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Morlocks, Moder und Magneten: Einblick in die Veolia-Sortierfabrik in Dresden

Morlocks, Moder und Magneten: Einblick in die Veolia-Sortierfabrik in Dresden

Wochenalter Joghurt wittert die Chance zu evolutionärem Wucherwachstum, verschmähte Wurst geht den Weg allen Fleisches, saure Milch fermentiert vor sich hin, toter Fisch träumt modernd von der See.

Nein, wie in einem Kosmetikladen riecht es in der großen Verpackungsmüllhalle an der Rosenstraße nun wirklich nicht: Hier landet all das, was die Dresdner in die gelben Tonnen geworfen haben - ob nun wirklich auf der Verpackung ein grüner Punkt draufgepappt war oder nicht. Und weil eben nicht jeder mit höchster Disziplin den Joghurtbecher bis zum Letzten auslöffelt oder die Wurstschale aus dem Supermarkt fein säuberlich von fleischlichen Resten trennt, riecht es hier eben nach dem Ende allen Organischen: etwas faulig, muffig.

"Daran gewöhnt man sich", versichert mir Anlagenleiter Uwe Wolf. "In ein paar Minuten riechen sie das auch nicht mehr." Seit 16 Jahren ist Wolf schon dabei, kennt jeden Winkel in der Veolia-Sortieranlage nahe am Kraftwerk Nossener Brücke, jeden Geruch, den menschlicher Abfall zu bieten hat. Ähnlich wohl die Vöglein, die durch die riesige Halle schwirren, hier mal picken, da mal mit den Schnäbeln zerren - die wissen, dass es hier mehr als nur Plaste und Folie zu holen gibt.

Im Großen und Ganzen seien die Dresdner für Großstädter schon recht umweltbewusst, meint Standort-Chefin Anke Knebel. "Die tragen wirklich das Glas zum Container, geben sich Mühe, den Müll ordentlich zu trennen." Aber trotzdem gebe es immer noch viel zu viele Fehleinwürfe: Über ein Drittel dessen, was die 103 Männer und Frauen an der Rosenstraße aus den Gelben Tonnen und Säcken heraussortieren, ist eigentlich Restmüll. "Was die Kollegen hier manchmal so rausfischen-" Knebel schüttelt missbilligend den Kopf.

Klodeckel zwischen Tetrapacks

Und in der Halle sieht man auch sofort, was sie meint: Zwischen den dreimannhohen Bergen aus Verpackungsresten lugen alte Klodeckel hervor, Abflussrohre, demolierte Staubsauger, auch ein grüner Ölkanister ragt aus dem Müllhügel. Und weiter hinten haben sich doch tatsächlich Meter auf Meter aufgedruselte Videomagnetbänder wie Lianen um ein Förderband geschlungen - wer auch immer die im Digitalzeitalter noch solange aufgehoben haben mag.

Und dann der Lärm: Es zischt und brummt, zwitschert und donnert in der Halle ohne Unterlass: 16 Stunden am Tag, im Zwei-Schicht-System. "Rummms!" Ein Radlader schaufelt eine neue Ladung "Grüner Punkt" in eine stählerne Schale. Gemütlich ausruhen können sich die Säcke, die offensichtlich aus den tonnenfreien Gegenden rund um Dresden angeliefert wurden, hier aber nicht: Ratsch-Ratsch, öffnen scharfe Klingen die gelben Beutel. "Unser Schlitzomat", pocht Anlagenleiter Wolf auf das Ding. "Der reißt die Säcke auf, dann kann das Sortieren beginnen."

Zischendes, brummendes Stelzenhaus

Wir folgen dem Fließband, das nach oben führt: Die eigentliche Sortierfabrik ist nämlich wie ein großes metallenes Stelzenhaus in die Halle hineingebaut, eine Etage über uns. Der Krach kas- kadiert, als wir die stählernen Stufen zur Sortiermaschine hinauftappeln, die Luft beginnt zu würgen. Im Augen- winkel mache ich eine verblüffende Beobachtung: Es schneit! Nicht Schnee, sondern Tüten, Folienfetzen, darüber zischt es stoßweise wie in einem wild keuchenden Windkanal. Als wir das Fließband oben inspizieren, wird auch klar, woher der Wind weht: Gebläse pusten die aufgerissenen Säcke und andere leichten Folien vom Band, ein etwas stärkerer Automatenmund bläst ein Stück weiter die Tetra-Packs durch einen anderen Kanal. Was habe ich eigentlich erwartet? Dass die Männer und Frauen am Band hier alles von Hand auslesen?

Manchmal wird es eklig

Tatsächlich hat das Entsorgungsunternehmen hier über die Jahre hinweg Dutzende Millionen Euro investiert, um die Sortiererei immer weiter zu auto- matisieren. Magneten zum Beispiel ziehen Kronkorken und andere eisenhal- tige Reste aus dem nie endenden Ab- fallstrom, Infrarot-Sensoren scheiden Leichtes von Schwerem und befehligen die Gebläse, die erwähnten Folien, Tetrapacks oder Plasteflaschen in die richtigen Bunker zu pusten. Sogar für die Verpackungen, die mit nichtmagnetischen Metallen wie Alu beschichtet sind, haben sich die Müll-Ingenieure etwas ausgedacht: Ein Wirbelstromabscheider induziert Magnetfelder ins Metall, das dann andere Magneten aus dem Wust aus Pappe und Plaste ziehen.

Doch kein Automat ist perfekt, keine Technologie ausgefuchst genug, um menschliche Intelligenz vollends zu ersetzen. Was freilich für die Leute am Band an händischer Sortierleistung bleibt, ist nicht unbedingt ein Traum. "Seit zwölf Jahren bin ich schon dabei und die Arbeit geht schon", meint beispielsweise Sabrina Schulz, die für den neugierigen Journalisten für ein paar Minuten die behandschuhten Hände ruhen lässt. "Ist aber mehr und mehr zu tun, weil hier immer weniger Leute am Band stehen." Ob sie denn auch schon besonders ungewöhnliche Sachen vom Band gefischt hat, frage ich sie. "Einmal war hier sogar eine Granate im Müll", erzählt sie. "Und manchmal wird es auch ziemlich unangenehm." Ich gucke diesmal nur fragend - es ist einfach zu laut hier. "Manchmal findet man zum Beispiel benutzte Windeln, obwohl die nun wirklich nichts in der Gelben Tonne zu suchen haben", echauffiert sich die Arbeiterin. "Das ist dann schon eklig."

Mit ihr tauschen möchte ich nicht - zudem die Arbeit in der Sortieranlage auch nicht üppig bezahlt wird. Mehr als Mindestlohn bekommen die meisten hier nicht, räumt Wolf auf mein Drängen ein. Die Abfallverwertung gehört eben zu den immer selteneren Stellen in Dresden, an denen Angelernte noch Job-Chancen haben. Und ohne diese Männer und Frauen am Fließband wäre es eben nicht so gemütlich und sauber und hightech-mäßig in dieser Stadt, die sich so gern als Mikroelektronik-Metropole mit hochdotierten Arbeitsplätzen nach außen präsentiert. Sie sorgen dafür, dass die Großstadt funktioniert und ihre Einwohner ihren Müll so leicht vergessen können.

Rackern für die Hightech-Metropole

Mir fällt eine Urlaubsreise nach Sizilien ein, wo es in den Dörfern abgelegener Küstenstraßen eben nicht dieses perfektionierte deutsche Müllverwertungssystem gab, sich der Abfall auf den Gehwegen stapelte. Und H. G. Wells' Klassiker "Die Zeitmaschine", in der der britische Autor vor 120 Jahren kritisch die gern verdrängten Schattenseiten von Industrialisierung und Kapitalismus reflektierte: Ein Reisender gelang in eine Welt, in der die privilegierten Eloi auf der Oberfläche ein schönes Leben führen - zu Lasten der Morlock-Arbeiter, die dafür in der Unterwelt schuften müssen- Ach und übrigens: Die Luft hier drinnen riecht immer noch kein Stück besser, als wir an den verschnürten Riesenballen aus sortiertem Verpackungsmüll vorbei wieder gen Ausgang gehen.

Mehr Infos über die Dresdner Abfallwirtschaft im Netz: Mehr Infos im Netz: dresden.de/abfall

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 09.10.2014

hw

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