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Nie ganz nackig, aber immer ein bisschen dreckig

Nie ganz nackig, aber immer ein bisschen dreckig

Kurz nach acht knallt der erste Sektkorken, bald darauf ein Zweiter. "Das muss so sein", sagt Koko la Douce. Denn zu dem, was die 41-Jährige hier in einem zwischen Fabrikhallen versteckten Tangostudio mit morbidem Charme vorhat, braucht es eine ordentliche Portion Lockerheit.

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Koko La Douce (rotes Korsett) zeigt fünf Neu-Burlesquerinnen, wie sie ihre Rundungen richtig in Szene setzen.

Quelle: Norbert Neumann

Fünf Dresdnerinnen wollen von Koko La Douce die Verführung à la Burlesque lernen - ein glamouröses, sehr humorvolles, detailverliebtes und ohne die üblichen Klischees auskommendes Spiel mit Sinnlichkeit und Erotik. In dem Workshop geht es schlicht und ergreifend darum, die Hüllen mit viel Koketterie und ein wenig Tanz fallen zu lassen.

Anders als bei den unumstößlich nackten Tatsachen des artverwandten Striptease erregt hier die Andeutung weit größeres Aufsehen. "Eine Burlesquerin macht sich nie ganz nackig", erklärt Koko La Douce. "Scham und Brustwarzen sind immer bedeckt." Die Damenrunde ist derweil noch mit der Kostümierung beschäftigt: Korsetts werden geschnürt, Perücken aufgezogen, Lippen feuerrot geschminkt und dabei ziemlich viel gekichert.

Die Wurzeln des Burlesque liegen weit über 100 Jahre zurück: Frauen traten in der Mitte des 19. Jahrhunderts bei Travestieshows in Hosen auf, was damals als überaus aufreizend galt. Später etablierten Wanderzirkusse angedeutete Stripnummern als preiswertes, erotisches Entertainment. Schon das Ausziehen eines Handschuhs konnte dabei zur Attraktion werden. In den 1930ern und 1940ern erlebten Burlesque-Shows zwischen Pariser Moulin Rouge und New Yorker Broadway ihre Blütezeit. Derzeit ist das Entblättern mit stilistischen und ästhetischen Referenzen in die damalige Zeit weltweit wieder auf dem Vormarsch. Nicht nur Dita von Teese wurde dank der Burlesque-Welle zu einem Weltstar. Auch Popstars wie Christina Aguilera oder Alicia Kees bedienen sich in ihrem Musik-Videos immer wieder der burlesken Verführungskünste.

Der besondere Reiz ist dabei das Spiel mit der Fantasie. Deshalb heißt Koko la Douce natürlich nicht wirklich so, sondern hat sich eine geheimnisvolle Kunstfigur geschaffen. Hinter ihrem blumigen Künstlernamen verbirgt sich eine Schweizerin aus einem Dörfchen bei Winterthur, die über viele Umwege vor einem Jahr in Dresden landete. Ehemann Ben Daniel Jöhnk hatte im letzten Sommer ein Engagement am Dresdner Schauspielhaus angenommen. "Eigentlich wollte ich auch immer Schauspielerin werden", erzählt sie. Doch als das erste Kind unterwegs war, wurde der Weg zurück zur Schauspielerei immer steiniger. "Es ist ja nicht so, als würde die Schauspielszene auf dich warten", deutet Koko schulternzuckend an.

In der plüschig-rüschig berüchtigten Queen Calavara Bar auf der Hamburger Reeperbahn erlebte die damals 29-Jährige schließlich das, was sie heute als ihren Befreiungsschlag bezeichnet. Auf einer Bühne, kaum zwei Meter breit, stöckelte eine reizend-korpulente Tänzerin hin und her und wippte mit ihrem Allerwertesten. "Ich habe auf diesen großen Hintern geschaut und gewusst, dass ich genau das machen will", erzählt sie mit leuchtenden Augen.

Den inzwischen in Strapse und Korsett geschlüpften Dresdnerinnen soll Koko nun zeigen, wie sie solche Effekte mit ihren Hinterteilen erzeugen können. Nach den ersten Pin Up-Posen zu Musik aus den 20ern scheinen die Damen Selbstvertrauen gewonnen zu haben. Munter schwingen sie Federboas um ihre leichtbekleideten Körper, flirten mit ihrem Spiegelbild und kokettieren selbst mit kleinen Schönheitsfehlern. "Genau das ist es, was Burlesque ausmacht - nichts ist ganz perfekt, ein bisschen Dreck gehört immer dazu", betont die Burlesque-Lehrerin. "Ich habe einen riesigen Hintern und eine große Narbe auf dem Oberschenkel - na und?"

Der Erfolg spricht für Kokos Philosophie des "Nicht-ganz-Vollkommenen": Die zweifache Mutter ist in der Burlesque-Szene mehr als etabliert. In Hamburg, Leipzig, Augsburg, aber auch im europäischen Ausland verführt sie inzwischen mit ihrer komisch-erotischen Kunst. 2012 wurde sie bei der Burlesque Hall of Fame, sozusagen die Oscarverleihung in der Burlesque-Szene, mit dem Innovationspreis ausgezeichnet. Auch in diesem Jahr wird sie dort wieder auftreten. Viel mehr bedeutet der Schweizerin aber das Lächeln, dass sie mit ihrer Arbeit auf die Gesichter der Workshop-Teilnehmerinnen zaubern kann: "Wenn ich sehe, wie sich ganz normale Frauen plötzlich wie Göttinnen fühlen und dabei richtig viel Spaß haben, dann bin auch ich richtig happy."

Ab 12. September gibt Koko La Douce in Dresden neue Burlesque-Workshops. Sie sind ausschließlich für Frauen im Alter von 18 bis 88 Jahren bestimmt. Ort, Anmeldung und Informationen: Tanzhaus Friedrichstadt, Kreischaer Straße 3, Tel.: 0351/4 96 91 10 oder unter www.koko-la-douce.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 26.07.2014

Susann Schädlich

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