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Plastegeld von morgen ist hölzern und animiert

Chipkarten Plastegeld von morgen ist hölzern und animiert

Die elektronische Karte der Zukunft kann aussehen wie Birken-Holz, auf einem Bildschirm zeigt sie kleine Videos und sie ist mit Sensoren vollgestopft, die protokollieren, wie heiß unser Leben ist. An solchen und ähnlichen Chipkarten forscht „Plasticard ZFT“ Dresden.

 Die Forschungsabteilung von Plasticard ZFT entwickelt derzeit eine Chipkarte mit integriertem elektronischen Papier, das auch Animation abspielen kann.

Quelle: H. Weckbrodt

Dresden.  Kredit- und Chipkarten gelten als Inbegriff von „Plastikgeld“ – doch die Zeiten sind bald vorbei: Die elektronische Karte der Zukunft kann aussehen wie ein Stück Birken-Holz, auf einem Bildschirm zeigt sie kleine Videos und sie ist mit Sensoren vollgestopft, die etwa protokollieren, wie heiß unser Leben ist, wieviel Schritte wir tagsüber gelaufen sind. An solchen und ähnlichen Chipkarten arbeitet derzeit das Technologie-Unternehmen „Plasticard ZFT“ auf einem ehemaligen Brauerei-Gelände in Dresden-Löbtau.

Der Gegensatz von Alt und Neu am Firmensitz an der Reisewitzer Straße könnte kaum größer sein. Am Eingang stößt der Besucher auf restaurierte Kasematten und Bier-Tonnenkeller aus alkoholseligen Zeiten. Doch gleich hinter der Glastür zum Neubau kommt die Eierkopf-Atmosphäre eines Hightech-Forschungslabors auf: In seinem weißen Kittel, der Hornbrille auf der Nase und dem Doktor-Titel auf dem Namensschild wirkt Dr. Kai Schmieder schon ein bisschen wie ein Nerd* oder Geek*, der seine neuesten Technikspielzeuge vorführt. „Die gibt es in fünf Maserungen“, hält Schmieder den Besuchern der „Plasticard ZFT“-Forschungsabteilung triumphierend eine seiner neuen Holz-Chipkarten unter die Nase.

„Und hier, sehen Sie nur: Damit können wir sogar Animationen abspielen“, schnellt sein Finger auf das nächste Nerd-Spielzeug auf dem Entwickler-Tisch. Diese Karte befindet sich sichtlich noch im Experimentalstadium, ist noch nicht hübsch verkleidet. Rote, blaue und gelbe Drähte verbinden den integrierten Chip mit einer Messstation. Plötzlich erscheinen auf dem blassen Rechteck Häuser, Buchstaben, bewegen sich Formen: Plasticard ZFT experimentiert hier mit elektronischem Papier aus der Dresdner Plasticlogic-Fabrik, das sogar Videos abspielen kann, vor allem aber – im Vergleich zu fast allen anderen Display-Technologien – sehr wenig Strom verbraucht. Abgesehen vom Unterhaltungswert bieten digitale Karten mit ePapier auch neue Möglichkeiten: Solche Chipkarten können schnell auf ein neues Aussehen, andere Codes und oder Inhaberfotos umgeschaltet werden. Dabei verbraucht nur der Umschaltprozess Energie, danach bleibt das neue Bild wochen- ja monatelang konserviert.

Bereits in der Vergangenheit war es „Plasticard ZFT“ gelungen, sich mit eben solchen „besonderen“ Technologien und Strategien eine interessante Marktnische zu besetzen. Vor genau 25 Jahren von zwei früheren DDR-Ingenieuren mit damals sechs Mitarbeitern und 550.000 D-Mark Jahresumsatz an der Tiergartenstraße in Dresden gegründet, wuchs das Unternehmen rasch. 1996 zog Plasticard ZFT an die Reisewitzer Straße um. Dort hatte sich zunächst ein Vergnügungspark, dann die Reisewitzer Brauerei und zu DDR-Zeiten ein Taxi-Stützpunkt befunden. Einen Teil der Brauerei-Relikte ließ das Unternehmen wieder ausgraben und gleich daneben die neue Fabrik bauen, die seitdem mehrfach erweitert wurde.

Heute fertigen dort rund 80 Mitarbeiter etwa 14 Millionen Plastik-, Chip- und Transponder-Karten pro Jahr. Das ist zwar im Vergleich zu den vielen Milliarden Plastikkarten, die weltweit jedes Jahr produziert werden, nur ein Klacks. Aber gerade darin liegt die Nische, die die Dresdner besetzt haben: Das Unternehmen spezialisierte sich beizeiten auf kleine Serien von einer bis höchstens einer Million Stück, die den Karten-Multis zu kräplig sind. Und eben auf interessante neue Designs und Technologien.

Noch in der Entwicklung ist in den Plasticard-Laboren beispielsweise derzeit ein Leuchtfeuer-System (englisch: „Beacon“). Hinter dieser neuen Lieblingstechnologie der Werbewirtschaft steckt ein funkgestütztes Ortungssystem für Kunde, Waren und Werkzeuge. Und das funktioniert – anders als das Satellitensystem GPS – auch im Innern von Einkaufszentren und anderen Gebäuden. Ein Beispielszenario: Ein Modeladen-Inhaber tackert an all die Klamotten, die er unbedingt loswerden will, ein digitales Leuchtfeuer. Solch ein „Beacon“ ist etwa so groß wie eine Mini-Puderdose. Es sendet und empfängt auf bis zu 50 Meter Entfernung Signale nach dem Stromspar-Funkstandard „Bluetooth Low Energy“ (BLE). Hat ein Kunde die passende App auf dem Smartphone und nähert sich dem Leuchtfeuer, fängt das Kleid, der Hut oder die Hose an, wie verrückt auf sich aufmerksam zu machen – durch Videos, Aufklappfenster oder Werbung auf dem Telefonbildschirm. Der Leser ahnt es schon: Ob der gemeine Deutsche diese Technologie als „interaktiven Einkauf“ akzeptiert, wie von Werbeheinis angepriesen, bleibt natürlich abzuwarten. Die Leuchtfeuer-Technik ist aber auch für zweifelsfrei nützliche Ziele einsetzbar, um zum Beispiel Werkzeuge auf einer Riesenbaustelle wiederzufinden oder Passagieren auf Riesenflughäfen Navigations-Hinweise zu geben.

*Nerd = englisch für Techniknarr, Geeks = Labordauerbewohner

Von Heiko Weckbrodt

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