in Löbtau eine sehr offene Stimmung. In beiden Gebieten leben bislang keine Flüchtlinge.

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"Die Grundstimmung in Dresden ist nicht die, die elf, zwölf Mal montags durch die Stadt gezogen ist, sondern die, die heute Abend hier herrscht", sagte Bürgermeister Martin Seidel (parteilos).

Quelle: Tanja Tröger

Superintendent Christian Behr machte eine veränderte Empfangskultur aus: Noch vor einem halben Jahr seien nur wenige Interessenten zu Gesprächsangeboten gekommen, heute seien Veranstaltungen wie die in der Hoffnungskirche rappelvoll. Dialog zwischen Anwohnern und Asylsuchenden helfe dabei, Reibereien zu beseitigen, bestätigte Sozialbetreuerin Blankenburg anhand ihrer Erfahrungen im Pillnitzer Gustavheim.

Vor einer anderen Tendenz warnte Eva-Maria Stange. „Unterhalb der Gewaltschwelle gibt es ein Problem“, sagte sie. Seit den Pegida-Spaziergängen hätten viele Menschen keine Scheu mehr, sich in aller Öffentlichkeit rassistisch zu äußern, sei es auf Kundgebungen oder vor laufender Kamera. Der geflüchtete Kassem Taher Saleh sagte, dass er sich seit Herbst auf der Straße oder beim Einkaufen „total unwohl“ fühle. „Wenn ich jetzt Aussagen wie von Herrn Tillich höre, dann fühle ich mich nicht willkommen. Ich glaube, mit der Aussage hat er einen ganz großen Schaden angerichtet, von dem er selber nicht weiß, welches Ausmaß er annimmt.“

Superintendent Behr forderte daher: „Wir sind alle aufgerufen, gegen offene rassistische Äußerungen verbal oder mit Aktionen zu wirken!“ Beim Thema Armutsflüchtlinge verwies der Christ darauf, dass „wir als reiches Land mal schauen sollten, was wir selbst im Rucksack haben“ und erntete starken Applaus für dieses Statement gegen die Angst vor „Sozialschmarotzern“. Behr sagte zudem, dass der christlich-muslimische Dialog intensiviert werden solle.

Organisatoren erleichtert und froh

Die Veranstalter vom Netzwerk „Willkommen in Löbtau“ und Moderatorin Petra Schickert vom Kulturbüro Sachsen zeigten sich positiv überrascht, dass der Abend ohne Anfeindungen und heftige Kontroversen ablief. „Bei der Bürgerversammlung in Leuben habe ich da ganz Anderes erlebt, das war traumatisch“, sagte Schickert. „Die Herausforderungen werden jetzt sein, zum einen die vielen Fragen des Abends zu sortieren, zu beantworten und auf unserer Website zu veröffentlichen, und zum anderen, all die Hilfsangebote mit der Nachfrage in Einklang zu bringen – so eine Art Ehrenamtsbörse“, sagte Netzwerk-Mitstreiter Alexander Bigga. Das nächste Treffen der Willkommensinitiative findet am 18. Februar in der Hoffnungskirche statt.

Tag der offenen Tür im neuen Flüchtlingsheim „T 8“

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Anfang Februar 2015 sollen 40 Asylbewerber in das Wohnheim an der Tharandter Straße einziehen.

Quelle: Tanja Tröger

Am Freitag gestaltet das Willkommensnetzwerk den Tag der offenen Tür im neuen Wohnheim mit, für das sich am Mittwochabend der Kurzname „T 8“ entwickelt hat. Von 12 bis 17 Uhr können Interessierte die Räume besichtigen und sich im gegenüberliegenden Jugendhaus „T 3“ über die Asylthematik informieren. Dass ein Begleitprogramm geboten und die „Besuchszeit“ um eine Stunde verlängert wurde, ist den engagierten Löbtauern zu verdanken, die sich auch von Kommunikationsproblemen mit dem Sozialamt nicht demotivieren ließen.

Obwohl die Willkommensinitiative frühzeitig ein Programm für den 30. Januar entwickelt hatte, setzte sich „das Sozialamt erst am 28.1., nur zwei Tage vor dem Tag der offenen Tür, mit dem Netzwerk an einen Tisch“, so Netzwerksprecher Frederik Kuschewski. „Wir haben kommuniziert, dass wir hier die Infrastruktur haben, und die haben sie nicht angenommen, obwohl sie überlastet sind.“ Nun hoffen die Löbtauer auf einen besseren Draht zum Sozialamt, und auch Bürgermeister Seidel gelobte Besserung, verwies aber gleichzeitig auf den Personalmangel im Amt.

ttr

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