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Neuer Superintendent für Dresden Mitte tritt sein Amt an

Neuer Superintendent für Dresden Mitte tritt sein Amt an

Abschied und Neubeginn fallen für Christian Behr auf einen Tag. Am Sonntag, 1. April, startet er als neuer Superintendent des evangelischen Kirchenbezirks Dresden Mitte.

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Superintendent Christian Behr.

Quelle: Tomas Gärtner

Den Nachmittag indes wird der 51-Jährige in der Frauenkirche in Grimma verbringen. Dort verabschiedet ihn seine Gemeinde. "Das wird wohl auch ein bisschen wehmütig werden", meint er. "Wir haben eine schöne und intensive Zeit dort verbracht. Da fällt der Abschied nicht leicht." Er wählt seine Worte ruhig, überlegt. Strahlt eine Mischung aus Bescheidenheit und Selbstsicherheit aus.

Zusammengeschweißt, so sieht er es im Rückblick, hat ihn und die Gemeinde wie auch die Mitglieder untereinander die Bewährung in der Katastrophe. 2002 hatte das Hochwasser der Mulde Grimma unter Wasser gesetzt. Pfarrer Behr hat selbst einen ganzen Tag lang mit einem Boot Leute aus ihren Häusern gerettet. "Da haben wir uns als Kirche nicht nur um uns selbst gekümmert, sondern in der Kommune geholfen", erinnert er sich. Behr bezeichnet diese Erfahrung heute als die wichtigste Zäsur der letzten Jahre. "Da hat Kirche ein Gesicht bekommen." Seine Zeit in Grimma hat er in eine vor und eine nach der Flut eingeteilt. Fast zehn Jahre sind inzwischen vergangen. "Aber wenn man heute mit den Leuten darüber redet, treten ihnen die Tränen in die Augen." Diese Tag und Wochen damals haben ihm gezeigt, dass die Kirchgemeinde in der Not Hand in Hand mit der Kommune arbeiten kann.

Aufs Zupacken versteht er sich. Geboren 1961 im ostthüringischen Döhlen, aufgewachsen in Zeulenroda, hat er zunächst Baufacharbeiter mit Abitur gelernt. Danach erst studierte er Theologie in Jena. Als Vikar in der Kirchenprovinz Sachsen diskutierte er Ende der Achtziger Jahre im Wittenberger Predigerseminar mit Friedrich Schorlemmer. Nach einer Zeit als Dorfpfarrer wechselte er 1994 in die sächsische Landeskirche, nach Grimma.

Als Demokraten waren er und seine Gemeinde Ende der 1990er Jahre gefordert, als Neonazis versuchten, Grimma zu ihrer Hochburg zu machen. "Politisch zu handeln, ist für mich auch ein Ausdruck des Glaubens", sagt er. Bei der ersten Demonstration der Rechtsextremisten bildeten sie ein "Schweigespalier", stellten sich, Kerzen in den Händen, entlang der Strecke, den Marschierenden den Rücken zugekehrt. "Damals haben wir mit dem Bürgermeister zusammengearbeitet, mit konservativen Politikern ebenso wie mit linken." Fortan hätten sich die Neofaschisten nicht mehr so offen gezeigt. "Doch versteckt sind sie natürlich noch immer da", weiß Behr. Das Problem ist für ihn damit nicht aus der Welt. Diese Erkenntnis bringt er mit nach Dresden, wo Rechtsextremisten sich Jahr für Jahr am 13. Februar zeigen. "Dieser Herausforderung möchte ich mich auch hier stellen", sagt Behr. 2010 war er mit seinem Grimmaer Posaunenchor bei den Protestaktionen gegen einen Neonaziaufmarsch in Dresden dabei.

In punkto Politik und gesellschaftlichen Diskussionen sieht er die Aufgabe der Kirche nicht nur darin, zu moderieren. "Bei der sozialen Frage müssen wir den Finger in die Wunde legen. Wir Christen müssen mutiger werden, nach Wegen suchen, wie die Gesellschaft sozialer, menschenwürdiger gestaltet werden kann. Da sollten wir starke, deutliche Worte finden."

Allzu oft noch sieht er seine Kirche in ihren Aufbrüchen hinter Veränderungen in der Gesellschaft zurückbleiben. In der Diskussion um homosexuelle Pfarrer sei das derzeit zu beobachten. "Weshalb sollte die Kirche nicht auch einmal mutig vorneweg gehen?", fragt er sich. Er jedenfalls warte auf die Möglichkeit, als Pfarrer auch gleichgeschlechtliche Paare zu segnen. "Von Christus sind wir angehalten, alle Menschen als gleich vor Gott zu betrachten und ihre Nöte zu teilen."

Besonders in Großstädten wie Dresden klopften viele Menschen an die Kirchentüren, die nicht an Mitgliedschaft, aber Verbundenheit interessiert seien. Die müssten die Gemeinden auch im Blick behalten, neben ihrer Aufgabe, Christen "Beheimatung" zu geben. In der Großstadt habe es eine Gemeinde mit verschiedenen Milieus zu tun.

Die Kirche solle ruhig auch zeigen, dass sie ein fröhliches Gesicht besitzt. Sich beispielsweise an Stadtteilfesten beteiligen. Behr hat als Kind im Kirchenchor gesungen und Trompete im Posaunenchor geblasen. Musikalische Gottesdienste schätzt er daher besonders.

Natürlich sei Kirche nicht allein Kultur. "Wir müssen Wege und Strukturen suchen, wie wir die Botschaft des Evangeliums verständlich in unsere heutige Zeit hineinsprechen."

Doch mit fertigen Konzepten möchte Christian Behr nicht beginnen. Zunächst einmal will er Gemeinden be- suchen, mit Pfarrern und Kirchvorständen reden, Kontakte herstellen, die Strukturen kennenlernen. "Als Superintendent möchte ich Visitator, Moderator und Inspirator sein", sagt er. Sich in eine Ecke zu setzen und sich allein etwas auszudenken, sei seine Sache nicht. "Ich kann nur im Gespräch mit anderen Ideen entwickeln. Ich bin ein Team-Mensch."

Tomas Gärtner

Biografie: geboren am 13. Februar 1961 als dritter von vier Brüdern im ostthüringischen Döhlen, aufgewachsen in Zeulenroda; Vater Pfarrer, Mutter Diplomtheologin, die als Ehe- und Lebensberaterin arbeitete; als Sänger im Kirchenchor und als Trompeter im Posaunenchor; Lehre als Baufacharbeiter mit Abitur; 1982-1987 Studium der evangelischen Theologie in Jena, beeinflusst vor allem durch Klaus-Peter Hertzsch, Professor für Praktische Theologie und Autor des bekannten Kirchenliedes "Vertraut den neuen Wegen"; 1987-1989 Vikar in der Kirchenprovinz Sachsen; Diskussionen mit Friedrich Schorlemmer im Predigerseminar; Ordi- nation 1989 im Naumburger Dom; erste Pfarrstelle in Kayna (Teil von Zeitz); 1994 Wechsel in die sächsische Landeskirche nach Grimma; gestaltet kirchenmusikalisch geprägte Gemeinde mit, organisiert Friedensgebete und Protestaktionen gegen Neonazis, engagiert sich bei Integra- tion von Migranten, leistet Hilfe bei Hochwasser 2002; stellvertretender Superintendent des Kirchenbezirks Leipziger Land; verheiratet, drei erwachsene Töchter; schätzt Musik, Literatur, Natur

Superintendent: ist führender Geistlicher eines Kirchenbezirkes (Ephorie) - davon gibt es 19 in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens; seine Aufgabe ist seelsorgerliche Begleitung, Beratung, Überprüfung der Arbeit von Pfarrern, Mitarbeitern und Kirchgemeinden (Visitation); darf im gesamten Kirchenbezirk predigen; gehört dem Kirchenbezirksvorstand an; seit 2008 werden Superintendenten auf Vorschlag der Kirchenleitung von der Kirchenbezirkssynode gewählt, vorher waren sie von Kirchenleitung ernannt worden

Kirchenbezirk: Dresden Mitte; umfasst 20 Kirchgemeinden mit insgesamt mehr als 53 000 Lutheranern; meiste Gemeinden auf linkselbischer Seite (Ausnahmen: Loschwitz und Hosterwitz), reicht von Cossebaude bis Zschachwitz, von Bannewitz bis in die Altstadt gä

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 31.03.2012

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