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Nebenjob als Weltverbesserer: Fundraising in Dresden

Nebenjob als Weltverbesserer: Fundraising in Dresden

"Hey Schnecke! Hast du mal eine Minute für mich?", quatscht mich ein wildfremder Kerl mitten auf der Prager Straße an. "Einen billigeren Anmachspruch gibt es wohl kaum!", will ich mich empören.

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An Fundraisern ist in den Dresdner Einkaufspassagen meist kaum ein Vorbeikommen. Nicht immer geht das so freundlich ab, wie auf unserem Symbolbild

Quelle: Dietrich Flechtner

Da bemerke ich die Aufschrift auf seinem T-Shirt: SOS-Kinderdorf. Aha, denke ich: Der Typ will kein Date. Er ist ein Fundraiser, der den Sinn seiner Arbeit wohl noch nicht verstanden hat.

Der englische Begriff "Fundraising" bedeutet übersetzt "Mittelbeschaffung", womit vor allem Gelder für gemeinnützige Organisationen wie den WWF, SOS-Kinderdorf oder für den Malteser Hilfsdienst gemeint sind. All diese sogenannten Non-Profit-Organisationen wollen politisch unabhängig sein und erhalten deshalb keine Förderung vom Staat. Der Nachteil ist jedoch, dass sie daher auf Spenden angewiesen sind. Und die müssen erst einmal eingeworben werden. Da kommen die jungen Leute ins Spiel, die sich, egal bei welchem Wind und Wetter, auf die Straße stellen und unwissende Passanten ansprechen. So wie Janne. Die 17-jährige Schülerin ist in ihrer Freizeit eine von etwa 15 Fundraisern, die regelmäßig auf Dresdner Einkaufspassagen Spender werben. Seit etwa vier Monaten ist sie dabei und das aus Überzeugung.

Klischeebild

"Ich habe einen Job gesucht, bei dem ich anderen Menschen helfen kann", erzählt Janne. Daran denken viele Passanten nicht, wenn ihnen ein hyperaktiver Fundraiser entgegenspringt und sie an einen Infostand zerrt. Viele sind genervt und laufen extra einen großen Bogen um sie. Das Bild von diesem Job könnte schlechter kaum sein. Warum eigentlich? Fundraiser wollen doch nur dein Bestes. Eben. Dein Geld. Und da hört ja bekanntlich die Freundschaft auf. Das soll nicht heißen, dass eine Spende von ein paar Euro pro Monat zu viel verlangt wäre. Im Gegenteil. Aber wer garantiert, dass das gespendete Geld wirklich bei den bedürftigen Menschen ankommt? Dieses Vertrauen fehlt vielen, vor allem nach den Spendenskandalen in den letzten Jahren. Die Fundraiser sollen nun den Ruf der Hilfsorganisationen wieder aufpolieren, was schwierig ist, wenn sie dabei auswendig gelernte Phrasen über die Ungerechtigkeit der Welt herunter rattert, mit Fragen wie "Willst du dafür verantwortlich sein?" dem Passanten versucht ein schlechtes Gewissen einzureden, aber selbst nicht einmal spendet? Es gibt diese Fundraiser, die sich kein bisschen mit der Organisation identifizieren, die sie vertreten. Wie auch, wenn sie im Durchschnitt alle drei Monate für eine neue Hilfsorganisation werben. Fundraiser sind nämlich im Regelfall bei einem Jobportal, angestellt, das managt, wann welche Fundraiser für welche Organisationen in welche Städte reisen. Ein durchstrukturiertes System. Wie soll ein potenzieller Spender da Vertrauen aufbauen? Zum Beispiel indem er sich mehrmals ansprechen lässt und feststellt, dass nicht alle Fundraiser diesem Klischeebild entsprechen.

"Nicht überreden, überzeugen"

Zum Beispiel wurde ich letztens über das wohl größte Vorurteil gegenüber Fundraisern aufgeklärt: Bonuszahlungen. Erstens: Ja, die gibt es. Zweitens: Nochmals ja, sie erhöhen sich, je mehr Spender ein Fundraiser wirbt und je höher die gespendeten Beiträge sind. Aber: Grundsätzlich arbeiten alle Fundraiser nach einem Fixpreissystem. Das heißt, sie bekommen pro Stunde rund sechs Euro, was dem Durchschnittsverdienst eines armen Dresdner Studenten entspricht. Die Anzahl der geworbenen Spender wird zwar nebenbei notiert und am Ende jeder Lohnauszahlung in einen Geldwert umgerechnet, aber im Vergleich zum Grundgehalt ist dieser Zusatzbetrag relativ gering. Genaue Zahlen sind aber immer noch schwer zu nennen, weil das Jobportal nur wenig Einblick gibt.

Aber Janne ist das sowieso nicht so wichtig. "Klar gibt es auch Studenten, die nur schnell mal Geld verdienen wollen", gibt sie zu. Aber für sie ist Fundraising nicht nur ein Nebenjob mit dem sie ihr Taschengeld gut aufbessern kann. Für sie ist es auch ein persönliches Anliegen. "Es ist der effektivste Weg, die Menschen zu erreichen. Aber ich möchte niemanden überreden. Ich will andere davon überzeugen, wie viel eine kleine Geldspende schon helfen kann", sagt Janne. Dafür steht sie fast jeden Sonnabend acht Stunden lang auf Einkaufspassagen. Dazu gehört Ausdauer, Mut und manchmal auch ein dickes Fell, denn auch Janne bekommt die Vorurteile gegenüber Fundraisern hin und wieder zu spüren mit Sätzen wie "Halt die Klappe!". Trotzdem will sie mit dem Job weitermachen. Sie weiß zwar, dass sie damit nicht gleich ein "Weltverbesserer" ist, wie es auf der Homepage des Jobportals angepriesen wird. Aber für sie ist Fundraising ein Nebenjob mit Sinn.

Lisa Kirsten

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.07.2013

Lisa Kirsten

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