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Pfarrer Hans-Christoph Werneburg kümmert sich als Seelsorger um Hochwasseropfer in Dresden

Pfarrer Hans-Christoph Werneburg kümmert sich als Seelsorger um Hochwasseropfer in Dresden

An der Gartenstraße in Cossebaude türmt sich durchgeweichter Sperrmüll, der einmal Wohnungseinrichtung war. Hier, im Ortsteil Gohlis ist Hans-Christoph Werneburg, Polizeiseelsorger und evangelischer Gemeindepfarrer, zu Fuß unterwegs.

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Pfarrer Hans-Christoph Werneburg (gelbe Gummistiefel) trägt zusammen mit Helfern ein vollgesogenes Sofa aus dem Haus von Familie Lademann.

Quelle: Tomas Gärtner

"Wie geht es Ihnen?", wendet er sich an eine 72-jährige Frau vor einer offenen Haustür. Drei Bilderrahmen drückt sie mit schlammbespritzten Händen an sich. "Schlecht", entgegnet Ute Lademann. "Alles weg." Im Wohnzimmer, wo grauer Schlick den Fußboden bedeckt, zerlegen Helfer die letzten Schränke und schleppen die Bretter raus.

2004 seien sie eingezogen, erzählt Klaus-Dieter Lademann. Fast 75 Zentimeter hoch habe das Wasser hier gestanden. Und schildert dann sofort die Sorgen, die sie mit den umständlichen Verfahren der Versicherung haben. Zeigt, wie hoch die Wände abgehackt werden müssen. "Wie wir das bezahlen, wissen wir noch nicht."

Pfarrer Werneburg hört ruhig zu, lässt sich alles zeigen. Als Träger für ein vollgesogenes Ledersofa gebraucht werden, fasst er kurzerhand zu und wuchtet mit den anderen das bleischwere Möbelstück die Außentreppe runter.

Auch Helga und Rolf Hoos geht es nicht gut. In grünen Wathosen stehen sie neben einem Container, in dem feuchtes Dämmmaterial liegt. Vor zehn Jahren haben sie das Haus gebaut. "Jetzt muss alles entkernt werden", sagt Rolf Hoos. Er schimpft darüber, dass der Damm in zehn Jahren nicht fertig geworden ist. Helga Hoos erzählt von ihrer Angst, mit der sie bei jedem stärkeren Regen im Frühling und Herbst hinübergeblickt habe Richtung Elbe. "Wir haben kaum noch Kraft. Dann gibt es so Momente" - ihre Stimme versagt, sie wendet sich ab, weint.

Pfarrer Werneburg erlebt oft, wie sich Verzweiflung, Enttäuschung, Wut Bahn brechen. "Die Nerven liegen blank. Da darf man nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen. Auch die Wut muss raus. Da bin ich manchmal Prellbock." Manche schimpfen, suchen nach Schuldigen. Dann gibt Werneburg vorsichtig zu bedenken, nicht irgendwem den Schwarzen Peter zuzuschieben. "Es ist unser gemeinsames Los. Wir müssen aufpassen, dass sich die Gemeinschaft nicht spaltet." In den Gesprächen nichts zu generalisieren, zu bagatellisieren oder zu moralisieren - das sei ein Prinzip der Seelsorge in solchen Katastrophensituationen.

"Die erste Schockstarre ist vorbei", meint Anwohnerin Laura Krönke. "Jetzt kann man zupacken. Da geht's einem besser." Hinter ihr im Haus klirren die Bohrhämmer. "Der ganze Estrich muss raus." Was Werneburg auch sieht: Die Leute sind nicht allein. Familienangehörige, Freunde, Bekannte, Fremde greifen ohne viel Worte mit zu. "Die geben Geborgenheit. Das kann der Staat nicht leisten." Dass nicht einmal 50 Evakuierte in die Notquartiere mussten, wertet er als ermutigendes Zeichen. 2002 seien es Hunderte gewesen. Das sagt er den Leuten auch.

"Schrecken und Chaos breiten sich von allein aus. Die Zuversicht muss man von Haus zu Haus tragen." Drei Gruppen von Betroffenen hat er 2002, 2006 und auch diesmal kennengelernt: "Da sind die Zuversichtlichen. Die sagen: Wer an der Elbe wohnt, muss damit leben. Dann die optimistisch Fatalistischen. Die meinen: Irgendwie müssen wir durch. Schließlich die, die am schwersten dran tragen. Denen sage ich: Wir leben alle, wir haben uns, es gibt Hilfe." Einem Ehepaar erklärt er, wo sich der Stützpunkt dafür befindet. In einer Mappe hat er Telefonnummern von Beratungsstellen.

Anderen rät er, sich trotz anstrengender Arbeit etwas Erholung zu gönnen. "Man muss sich auch um sich selbst kümmern, um bei Kräften zu bleiben." In seinem schwarzen Rucksack befinden sich in Folie verpackte Formulare. Anträge auf Soforthilfe oder Härtefallbeihilfe von der Diakonie.

Zu einer Familie in einem Haus am Grünen Weg gelangt er nur dank seiner gelben Gummistiefel. Drei Söhne im Vorschulalter haben die. Pfarrer Werneburg hat ein Hilfsangebot vom Deutschen Roten Kreuz bekommen. Hier hat er jene gefunden, die es dringend brauchen. Als er ein Grundstück verlässt, verabschiedet ihn ein Mann mit den Worten: "Schön, dass Sie vorbeigekommen sind." Sehr viel mehr als zuhören könne er als Seelsorger nicht, meint Werneburg. Jeden Tag ist er jetzt in diesen Straßen unterwegs. "Da muss der Seniorenkreis mal ohne Pfarrer auskommen", sagt er.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 14.06.2013

Tomas Gärtner

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