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Nase voll vom Sozialismus: Dresdner Günter Haufe erinnert sich an den 17. Juni 1953

Nase voll vom Sozialismus: Dresdner Günter Haufe erinnert sich an den 17. Juni 1953

Juni in Dresden erlebte unser Leser Günter Haufe hautnah.Schon vier Jahre nach der Gründung der "Größten DDR der Welt", hatten die Menschen die Nase voll vom Sozialismus und von der "Diktatur des Proletariats".

Juni in Dresden erlebte unser Leser Günter Haufe hautnah. Seine Erinnerungen hat er aufgeschrieben:

Schon vier Jahre nach der Gründung der "Größten DDR der Welt", hatten die Menschen die Nase voll vom Sozialismus und von der "Diktatur des Proletariats". Mit der von den schon damals mehr als unfähigen dunkelroten SED-Parteibonzen zu verantwortenden Plan- und Misswirtschaft wurde jeder wirtschaftliche Erfolg verhindert. Das sollte in den VEB, den volkseigenen Betrieben, über drastische Erhöhungen der Arbeitsnormen, bei gleichbleibenden Löhnen wettgemacht werden.

Die von der Obrigkeit als "Werktätige" betitelten Arbeiter und Angestellten gingen auf die Straße, um dagegen zu protestieren. Aber das war das Letzte, was die ohne freie und geheime Wahlen an die Macht gekommenen Vasallen der Sowjetunion gebrauchen konnten. Sie interpretierten die Vorgänge als vom Klassenfeind gegen die DDR angezettelte Konterrevolution. Mit dieser billigen Floskel sollte aber nur die Anwendung von Gewalt gegenüber dem Volk gerechtfertigt werden. Man rief den "Großen Bruder" um seine Hilfe an. Das war verbriefte "Pflicht". Die Russen hätten sich sonst auch selber gerufen. Sie kamen mit Panzern.

Schüsse der Polizei in Dresden

Am Nachmittag des 17. Juni war ich mit einigen Klassenkameraden in der Innenstadt. Wir wollten doch sehen, was da so abläuft. Wir kletterten in der Otto-Nuschke-Straße, die heute wieder Marienstraße heißt, auf das Dach einer Baubaracke. Die stand genau gegenüber der Einfahrt des damaligen, 1945 auch schwer zerstörten Telegrafenamtes. In ganzer Breite der Einfahrt standen zwei Reihen bewaffneter Uniformträger. Sie sollten das Eindringen der zu hunderten auf der Straße stehenden Bürger verhindern. Die Demonstranten riefen mutig ihre Forderungen in den Betriebshof. Dabei standen die vorderen mit den Polizisten Brust an Brust.

Es kam auch zu Handgreiflichkeiten. Als nach Meinung der hinter der Sicherungskette stehenden Offiziere die Lage bedrohlich zu werden schien, gab einer einen Befehl. Die Polizisten rissen ihre Waffen hoch und feuerten zur Warnung eine Salve in die Luft.

Gegen Gewalt keine Chance

Wir Jungs ließen uns vor Schreck auf das Barackendach fallen. Ich rollte zur hinteren Dachkante runter und plumpste über die Dachrinne auf die Erde. Sofort sprang ich wieder auf die Beine und bahnte mir einen Weg durch das Chaos zum Postplatz. Die Menschenmasse war in Bewegung geraten. Meine Schulfreunde hatte ich aus den Augen verloren. Zwei T34-Panzer, die eine dunkle Abgaswolke hinter sich herzogen, fuhren ohne Rücksicht auf Verkehrsinseln oder Fußwege quer über den Postplatz in unsere Richtung. Mit vielen anderen Menschen rannte ich auf die Annenkirche zu. Von dem Menschenknäuel wurde ich mit in das volle Gotteshaus gedrängt. Noch lange waren draußen die Panzermotoren und auch Geschrei zu hören.

Nach circa einer Stunde wagte ich mich mit anderen wieder hinaus und lief nach Hause. Im Hof meines Wohnhauses traf ich auf einen älteren und zwei jüngere Mitbewohner, die sich angeregt über das aktuelle Thema unterhielten. Hier war ein sehr diffiziles Gespräch im Gange. Die drei teilten da eben, zumindest theoretisch, die zwei Motorräder eines ebenfalls in unserem Haus wohnenden Polizeioffiziers unter sich auf. Sie glaubten wohl, dass er nie wiederkommen würde. Auch sie waren also von grundlegenden politischen Veränderungen im "Arbeiter- und Bauernstaat" überzeugt. Welch ein Irrtum! Gegen Panzer und andere physische Gewalt hatten die Bürger der DDR damals keine Chance. Es mussten für uns erst noch 36 weitere nutzlose Jahre vergehen, bevor uns dann die friedliche Revolution gelang.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.06.2013

DNN

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