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Neue Präventionsstrategie für Dresden: "Sucht darf kein Tabuthema mehr sein"

Neue Präventionsstrategie für Dresden: "Sucht darf kein Tabuthema mehr sein"

Mammutprogramm für die Suchtbeauftragte der Stadt: Mit dem ersten Strategiepapier zur Suchtprävention in Dresden hat ihr der Stadtrat eine beachtliche Aufgabe übertragen.

Nun muss Kristin Ferse ganz dicke Bretter bohren, um den Drogenkonsum der Dresdner einzudämmen. Aktionismus will sie vermeiden.

Im Strategiepapier steckt ein Katalog von fünf Haupt-Zielen. "Wir wollen dafür sorgen, dass Sucht kein Tabuthema mehr ist", erläutert Ferse Punkt 1 der auf zehn Jahre angelegten Präventionsarbeit. Es müsse eine stärkere öffentliche Diskussion darüber geben. "Die betroffenen Menschen sind krank und brauchen Hilfe." Darüber hinaus geht es um einen verantwortungsvollen Umgang mit legalen Suchtmitteln, die Vermeidung des Einstiegs in den Konsum illegaler Drogen, einen fortlaufenden Präventionsprozess in allen Ämtern, Institutionen und Unternehmen in der Stadt und um die Qualitätssicherung der Präventionsarbeit.

Die Ziele 1 bis 3 haben es dabei besonders in sich. Fast 41 Prozent der in der Kommunalen Bürgerumfrage 2014 befragten 16- bis 24-jährigen Dresdner kennen jemanden, der nichtlegale Drogen konsumiert. Dabei ist derzeit vor allem von Crystal die Rede. Das hat nach Einschätzung der Expertin in der letzten Zeit den Alkohol aus dem Blickwinkel verdrängt. Die reine Fokussierung auf einen Kampf gegen den Konsum illegaler Drogen lenke vom eigentlichen Problem ab, den Ursachen jeglichen riskanten Konsums.

Die Zahlen sind da eindeutig: Wenn Menschen infolge des Drogenkonsums an psychischen oder Verhaltensstörungen leiden und ins Krankenhaus müssen, dann ist das mit großem Abstand mit Alkohol verbunden. Laut Kommunaler Bürgerumfrage liegt der riskante Alkoholkonsum Dresdner Einwohner über dem bundesdeutschen Durchschnitt. Fast jeder Drogenkonsument beginne mit Alkohol oder Tabak. Deshalb sei der verantwortungsvolle Umgang mit legalen Suchtmitteln die beste Prävention, um den Konsum illegaler Drogen zu verhindern.

Das hat Ziel 2 im Visier: Das Risiko, in Folge des Konsums von legalen Suchtmitteln die unterschiedlichsten Krankheiten zu entwickeln, Probleme mit der Familie oder dem Arbeitgeber zu bekommen, soll reduziert, die eigene Lebenszufriedenheit und die der Mitmenschen erhöht werden. Dafür müsse die Bevölkerung sensibilisiert werden. "Es ist erschreckend, wie normal heute Alkoholkonsum geworden ist", betont die Suchtbeauftragte. Die Wahrnehmung des eigenen Suchtverhaltens sei bei vielen Menschen "mangelhaft". Die Fehleinschätzung dürfte mit der schleichenden Wirkung des Alkohols verbunden sein. Es handele sich aber ganz klar um ein Zellgift, hoher Blutdruck und Leberschäden gehören zu möglichen Folgen. Schädlich sei schon, so erklärt die Suchtbeauftragte, jeden Tag ein Bier zu trinken. Ritualisiertes (immer nach dem Volleyball) oder funktionalisiertes (immer nach Stress) Trinken verschlimmere die Sache. Ferse verweist darauf, dass mit wachsendem Einkommen auch tendenziell mehr getrunken werde.

Dieser Normalität der legalen Drogen sagt denn auch gleich Ziel 1 der Präventionsstrategie den Kampf an: Alle Dresdner sollen sich ihres eigenen Konsums bewusst sein und sie sollen das Gefährdungspotential einordnen können. Neben der Änderung des Verhaltens der Menschen sollen sich aber auch die Verhältnisse ändern: Deshalb wollen die Experten Stück für Stück Alkohol und Nikotin aus öffentlichen Räumen verdrängen, vor allem dort, wo sich Familien und Kinder aufhalten. Das zielt auf Bäder, Sportstätten, den Zoo, den Öffentlichen Nahverkehr mit Bussen, Bahnen und Haltestellen. Aber auch auf eine Reduzierung von Tabak- und Alkoholwerbung in der Stadt allgemein und einem Verzicht auf Reklame für Suchtmittel auf kommunalen Flächen. In der nächsten Zeit wollen sich die Suchtbeauftragte und ihre Kollegin deshalb auf den Weg machen. Bäder, Sportstätten, Verkehrsbetriebe, Zoo und andere sollen als Partner gewonnen werden, um das Vorhaben umzusetzen. Ferse will dabei pragmatisch vorgehen und Überzeugungsarbeit leisten. Es nütze nichts, Verbotsschilder aufzustellen, wenn sich dann niemand daran halte. Ein gelungenes Beispiel sei das in Dresden bereits per Satzung festgeschriebene Verbot für Alkohol und Zigaretten auf öffentlichen Spielplätzen. Damit entstünden "Werteinseln", wie Ferse es nennt. Kinder würden lernen, das der Drogenverzicht erstrebenswert sei.

Ferse weiß, dass sie mit ihrer einen Mitarbeiterin einen langen Atem brauchen wird. Gerade auch beim Thema Werbung. "Wenn es um Geld geht, wird es immer schwierig." Dabei ist sie für das straffe Programm zu großen Teilen selbst verantwortlich. 2013 hatte der Stadtrat den Auftrag für das Strategiepapier erteilt. Unter anderem "die Etablierung veränderter Suchtformen wie Medienabhängigkeit, pathologischem Glücksspiel und Crystalkonsum würden eine neue Herangehensweise nach sich ziehen. In enger Abstimmung mit vielen Arbeitskreisen, Ämtern und Institutionen entstand bei der Suchtbeauftragten das 60-seitige Papier. Einstimmig wurde es inzwischen vom Stadtrat beschlossen. "Wir sind froh, dass die Politik hinter uns steht. Das macht es uns einfacher."

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 10.08.2015

Ingolf Pleil

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