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Mittwoch im Stadtmuseum Dresden: Buchpremiere für Peter Gehrichs neuen Roman

Mittwoch im Stadtmuseum Dresden: Buchpremiere für Peter Gehrichs neuen Roman

Was wir gewöhnlich von einem Roman erwarten - Personenensemble, Handlung, eine Geschichte also - nichts davon bekommen wir in Peter Gehrischs neuem Buch "Die Bilder, die Wörter, das Schiff".

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Doch für das Fehlen äußerer Vorgänge werden wir reich entschädigt. Schon nach den ersten Seiten merken wir, dass wir es mit einem außergewöhnlichen Stück Literatur zu tun haben.

Was sich ereignet, spielt sich im Kopf eines Mannes ab: Einarr Aichlein. Dafür sorgt eine Pflanze, die ihm ein Wissenschaftler offeriert: Brugmansia sanguinea, die Engelstrompete. Schon die südamerikanischen Ureinwohner schätzten ihre berauschende Wirkung. Wer sie genieße, erlebe Unrast, Erregung, Verwirrtheit und Euphorie, erfahren wir von dem Toxikologen. Vor allem aber: Sie regt den Geist an, offenbart einem "tiefe Bereiche der Zeit". Genau das Richtige für den Erzähler, denn der ist Dichter, ein gelehrter dazu. Gleich dem Autor, der Jahrgang 1942 ist, in Dresden aufgewachsen, hat er sich ins polnische Lwówek Slaski zurückgezogen, das einst von Deutschen errichtete Löwenberg in Schlesien. Schöne Beschreibungen der Stadt, die etwas Biedermeierliches hat, findet man da.

Die Droge versetzt ihn auf einen gewaltigen Trip, beeindruckend schon durch seine Stofffülle. Jeder Logik zeitlicher und kausaler Abfolge enthoben, geht es kreuz und quer durch Orte und Zeiten, durch Städte, Wälder, durch Historie, Philosophie und Literaturgeschichte. Angefangen bei den alten Griechen bis in die Gegenwart. Träume, Phantasien, Lebenserinnerungen, kurze Szenen mischen sich mit Beschreibungen, Zitaten, essayistischen Reflexionen und Streitgesprächen über Literatur. Dafür sollte man als Leser einen Sinn mitbringen. Denn dies ist ein Buch über Bücher, ein "Gang durchs Papier", wie es an einer Stelle heißt. Schließlich haben wir es mit einer Hauptfigur zu tun, die als Kind den Bombenangriff auf Dresden erlebte und sich gern zurückzog: "Ich lebte im unbestimmten Gefühl, dem Unheil entkommen zu sein, verkroch mich in Winkel und senkte den Kopf in die Bücher."

Viele der polnischen und deutschen Dichter, die hier auftauchen, haben etwas mit Schlesien zu tun. Auch die Mutter dieses Einarr Aichlein stammt von da. Eingestreut findet man einige Sätze in ihrer herrlichen Mundart. Schlesien wird für ihn "Schlüssel- und Reizwort", "Sehnsuchts- und Gramwort". Aus unzähligen traumartigen Bruchstücken fügt dieser Roman ein schlesisches Lesebuch. Schlesien wird zudem als die Landschaft erkennbar, in der sich deutsche und polnische Kultur berührten. Dort fühlt sich der Erzähler eher zu Hause als in Dresden.

Verfasst ist das Ganze in Form von Briefen an eine Frau namens Dorothea. Die war mit diesem Aichlein zusammen 1969 Lehrerin an einer Schule. Viel mehr erfahren wir nicht. Das ist ein Manko dieses Romans: Die Dame bleibt nahezu unsichtbar, fungiert lediglich als Adressatin und gelegentliche Stichwortgeberin für Monologe. Die Chance eines spannungsvoll bewegten Dialogs schlägt der Autor aus.

Seine Stärke hingegen ist eine Sprachfülle, die sich in barockem Überschwang ausbreitet, aufschäumt oder in anmutigem Rhythmus dahinfließt. Eine bildkräftige, poetische Sprache mit originellen Fügungen wie etwa: "Wasser, auf das die Sonne züngelnde Lichtsplitter setzt, Dämonenlatein der schnell verrinnenden Zeit."

Zu etwas Besonderem aber wird dieses Buch nicht zuletzt, weil es beeindruckendes Beispiel eines bewusst nichtrealistischen Erzählens ist. Ein literarisches Gegenbild zu einer nur scheinbar sicher gefügten Welt, ein Plädoyer für stetigen Wandel und die Kraft der Phantasie: "Ein Seelengehöft wie der Traum und die Trauer, es dient der Korrespondenz mit der gewaltigen Fremdheit, in die wir hineingestellt sind."

Peter Gehrisch: Die Bilder, die Wörter, das Schiff. Leipziger Literaturverlag, 198 S., 24,95 Euro.

Buchpremiere mit dem Autor am 17. Januar, 20 Uhr, Stadtmuseum Dresden, Wilsdruffer Str. 2, Eingang Landhausstr.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 15.01.2013

Tomas Gärtner

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