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Pflegedienste leiden unter Personalnot - Dresdner Verbandschefin wirft Politik zu spätes Handeln vor

Pflegedienste leiden unter Personalnot - Dresdner Verbandschefin wirft Politik zu spätes Handeln vor

Personalmangel bringt Sachsens Pflegedienste in immer größere Nöte. Selbst in Großstädten wie Dresden. Die ersten haben schon aufgegeben, weil eine verantwortungsvolle Pflege unter den bestehenden Bedingungen nicht mehr möglich sei.

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Leerer Dienstplan: Regina Anders konnte die Schichten nicht mehr besetzen - und gab deshalb schweren Herzens ihren ambulanten Pflegedienst auf.

Quelle: Thomas Kube

Dresden/Borna. Das Soziale ist für Regina Anders nicht irgendein Beruf - sondern ihre Berufung. Ein Traumjob. Seit vier Jahrzehnten ­arbeitet die 60-Jährige im Sozialwesen. Als Krankenschwester in der Unfallchirurgie, als Leiterin der Schnellen Medizinischen Hilfe in Borna, als Pflegerin in ihrem kleinen Familienbetrieb. "Gemeinsam mit meinem Mann habe ich 1997 ganz klein angefangen. Aus einem Patienten wurden im Lauf der Zeit stets 50 bis 60 Patienten, die wir mit vier Fachkräften versorgt haben", sagt Regina Anders. "Wir konnten uns immer über Wasser halten. Mit den Jahren wurde es zwar problematischer, mein 'Baby' am Leben zu erhalten, aber es ging noch. Doch ab Anfang 2013 bin ich immer verzweifelter geworden."

Was Regina Anders über ihren täglichen Kampf erzählt, hört sich unglaublich an. Ihre Mitarbeiter und die Familie gingen bis weit über die Schmerzgrenze. Die Belastung wurde so groß, dass Angestellte krank ausfielen. "Die Leute waren, verständlicherweise, einfach kaputt, weil das täglich Pensum ins Unerträgliche gestiegen ist." Die Lösung hätte in weiteren Einstellungen liegen können - doch niemand fand sich, der vor allem alte Menschen windeln und waschen, füttern und spritzen wollte. Zu angemessenen Löhnen, versteht sich, auf keinen Fall als Billigarbeiter. Regina Anders erzählt von Arbeitslosen, die die Arbeitsagentur an sie vermittelte - doch kaum ein Bewerber habe ernsthaftes Interesse gehabt. Schließlich fuhr sie selbst mit ihrem Sohn sieben Tage in der Woche drei Mal die Pflegerunden. "Wir konnten die Menschen ja nicht allein lassen. Es war einfach zum Heulen: Wenn man zusehen muss, wie nicht nur der eigene Betrieb den Bach runtergeht, sondern vor allem die Patienten unter unserer Belastung leiden. Ich möchte den Menschen helfen - und das darf nicht in Krampf ausarten, denn so können Fehler entstehen."

Die Krux ist: Während gegenwärtig so viele Pflegefachkräfte wie nie zuvor in Sachsen ausgebildet werden, scheint insbesondere die ambulante Pflege auf dem Land in eine schwere, in eine gefährliche Krise zu rutschen. Denn Regina Anders ist kein Einzelfall. "Wenn uns nicht geholfen wird, droht eine Katastrophe", mahnt Eberhard Weißhuhn, der Sprecher des Pflegenetzwerkes für die Kreise Leipzig und Mittelsachsen. In Großstädten sowie in deren Umfeld mag die Situation noch relativ entspannt sein, sagt der Pflegeanbieter - "auf dem Land sehe ich Schwarz". Eine Prognose, die möglicherweis selbst für die Ballungszentren noch zu positiv ist. Es ist äußerst schwer, Mitarbeiter zu finden. Da könnten Politik und Arbeitsagentur sagen, lautet der Tenor. "Entscheidend sind nicht unbedingt die Löhne, sondern das Image des Berufsstandes, das kaum schlechter sein könnte", sagt Thomas Neumann vom Paritätischen Wohlfahrtsverband in Dresden.

"Das Problem ist überall das Gleiche", erklärt Edeltraud Strauch aus Dresden. Und es klingt nach einer total vertrackten Situation. Die 61-Jährige ist Vorsitzende des Landesverbandes im Bundesverband Ambulante Dienste und Stationäre Einrichtungen (bad) e. V. Auch sie suche seit längerer Zeit nach einem Nachfolger. Dabei gebe es verschiedenste Probleme. Die Lohnerwartungen würden häufig nicht mit den Möglichkeiten übereinstimmen, die die Vergütung durch die Pflegekassen biete. Erst recht, wenn, wie es Frau Strauch immer versucht habe, eine individuelle Betreuung gewährleistet sein soll. "Ich sage meinen Mitarbeitern immer, sie sind nicht auf der Flucht", erklärt sie. Doch damit sei kein üppiger Verdienst möglich. Viele Bewerber würden die Personalnot zum Gehaltspoker nutzen, gleichzeitig leide aber auch die Ausbildung des Nachwuchses, weil neben der vielen Arbeit kaum Zeit bleibe, wirklich etwas zu lernen. Natürlich könne auch nicht immer weiter an der Preisschraube für Patienten gedreht werden, deren Ansprüche an die Pflege-Mitarbeiter aber auch ständig wüchsen.

Schließlich gebe es auch einen riesigen Bürokratie-Aufwand für Dokumentation und Überprüfungen der Pflegedienste. Die Probleme seien jedoch nicht neu. Die Politik hätte schon lange gegensteuern müssen, meint Frau Strauch. In den letzten Jahren hätten bereits mehrere Dienste in Sachsen aufgrund der Probleme aufgeben müssen.

Regina Anders gab ihren Betrieb ab, leitet jetzt ein Pflegeheim, ebenfalls als Familienbetrieb. "Am ambulanten Dienst hat mein Herz gehangen, das war meine große Leidenschaft", sagt sie. Gefragt, ob sie heutigen Firmengründern einen Rat geben kann, antwortet die ehemalige Pflegedienstleiterin: "Unter den gegenwärtigen Bedingungen würde ich nicht noch einmal anfangen."

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 18.02.2014

Andreas Debski und Ingolf Pleil

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