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Pastor Philipp sieht Gönnsdorfer Sternwarte als Ort des Dialogs

Pastor Philipp sieht Gönnsdorfer Sternwarte als Ort des Dialogs

Denkt Werner Philipp an jene Nacht in Nikaragua, gerät er ins Schwärmen. Keine Großstadtlichter minderten in jenem Ort das tiefe Dunkel über ihm. "Die Sterne der Milchstraße funkelten wie Diamanten", berichtet der Pastor der evangelisch-methodistischen Emmausgemeinde in Dresden.

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Werner Philipp, Pastor der methodistischen Emmauskirche, und Projektleiterin Renate Franz in der Gönnsdorfer Sternwarte. Unter der über sechs Meter hohen Kuppel stehen sie an einem 14-Zoll-Spiegelteleskop.

Quelle: Dietrich Flechtner

Seit der Schulzeit ist Philipp, 1967 im erzgebirgischen Erlabrunn geboren, Hobbyastronom. Neben Neugier erfüllt ihn bei jedem Blick durchs Teleskop zum Nachthimmel Staunen. Staunen über Schöpfung und Schöpfer. Der Blick ins All, so eine seiner Erfahrungen, mache anfällig für weitergehende Fragen nach der menschlichen Existenz.

Umso bedauerlicher fand er, dass jene Sternwarte am Rande von Gönnsdorf, an der er auf dem Weg zu seinem Garten vorüberfuhr, ungenutzt vor sich hin gammelte, seit die Technische Universität Dresden sie 2006 aufgeben musste. Dann las er diesen Aufruf von Renate Franz in der Zeitung. Die heute 72-jährige Industriekauffrau aus Weißig, CDU-Ortschaftsrätin seit 2004, suchte Astronomiebegeisterte für die Gründung einer Interessengemeinschaft.

Menschen, die mithelfen wollten, die Sternwarte vor allem für Kinder und Jugendliche wieder flott zu machen. Zumal Sachsen 2007 das Schulfach Astronomie abgeschafft hatte. Vier Jahre lang ist Renate Franz von früh bis spät in Sachen Sternwarte unterwegs gewesen. Man spürt, wie sie noch immer dafür brennt: "Mich fasziniert die Begeisterungsfähigkeit von Kindern. Ich wollte ihnen die Möglichkeit schaffen, sich mit interessanten naturwissenschaftlichen Themen zu beschäftigen. Einen Ort, wo ihnen Wissen, aber auch ethische Werte vermittelt werden."

Sie präsentierte die Pläne zusammen mit den anderen bei Festen und Tagen der offenen Tür, bat um Spenden und Unterstützung. Und sie bekamen sie, vom Lions-Club, einer Sparkassenstiftung, einem Teleskop-Hersteller, vor allem jedoch von mehr als 30 Handwerkern und kleinen Gewerbetreibenden im Schönfelder Hochland und unzähligen Spendern. Viele Helfer malerten, bastelten und reparierten ehrenamtlich. So konnte am 28. Oktober 2010 die Sternwarte mit dem gesprayten Logo des "Jahres der Astronomie" 2009 auf der Alu-Wellblechwand und darüber dem Slogan "Das Weltall - Du lebst darin, entdecke es!" eingeweiht werden. Ohne einen Cent öffentlicher Fördermittel.

Die Einweihungsrede hielt Methodisten-Pastor Werner Philipp. Programmatisch bezeichnete er die Sternwarte als Ort "des Wissens und des Lernens für alle Generationen und Ort des Staunens, des Philosophierens und Glaubens", als Ort der Begegnung von Astronomiebegeisterten, von Menschen unterschiedlichen Glaubens oder Weltanschauung. Er beklagt die verhängnisvolle Entfremdung zwischen Glaube und Naturwissenschaft. Dabei gehören sie für ihn zusammen: "Denn wir Menschen fragen nicht nur wissenschaftlich, was die Welt im Innersten zusammenhält, sondern sind auch Wesen, die nach dem Ursprung, Sinn und Ziel des Lebens in geistlicher Hinsicht fragen, worauf die Wissenschaft, wenn sie sich ihrer methodischen Grenzen bewusst bleibt, keine Antwort geben kann".

In seiner auf Englisch verfassten Dissertation, mit der er 2012 am methodistischen "Wesley Theological Seminary" in der US-amerikanischen Hauptstadt Washington zum "Doctor of Ministry" promovierte, einem akademischen Grad für praktische Theologie, hat er das Vier-Stufen-Modell eines Dialogs zwischen Christen und naturwissenschaftlich interessierten Konfessionslosen entwickelt. Über Begegnung, Information und Austausch führt er zum gemeinsamen Engagement für die Gesellschaft. "Wir Christen müssen unsern Schöpfungsglauben zeitgemäß auf dem Hintergrund naturwissenschaft- licher Erkenntnisse entwickeln", sagt er. Glaubensdistanzierte, naturwissenschaftlich Orientierte wiederum sollen ihren Horizont durch theologisches Wissen erweitern, wozu man nicht Christ sein müsse. Philipp selbst tut das bei Vorträgen mit zwei Referenten: Einer spricht über ein wissenschaftliches Thema, er über Theologie - über Astronomie in der Bibel zum Beispiel.

In seiner Gemeinde wiederum wirbt er in Vorträgen und Predigten für ein neues Missionsverständnis. Als Begegnung auf Augenhöhe, bei der die übliche Einbahnstraße von Verkündiger zu Adressat verwandelt wird in gleichberechtigtes wechselseitiges Erzählen und Zuhören. Der Theologe Dietrich Bonhoeffer hatte einst von "Kirche für Andere" gesprochen.

Werner Philipp hingegen plädiert für eine "Kirche mit Anderen". "Wir müssen diese Kampfzone zwischen Christentum und Naturwissenschaft verlassen", sagt er. "Die Bibel ist wahr, aber auf anderer Ebene. Sie will uns das Bekenntnis zum Schöpfer vermitteln, kein wissenschaftliches Weltbild."

Bei der Christin Renate Franz trifft er damit auf offene Ohren. Das Schöne an der Gönnsdorfer Sternwarte sei eben, so sagt sie, dass hier jeder zum Schauen und Philosophieren willkommen sei, ob mit oder ohne Glauben. "Wir sind offen für alle Fragen."

Tomas Gärtner

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 27.07.2013

Tomas Gärtner

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