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Mitglieder einer Dresdner Fahrradcrew trainierten im Nahen Osten

Auf zwei Rädern durch Israel Mitglieder einer Dresdner Fahrradcrew trainierten im Nahen Osten

Die schwarze Jacke bis oben zugezurrt lehnt sich Tom im Neustädter Alaunpark auf sein weinrotes Fahrrad – ein sogenanntes Fixie. Mit nur einem Gang und ohne Handbremsen ist das Rad minimalistisch ausgestattet. Damit haben er und ein Freund unlängst die israelische Fixie-Szene erkundet.

Dem Frühling vorausgefahren: Die Mitglieder der Dresdner Fahrradcrew Tom (l.) und Johannes in der Altstadt von Jerusalem.
 

Quelle: privat

Dresden.  Die schwarze Jacke bis oben zugezurrt lehnt sich Tom im Neustädter Alaunpark auf sein weinrotes Fahrrad – ein sogenanntes Fixie. Mit nur einem Gang und ohne Handbremsen ist das Rad minimalistisch ausgestattet. „Es beschränkt das Rad auf’s Wesentliche“, erklärt der 27-Jährige mit dem dunklen Vollbart die Faszination für Fixies. Seit Jahren sind diese Räder in der urbanen Fahrradszene begehrt. Fahrradkuriere führten die Räder ursprünglich ein, denn ohne viele Anbauteile brauchen sie wenig Wartung. Neben Tom steht Fabian, die graue Mütze tief ins Gesicht gezogen, mit seinem schwarzen Rennrad. Die beiden sind Mitglieder der Dresdner Fahrradgruppe “U-Lock Justice Crew“. Auf Toms schwarzen Rucksack sind Lenker in Plastiktüten geschnallt. „Wir haben grade komplett neue Biketeile für die kommende Saison abgeholt“, verkündet er grinsend.

Die lässt an diesem grauen Nieseltag noch auf sich warten, doch Tom ist dem Frühling vorausgefahren: Am Wochenende ist er von einer zweiwöchigen Radreise durch Israel zurückgekommen, wo er mit Crewmitglied Johannes die lokale Fahrradszene erkundet hat. „Anfang des Jahres geht es für viele Radfahrer ins Trainingslager“, erzählt Tom, wie es zu der Idee kam. „Und Johannes und ich wollten nicht nur unsere Kilometer schrubben, sondern auch auf dem Fahrrad ein neues Land erkunden – und nach Israel wollten wir immer schon.“

Etwa 700 Kilometer hatten die beiden Dresdner am Ende der Reise auf dem Tacho – „nicht so viel“, sagt Tom. Die beiden waren zwischen Jerusalem, Tel Aviv und Haifa unterwegs, umrundeten auf dem Rad Jerusalem, fuhren an die Grenze zum Libanon und düsten durch Stadtverkehr und über Strandpromenaden. Die Reisefotos zeigen, was die Jack im Dresdner Nieselregen verhüllt – bunte Tätowierungen am ganzen Körper der beiden Radfans. Zur Erinnerung an die Reise ließen sie sich in Israel Tattoos mit Fahrradmotiv auf den Oberarm stechen.

Vor Ort lernten Tom und Johannes Israelis aus der lokalen Fixieszene kennen, die die beiden Dresdner auf ihre Lieblingsrouten mitnahmen. „Die Szene ist hauptsächlich in Tel Aviv angesiedelt. Es ist eine moderne, trendbewusste Stadt“, berichtet Tom. Die Dresdner Crew gehört offenbar zum Trend und erreicht auch Fahrradfans im Nahen Osten – als Tom und Johannes auf ihrer Facebookseite die Israelreise ankündigten, bekamen sie mehr Einladungen von israelischen Radfans, als sie annehmen konnten.

Wo sie keine Kontakte hatten, fanden sie über die Internetplattform „Warmshowers“ eine Bleibe. Dort bieten Radfans auf der ganzen Welt kostenlose Schlafplätze für Radreisende an. In Dresden sind rund 150 Zweiradbegeisterte registriert, auch Tom und Johannes empfangen auf ihren Sofas Radreisende.

Im israelischen Verkehr mussten sie sich erstmal zurechtfinden. „Alles ist ein bisschen wilder, das wirkt am Anfang unkoordiniert, und alle hupen immer und überall“, lacht Tom. „Aber es gibt ein eigenes System, das man erstmal verstehen muss, wenn man aus dem regelkonformen Deutschland kommt.“ Crewmitglied Fabian, der nicht nach Israel mitkommen konnte, sagt dass Autofahrer in verschiedenen Ländern unterschiedlich hupen. „In Frankreich wird man kurz zweimal angehupt, nach dem Motto: Achtung, ich komme“, sagt der Wirtschaftsinformatiker. „In Deutschland fahren die Leute dauerhupend an einem vorbei, um zu sanktionieren.“

Was den Radverkehr in Dresden angeht, bemängelt die Crew mangelnde Rücksicht von Autofahrenden und eine wenig fahrradfreundliche Verkehrspolitik. Der Name der Crew geht auf eine amerikanische Hardcore Punkband zurück, die aus Fahrradkurieren besteht. In ihrem Song „U-Lock Justice“ beschweren die Musiker sich über rücksichtslose Autofahrer, gegen die sie sich mit ihren Bügelschlössern (U-Lock) wehren. „Der Song steht für uns dafür, dass Radfahrer gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer sind“, sagt Tom.

Ende 2011 gründete sich die Crew in Dresden und organisierte eine erste Fahrrad-Schnitzeljagd, ein sogenanntes Alleycat, das ebenfalls aus der Fahrradkurierszene stammt. Die Teilnehmenden müssen Stationen abfahren und Aufgaben erledigen. Zur Tradition geworden ist bei der Dresdner Crew ein Weihnachtsalleycat, bei dem Plätzchenbacken und Lieder singen auf dem Programm stehen.

Zehn Mitglieder hat die Crew in Dresden, allesamt befreundete Radfanatiker. Neben den Schnitzeljagden organisieren sie Nightrides – abendliche Ausfahrten in großen Radgruppen – und Sprints. „Mit solchen Aktionen wollen wir die Radkultur in Dresden beleben“, sagt Tom. „Solche Rennen gibt es in Hamburg und Berlin, aber hier war alles eingeschlafen. Wenn’s niemand macht, machen wir’s halt!“

Zu dem Fixie-Rennen mit dem Titel „This is not Brooklyn“, das die Crew im September am Alberthafen organisierte, kamen Teilnehmende aus den Niederlanden, Tschechien, Polen, Ungarn und Deutschland. „Von überall fragen die Leute an, ob wir das noch mal machen“, sagt Crewmitglied Fabian. Die Kulisse zwischen „Schrott und Lastkränen“ habe die Teilnehmer begeistert.

Ein weiteres Projekt der Crew ist der Verkauf von T-Shirts mit einem „Refugees Welcome“-Logo, auf dem Flüchtlinge auf Fahrrädern sitzen. Rund 1500 Euro Gewinn spendete die Crew an Dresdner Initiativen, die Spendenfahrräder für Geflüchtete sammeln oder Fahrradkurse für Migrantinnen organisieren. „Sport ist ein verbindendes Medium. Dabei zählt nicht die Herkunft, sondern der gemeinsame Spaß“, sagt Tom. Auch bei Schraubaktionen für Flüchtlinge im Kleinen Haus haben die Jungs angepackt. A propos Jungs: Bisher gibt es nur männliche Crewmitglieder. „Wir sind keine geschlossene Gruppe und würden es natürlich großartig finden, wenn auch Frauen mitmachen“, sagt Tom. Für Frauenradsport fehle es an gesellschaftlicher Anerkennung, findet Fabian. „Bei unseren eigenen Events bieten wir deswegen ein eigenes Starterinnenfeld für Frauen an.“ Auch 2016 will die Crew wieder Rennen und Ausfahrten organisieren. Die jährliche Crew-Radreise führte sie letzten Sommer von Edinburgh nach Paris. Wo die Reise dieses Jahr hingeht, steht noch nicht fest.

www.facebook.com/ULJCrew

www.warmshowers.org

Von Miriam Kruse

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