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„Nur die Farben vergesse ich nie“ - die blinde Bianca Weigert nimmt die DNN mit auf eine Tour durch Dresden

„Nur die Farben vergesse ich nie“ - die blinde Bianca Weigert nimmt die DNN mit auf eine Tour durch Dresden

„Reny such Straßenbahnhaltestelle!“ Kaum hat Frauchen den Befehl ausgesprochen, läuft Schäferhundmädchen Reny los und sucht eine Straßenbahnhaltestelle in der Nähe.

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Bianca Weigert und ihre Reny

Quelle: Dietrich Flechtner

Der ausgebildete Blindenführhund ist seit zwei Wochen an der Seite von Bianca Weigert. Die 40-Jährige hat mich mitgenommen zu einer spannenden Expedition durch die Stadt. Anlass ist der Tag des weißen Stocks am 15. Oktober. Diesen Tag nutzen weltweit Blindenverbände, um auf die Situation von blinden und sehbehinderten Menschen aufmerksam zu machen.

Die 40-Jährige Bianca Weigert ist von Geburt an fast blind, das winzige bisschen Sehvermögen verlor sie leider auch über die Jahre. „Wahrscheinlich gehe ich mit meiner Behinderung viel cooler um als andere, die erst im Alter blind werden, da ich es nicht anders kenne“, erzählt die Leipzigerin. „Nur die Farben, die vergesse sie nie“, so Bianca Weigert.

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Prof. Weber erklärt eine Braille-Tastatur

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Sie arbeitet seit acht Jahren in Dresden beim Landeshilfsmittelzentrum des Blinden- und Sehbehindertenverbandes in der Radeberger Vorstadt. Zuständig ist sie dort für die Übertragung von Behördenbriefen oder anderen Schriftstücken bzw. von Audiodokumenten in die Blindenschrift. Umziehen nach Dresden kommt jedoch nicht in Frage. „Leipzig ist viel schöner und außerdem arbeitet mein Mann in der Deutschen Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig“, schmunzelt die junge Frau.

So pendelt sie an jedem Wochentag eine Stunde hin und eine zurück mit dem Zug in die Messestadt. Immer an ihrer Seite: Hündin Reny. Das gut ausgebildete Tier ist bereits der dritte Gefährte von Bianca Weigert. Die anderen beiden durften nach zehn Jahren Dienst in den „Ruhestand“. Ein Blindenhund ist eine Kassenleistung, die die Betroffenen beantragen müssen. 20 000 Euro kostet ein perfekt ausgebildeter Führhund.

Und auf Reny ist wirklich Verlass: An jeder Bordsteinkante bleibt die Hündin stehen, wartet, bis ihr Frauchen den Befehl zum Weiterlaufen gibt. „Reny such Ampel!“Auch diesen Befehl führt die Hündin aus und sucht an der stark befahrenen Bautzner Straße eine Ampelanlage, damit Bianca Weigert die Straßenseite wechseln kann. Ist ihr Frauchen müde, sucht der Hund eine Bank.

Als die Straßenbahn einfährt, holt die 40-Jährige einen kleinen Funker aus ihrer Hosentasche. „Da ist die Linie 11 Richtung Bühlau“, schallt es aus dem Gerät. Auf einen Knopfdruck hin verbindet es sich mit der Straßenbahn und bekommt die Information über die Fahrtrichtung gesendet. „Dresden ist in puncto Nahverkehr echt vorne dran, hier macht es für uns Blinde richtig Spaß“, freut sich Bianca Weigert. Leider hinken die meisten anderen Städte hinterher. Kommt die Straßenbahn zum Stehen, zeigt Reny ihr ganzes Können. Sie läuft an der Bahn entlang und stellt sich dann genau dorthin, wo sich die Türen öffnen, damit Bianca Weigert einsteigen kann. So rücksichtsvoll wie ihr Hund sind leider nicht alle menschlichen Mitfahrer. „Ich ärgere mich oft, weil die Leute einfach ihr Gepäck auf die Sitze stellen und ich mich dann beim Versuch, mich hinzusetzen, stoße“, berichtet sie. Es ärgert sie auch, ständig von Fremden bei dem Versuch hilfsbereit zu sein, angefasst zu werden. „Ich will nicht undankbar sein, aber ich bin sehr selbstständig und schaffe die meisten Dinge des Alltags allein“, sagt sie bestimmt. Benötigt die blinde Frau Hilfe, dann fragt sie selbstbewusst danach. Muss sie in den Supermarkt, bittet sie einen freiwilligen Helfer der Leipziger Diakonie mitzukommen.

Hilfsmittel für Blinde integriert Bianca Weigert ganz selbstverständlich in ihren Alltag. „Ich kenne es nicht anders und so schäme ich mich nicht, einen sprechenden Wecker oder einen Blindenführhund zu nutzen“, erzählt sie. Und für die Hilfsmittel sitzt sie quasi an der Quelle. Im Erdgeschoss der Geschäftsstelle des Blinden- und Sehbehindertenverbandes Sachsen residiert das Landeshilfsmittelzentrum, für das auch Bianca Weigert arbeitet. Hier werden blinde und sehbehinderte Menschen zu Hilfsmitteln beraten und können diese erwerben.

Zuständig für die Beratung im Zentrum ist Katja Köhn. Sie führt den Betroffenen Hilfsmittel für den Alltag vor – vom sprechenden Wecker bis zu ertastbaren Wandkalendern. „Zu uns kommen sowohl Menschen, die schon seit der Geburt blind sind, als auch Senioren, die erst im Alter erblindeten. Die zweite Gruppe tut sich oft schwerer damit, Hilfe anzunehmen. Deshalb haben wir gerade für diese Menschen kleine sprechende Armbanduhren im Angebot“, berichtet Katja Köhn. Oft wird das Augenlicht schleichend schlechter, bis irgendwann nur noch Schatten oder Umrisse erkennbar sind. Katja Köhn selbst ist seit ihrem dritten Lebensjahr blind, sie versteht die Probleme ihrer „Kunden“ also genau.Die telefonische Beratung und die Bestellannahme ist beim Landeshilfsmittelzentrum täglich von 9 bis 18 Uhr möglich.

Regelmäßige Beratung bietet auch der Blinden- und Sehbehindertenverband Sachsen an. Seine Vorsitzende Angela Fischer will mit einer aktiven Vereinsarbeit auf die Situation und die Probleme von Blinden und Sehbehinderten in Sachsen aufmerksam machen. Verbesserungsbedarf gibt es beispielsweise bei den Ampelanlagen. Im Dresdner Stadtgebiet sind noch längst nicht alle Ampeln mit einem akustischen Signal für Grün ausgestattet. Für blinde Menschen sind diese Ampeln jedoch die einzig sicheren, die Blindenführhunde können keine Farben unterscheiden. Ein großes Problem sei immer noch die zeitige Abschaltung des Tonsignals um 20 Uhr. „Immer wieder beschweren sich Anwohner über die angebliche Lärmbelästigung durch das Ampelsignal, so dass vielerorts abends um acht der Ton abgestellt wird. Doch sollen blinde Menschen nach 20 Uhr zu Hause bleiben?“, fragt Angela Fischer.

Sehr zufrieden ist die Vorsitzende, die selbst nach einer Augenkrankheit innerhalb von sechs Wochen erblindete, mit den Leistungen der Dresdner Verkehrsbetriebe (DVB). Die Möglichkeit des Funkkontaktes mit den Straßenbahnen sei ein großer Fortschritt. Diese Ausstattung wünsche sie sich für ganz Sachsen, so Fischer. Die 47-Jährige engagiert sich ehrenamtlich als Landesvorsitzende des 1500 Mitglieder zählenden Blinden- und Sehbehindertenverbandes. „Wir sind ein reiner Selbsthilferverband. Regelmäßig werden wir als Berater ins Sozialministerium eingeladen“, berichtet die Vorsitzende. Eines der wichtigsten Beratungsangebote des Verbandes ist „Blickpunkt Auge – Rat und Hilfe bei Sehverlust“. Die Beratung wendet sich in erster Linie an Menschen mit nachlassendem Sehvermögen. Hauptanliegen ist es, Betroffenen und ihren Angehörigen Rat und Hilfe zu allen mit einer Augenerkrankung verbundenen Fragen anzubieten.

Eines der wichtigsten Themen in der Beratung ist die Integration blinder und sehbehinderter Menschen in den Arbeitsmarkt. „Leider haben viele Arbeitgeber Vorurteile, einen sehbehinderten Menschen einzustellen. Hätten mehr Chefs den Mut, blinde Angestellte einzustellen, wären sie sicher von deren hoher Motivation begeistert“, ist sich die Landesvorsitzende sicher. Sehr motiviert sind auch die blinden und sehbehinderten Schüler, erzählt Angela Fischer. Da eine Einschulung in eine „normale“ Schule oft nur sehr schwer möglich ist, müssen die blinden Kinder oft bis nach Chemnitz oder Leipzig zu speziellen Blindenschulen fahren, leben die Woche über meist im Internat. „Oft fehlt es an den Schulen nicht an dem nötigen Willen, sondern an der fehlenden technischen Ausstattung wie Laptops mit Screenreader“, erzählt Angela Fischer. Wollen die sehbehinderten oder blinden Schüler das Gymnasium besuchen, müssen sie sogar bis nach Königs-Wusterhausen in Brandenburg fahren. Dieses Gymnasium hat auch Bianca Weigert besucht. „Reny such unsere Tür!“, ruft sie ihren Hund und lässt sich wieder zu ihrer Arbeitsstätte führen.

Julia Vollmer

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