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Peter Kurzeck liest beim Festival "Literatur Jetzt!" im Hygiene-Museum Dresden

Peter Kurzeck liest beim Festival "Literatur Jetzt!" im Hygiene-Museum Dresden

Peter Kurzeck hat ein Buch geschrieben, das zu dem Monat passt, in dem er in Dresden auftritt: "Oktober und wer wir selbst sind" heißt es. Es ist Teil seiner großartigen autobiographisch-poetischen Chronik "Das alte Jahrhundert", die auf zwölf Bände angelegt ist.

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Peter Kurzeck

Quelle: Erika Schmied

Kurzeck will darin nicht weniger als seine Zeit, ja, sein Zeitalter immer neu erzählen. Fast wie ein Marcel Proust hundert Jahre vor ihm: die verlorene Zeit aufbewahren, nichts vergessen, alles minutiös aufschreiben.

Wobei Aufschreiben und Erzählen für Peter Kurzeck beinahe ein und dasselbe bedeuten. Seinen neuesten, über tausendseitigen Roman "Vorabend" hat er diktiert. Jeden Werktag und öffentlich. "Es wird gebeten, sich leise zu verhalten", stand an der Tür des Raumes "Gesammelte Untertreibungen" des Literaturhauses Frankfurt, wo der Autor freiwilligen Helfern Tag für Tag seinen Text auf- und vorsagte. "Jetzt willst du anfangen, da fällt dir alles gleichzeitig ein", heißt es einmal im Buch "Oktober". Stenogrammartig sind Kurzecks Sätze, als ob er es eilig hätte, Punkt um Punkt, das Leben in der hessischen Provinz aufzuzeichnen. Und das in Frankfurt in den Achtzigern. Und die Jahre mit seiner Freundin und der Tochter Carina, die ihn, als sie noch klein ist, immer "Peta" nennt. "Peta, liest du mir was vor?"

Peter Kurzecks Familie wurde 1946 aus der Tschechoslowakei vertrieben. Mit seiner Mutter und seiner Schwester zog er nach Staufenberg bei Gießen, wo er Kindheit und Jugend verbrachte. Sein Roman "Vorabend" führt genau in diese Zeit zurück, auch in die 50er, 60er und 70er Jahre. Und damit in die "Zurichtung eines Landes, seiner Dörfer, Landschaften und Menschen zum effizienten System", wie ein Kritiker treffend schrieb.

Peter Kurzeck schreibt in "Vorabend" vom Beginn jener bundesrepublikanischen Wachstumsideologie, die letztlich mitverantwortlich ist für die aktuellen Krisen, in denen das Land jetzt steckt. Seine seitenlange Schilderung der Zerstörung der Lebenswelt der Igel ist beinahe herzzerreißend, einen "Ausrottungs- und Vernichtungskrieg" nennt Kurzeck das, was da geschieht, und man merkt, dass ihm auch der Blick für das Kleine, Nebensächliche unserer Umwelt nie verlorengeht.

Seine Lesungen sind legendär. Wenn die alten Märchenerzähler heute noch lebten, sie würden, wie Kurzeck, so frei schwingend, so atemlos erzählen, einfach drauflos, so dass man als Zuhörer gebannt sitzenbleibt, die Ohren spitzt, lauscht. Ganze CDs sind von diesen Lesungen produziert worden. "Ein Sommer, der bleibt", im Suppose-Verlag erschienen, ist wohl die bekannteste von allen: "Das beste Buch des Monats ist überhaupt kein Buch, sondern eine CD", jubelte damals "Die Zeit". Und: Es sei unglaublich, was für ein "Gedächtnisarchiv" dieser Herr Kurzeck habe.

Sein neuestes Erzählstück trägt den Titel "Unerwartet Marseille" (Stroemfeld Verlag). Peter Kurzeck erzählt hier von den langen Sommern der späten 60er Jahre. Ein Hauch Hippie-Bewegung liegt in der Luft. Zwei junge Männer gehen auf Reisen, der Autor und ein Freund. Das erste Mal Marseille sehen und längst keinen Urlaub mehr. Ein Telegramm an den Chef: "Unerwartet Marseille. Rückkehr verhindert." Und trotzdem nicht entlassen werden: "Man hätte eigentlich den gleichen Tag immer noch einmal erleben wollen", resümiert der Autor: "Alles war einfach richtig, und das Licht war so überwältigend hell". München, Meran, Venedig, Pula, Wien, Bratislava und Prag sind weitere Stationen dieses sehr frei erzählten Prosastücks.

"Unerwartet Marseille" geht zurück auf ein Liveexperiment an der Universität Siegen. Ein Literaturwissenschaftler lud Kurzeck zum Seminar mit seinen Studenten. Kurzeck kam, redete, und der Literaturwissenschaftler ließ ein Diktiergerät mitlaufen. Die Studenten stellten verblüfft fest, daß der Mann sprach wie gedruckt. Nur manchmal machte er eine kurze Pause, um ein Stück vom selbstgebackenen Kuchen der Studenten zu essen.

Er habe schon immer geschrieben, sagt Kurzeck. Schon als Kind nach dem Krieg, als Papier noch sehr kostbar war. Bis heute schreibt Kurzeck seine Bücher mit der Schreibmaschine. Er müsse das Papier und das Geschriebene immer in den Händen haben. Die ersten Sätze kommen ihm, sagt er, schon frühmorgens beim Rasieren. Die notiere er. Dann, nach diesen ersten Sätzen, müsse er aber raus in die Kneipe, einen Espresso trinken: "Im Süden machen die Kneipen schon um Sechs auf, und man kann sich auch im Winter unter die Markisen setzen und sich an seinen ersten Pariser Herbst erinnern, und dabei fallen mir dann schon die nächsten Sätze ein."

Peter Kurzeck kommt nun als Gast des Festivals "Literatur Jetzt" (17. bis 21. Oktober) nach Dresden. Das Literaturforum Dresden hat ihn in die Reihe "Literarische Alphabete" ins Deutsche Hygiene-Museum eingeladen. Ob er aus seinem dicken Roman lesen wird, ist ungewiss. Vielleicht wird er ja auch einfach nur erzählen. Und ein Diktiergerät wird mitlaufen. Und das ist dann sein nächster Roman. Oder seine neueste CD.

Denn bei diesem Mann gehen Leben und Schreiben untrennbar ineinander über. So, dass man gar nicht merkt, ob das gerade das Leben ist oder die Literatur. Peter Kurzeck ist schlicht ein Ereignis. Man sollte ins Hygiene-Museum gehen am Donnerstag: Kurzeck lauschen.

Peter Kurzeck liest aus seinem Roman "Vorabend". Am 18. Oktober, 20 Uhr im Hygiene-Museum, Reihe Literarische Alphabete des Literaturforum Dresden im Rahmen des Festivals "Literatur Jetzt!".

17. Oktober, 20 Uhr, Nacht der Lesebühnen (Groove Station, Katharinenstraße 11-13)

17. Oktober, 20 Uhr, Jaroslav Rudis beim Voland & Quist Literatursalon (Kino Thalia, Görlitzer Str. 6)

18. Oktober, 20 Uhr, Peter Kurzeck, Literarische Alphabete (Hygiene-Museum, Lingnerplatz 1)

19. Oktober, 20 Uhr, Marcel Beyer und Werner Lieberknecht, Literatur und Fotografie (Kunstraum Geh 8, Gehestraße 8)

20. Oktober, ab 16 Uhr, Independent's Day - Die Nacht der Unabhängigen Verlage, Messe, Cafe, Podiumsdiskussion, Lesungen u.a. mit Jan Off, Norbert Lange, Nancy Hünger und Felicia Zeller, (Kunstraum Geh 8, Gehestraße 8)

21. Oktober, 18 Uhr, Das Schreiben und das Schweigen - Film über Friederike Mayröcker (Kino Thalia, Görlitzer Straße

www.literatur-jetzt.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.10.2012

Volker Sielaff

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