Volltextsuche über das Angebot:

23 ° / 14 ° Gewitter

Navigation:
Google+
Norton.commander versucht sich recht holprig in Dresden-Hellerau an einer zentralen Weltfrage

Norton.commander versucht sich recht holprig in Dresden-Hellerau an einer zentralen Weltfrage

Existiert Gott? Keine geringere Frage verhandelte am Wochenende im Festspielhaus Hellerau norton.commander.productions mit dem zweiten Teil seines Dreijahresprojektes "X Gebote".

Voriger Artikel
"Für mich gehört die gute Show zum Konzert": Blind Passenger Nik Page im Ballroom in Dresden
Nächster Artikel
Arbeiten von Annedore Dietze sind in der Städtischen Galerie Dresden und in der Galerie Margareta Friesen zu sehen

norton.commander.productions gastierte mit Teil 2 seines Dreijahresprojektes "X Gebote" in Hellerau.

Quelle: René Liebert

Eine Frage, die Menschen seit ihren Urgründen beschäftigt, die auch durch wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt nicht obsolet geworden ist und die letztlich eine Glaubensfrage bleibt, wie es schon im Hebräerbrief heißt. Wenn sich Harriet und Peter Meining im Format einer Performance an dieser für jeden unausweichlich zu beantwortenden Weltfrage versuchen, dann erwartet man vielleicht keinen gnostischen Mehrwert. Zumindest aber sollte eine Erhellung der Facetten der Gottesfrage in Breite und Tiefe den technischen Aufwand des Abends rechtfertigen. Und dabei über simple Fragestellungen hinausgehen, wie sie spätestens bei Pubertätseintritt im Religionsunterricht diskutiert wurden - so man ihn genoss. Etwa die, wie ein "lieber Gott" eine Welt des Leidens zulassen könne. Um es vorweg zu nehmen: Erkenntnisgeschüttelt fuhr man nicht gerade nach Hause. Der dünne Beifall und einige ratlose Äußerungen im Anschluss unterstreichen diesen Eindruck.

Die beiden bewährten Inspiratoren von norton.commander wählen diesmal den Rahmen eines akademischen Disputs. Per Film werden die Gelehrten mit biblischen Namen eingeführt und begegnen uns anschließend live im Festspielhaus Hellerau. Dieser in einem Hörsaal gefilmte Trailer ist auch im Internet zu sehen. Wie schon beim ersten Teil des X-Gebote-Projektes im Dezember des Vorjahres ist auch Gottvater alias Hermann Beyer zumindest im Film wieder da, ein hilfloser, in die Defensive geratener Alter Herr im Kapitänskostüm. Dass er anfangs erneut mit einer Psychologin spricht, weckt Hoffnungen, es könne vielleicht in Richtung von Erich Fromms "Psychoanalyse und Religion" etwas folgen. Aber dieser Strang wird nicht weiter verfolgt. Dafür schlägt im Film Cranachs "Paradies"-Gemälde eine Brücke zurück zum ersten Teil. Hübsche Videotricks gibt es mit Adam und Eva zu sehen, verbunden mit dem Ärger des göttlichen Kapitäns über seine abtrünnigen "Kinder", die eine Shopping Mall dem Paradies vorziehen.

Als es im Bühnenteil des Saales heller wird, erblickt der Zuschauer eine Arena von 50 Plattenspielern, jeweils mit eigenem Endverstärker. In der Mitte thront eine Art Lautsprecherkanzel. Das Arrangement erinnert ein bisschen an John Cages "Europera", auch die Art der simultanen Toncollagen. Nicht immer erschließt sich spontan eine Verbindung zwischen den Einspielungen und dem, was im Lecture-Stil zum Gottesthema deklamiert wird. Am ehesten illustrieren die Objekte etwas, die auf zwei Plattentellern Karussell fahren und, von Kameras eingefangen, auf die beiden Bildwände projiziert werden.

Was von den fünf Akteuren verbal in den Saal geschleudert wird, sorgt für ein Wechselbad der Gefühle, bisweilen auch für Ärgernis. In sieben nicht eben logisch aufeinanderfolgenden Schritten geht es zunächst um Indizien für die Existenz, dann für die Nichtexistenz Gottes. Die klassischen Beweisversuche seit der Antike spielen dabei keine Rolle, am ehesten mag die Rubrik "Vernunft und Logik" noch an Kant angelehnt sein. Quellen für jene Textpassagen, die inmitten oft belangloser Heiterkeit plötzlich wie Blitze einschlagen und die man gern langsam wiederholt oder besser nachgelesen hätte, werden nicht genannt. Gipfelnd in der Frage, ob Gott "das Fundament moralischer Werte" ist oder ob es auch ein von Gott unabhängiges moralisches Verhalten geben kann. Wenn sie von den beiden Meinings stammen, gehören sie jedenfalls zum Anerkennenswerten in der Konzeption dieses Abends.

Dazwischen aber kippt dieses religionsphilosophische Niveau immer wieder in banale Geschichtchen ab, die nur mit Mühe der jeweils verhandelten Rubrik zuzuordnen sind. Darunter zum Beweis der Naturgesetze jene vom Maurer und seinem tragikomischen Unfall mit dem Flaschenzug, die man halt mit Manfred Krug schon so viel besser gehört hat. Das sollen wohl jene "Miniaturen des Scheiterns" sein, von denen der Programmtext spricht. Am stärksten prägen sich Seitenhiebe auf Gott und die Welt ein, die nicht gerade auf eine besondere Kirchennähe der beiden Köpfe von norton.commander schließen lassen. Richtig informativ ist die Analyse der sozialen Herkunft von Schülern katholischer Gymnasien. Nur fünf Prozent haben Eltern mit einem Einkommen von weniger als 50 000 Euro im Jahr. Ähnlich verhält es sich mit Zahlenangaben zur Kirche als dem größten Grundbesitzer der Welt, zu Kirchensteuereinnahmen und indirekten Kirchensubventionen durch den Staat. Und in Dagobert Duck als reichem Bankier und seiner Geldreligion dem schwächelnden Gott eine längst überlegene Konkurrenz gegenüberzustellen, erscheint originell und treffend.

Aber das sind Seitenhiebe. "Es muss die Möglichkeit des Bösen geben", stellen die Meinings an einer Stelle fest, und man hätte sich hier eine Vertiefung gewünscht, warum ein Schöpfer - so man an ihn glaubt - uns auf heimtückische Weise in dieser Freiheit geschaffen hat. Alle Fragen offen am Schluss. Lieber Hans Küng lesen oder auch nur nach Gottesbeweisen im Internet stöbern.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 29.10.2012

Michael Bartsch

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Lokales
27.07.2017 - 10:07 Uhr

Gastgeber Koblenz benennt Stadion in der sächsischen Muldestadt als Ausweichspielstätte.

mehr
Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Wettersponsor

Das Wetter in und um Dresden präsentiert Ihnen die Toskana-Therme Bad Schandau.