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Mit dem DaVinci-Roboter gegen den Pankreas-Krebs

Universitätsklinikum Dresden weitet roboterassistierte Chirurgie aus Mit dem DaVinci-Roboter gegen den Pankreas-Krebs

Wer Bauchspeicheldrüsenkrebs hat, braucht vor allem Glück, eine gewisse Leidensfähigkeit und Top-Spezialisten. Milica Fleischer (67) aus Annaberg hat von allem etwas. Die Spezialisten hat sie in der Dresdner Universitätsklinik gefunden.

Professor Jürgen Weitz (49), Chef der Klinik für Viszeral-, Gefäß- und Thoraxchirurgie an der Universitätsklinik Dresden, vor dem Video-Mitschnitt einer roboterassistierten Pankreas-Tumor-OP. Hier geht es vor allem um präzise gesetzte Nähte, die die Organe nach dem Schnitt fest zusammenhalten.
 

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden.  Milica Fleischer hat Bauchspeicheldrüsenkrebs. Im vergangenen September war die Annabergerin wegen Nierenversagens an ihrem Heimatort ins Krankenhaus gekommen. Dort runzelten die Ärzte die Stirn, weil die Blutwerte so schlecht waren. „Aber sie konnten nichts finden“, erzählt die 67-Jährige. Sie wurde ans Dresdner Universitätsklinikum überwiesen, und erst das CT brachte die niederschmetternde Diagnose: Pankreaskrebs.

„Eine Operation wollte ich auf keinen Fall. Ich hatte abgeschlossen“, sagt die kleine Frau, die in ihrem Leben schon etliche Höhen und Tiefen durchlebt hatte. Zu DDR-Zeiten arbeitete sie noch als Apothekerin, doch nach der Wende wagte sie gemeinsam mit ihrem Mann das Abenteuer Selbstständigkeit. Beide übernahmen das Annaberger „Bergamt“, ein Restaurant mit regionaler Küche. Milica Fleischer wurde Wirtin. Und acht Wochen später Witwe. „Mein Mann starb völlig überraschend. Ich hab das dann alleine durchgezogen“.

Milica Fleischer (67) sieben Wochen nach der Tumor-Operation

Milica Fleischer (67) sieben Wochen nach der Tumor-Operation. Die Annabergerin fühlt sich fit für die nächste Behandlungsstufe – die Chemotherapie.

Quelle: Dietrich Flechtner

Soviel zur Zähigkeit der 1,55 Meter großen Frau, die nach der Diagnose nun plötzlich aufgeben wollte. Doch zwei Töchter und zwei Enkelkinder hatten da noch ein Wörtchen mitzureden. „Wir brauchen Dich“ – war ein überzeugendes Argument. Milica Fleischer suchte noch einmal eine Ärztin auf, ließ sich über Chancen und Risiken aufklären. Dann stimmte sie einer Operation zu.

Komplikationsarm operieren

Und landete in der Obhut von Professor Jürgen Weitz. Der Chef der Klinik für Viszeral-, Thorax- und Gefäßchirurgie am Universitätsklinikum Dresden ist Spezialist für minimalinvasive Operationstechniken. Dafür stehen inzwischen nicht nur viele Jahre Praxis, sondern auch eine Zusatzausbildung am renommierten „Memorial Sloan-Ketterin Cancer Center“ in New York. Sein Ziel: „Den Tumor komplett entfernen, so komplikationsarm wie möglich – auch mit Robotertechnik – operieren und durch eine zügigere Wundheilung eine frühe Chemotherapie ermöglichen“.

Das Beispiel von Milica Fleischer zeigt, dass der Einsatz des DaVinci-Roboters den Genesungsprozess um etwa ein Drittel der Zeit verkürzen kann. Die vier kleinen Schnitte und ein größerer (vier Zentimeter lang), um den Tumor herauszuziehen, heilen halt schneller als ein Schnitt quer über die komplette Bauchdecke und durch die darunter liegenden Muskeln, der nötig wäre, um an die Bauchspeicheldrüse zu gelangen. Nach nur 13 Tagen konnte sie aus dem Uniklinikum entlassen werden, fünf Tage früher als normalerweise.

Bauchspeicheldrüsenkrebs

Bauchspeicheldrüsenkrebs tritt in Deutschland mit einer Häufigkeit von ca. 8 bis 10 Fällen pro 100 000 Einwohnern auf und ist damit die zehnthäufigste bösartige Tumorerkrankung sowohl bei Männern als auch bei Frauen. Als vierthäufigste Krebstodesursache stellt seine Behandlung nach wie vor eine große therapeutische Herausforderung dar.

Das „Pankreaskarzinom“ ist ein bösartiger Tumor mit außerordentlich schlechten Heilungsaussichten: Das Fünf-Jahres-Überleben liegt bei nur etwa einem Prozent. Diese schlechte Prognose beruht auf der biologischen Aggressivität des Tumors und der häufig erst sehr spät erfolgenden Diagnose. Bei 80 bis 90 Prozent der Patienten ist die Erkrankung zum Zeitpunkt der Diagnosestellung schon so weit fortgeschritten, dass keine Heilung mehr erzielt werden kann. Zu verbessern ist die Behandlung des Tumorleidens nur, wenn es gelingt, den gefährlichen Tumor frühzeitig zu erkennen und rechtzeitig einer wirksamen Behandlung zuzuführen.

Die einzige Therapie, die bislang eine Chance auf Heilung bietet, ist die Operation mit anschließender Chemotherapie. Während des Eingriffs werden der tumorbefallene Teil der Bauchspeicheldrüse oder das gesamte Organ entfernt. Mit einer derartigen Operation können Fünf-Jahres-Überlebensraten von etwa 25 Prozent erzielt werden, vorausgesetzt, der Tumor hat noch keine Tochtergeschwülste (Metastasen) im Bauchfell, in der Leber oder in anderen Organen abgesiedelt.

Der vor drei Jahren erworbene OP-Roboter der neuesten Generation kommt am Uniklinikum inzwischen jährlich über 200 Mal zum Einsatz. Die Bauchspeicheldrüsen-OP von Milica Fleischer war der 50. Eingriff, den die Experten um Professor Weitz mit dem System vorgenommen haben. „Wir schauen natürlich, wo ein normaler minimalinvasiver Eingriff reicht und wo der DaVinci sinnvoll ist“, erklärt Weitz, der die Arbeit mit dem Roboter sukzessive allen Kollegen seines sechsköpfigen Teams beibringt. Bei Operationen an der Speiseröhre wäre ein immens langer Schnitt notwendig – klare Entscheidung also für den Roboter. Auch am Enddarm wäre Schneiden keine wünschenswerte Option, denn da verlaufen Nerven, die für Sexualität und Verdauung entscheidend sind.

Feinste Schnitte und Stiche

Bei Pankreas-Operationen sind die Nähte ausschlaggebend. Jürgen Weitz wirft den Computer an, winkt Milica Fleischer um den Tisch herum und startet einen Videomitschnitt von ihrer elfstündigen Operation.

Milica Fleischer lässt sich von Professor Jürgen Weitz genau erklären, was der Roboter  während der elfstündigen Operation unter seiner Füh

Milica Fleischer lässt sich von Professor Jürgen Weitz genau erklären, was der Roboter während der elfstündigen Operation unter seiner Führung an Feinarbeit geleistet hat.

Quelle: Dietrich Flechtner

Interessiert schaut sie zu, wie die Roboterarme nähen, knoten und schneiden. „Wir müssen den Bauchspeicheldrüsengang, der manchmal nur einen Durchmesser von ein bis zwei Millimetern hat, mit dem Dünndarm vernähen. Parallel verschließen wir auch das Gewebe der Drüse. Insgesamt sind dazu meist etwa 14 Nähte notwendig, die eine absolut dichte Verbindung sicherstellen müssen. Das aggressive Sekret der Bauchspeicheldrüse könnte anderenfalls die Nahtverbindungen angreifen. Halten die Nähte nicht, müsste erneut operiert oder anders interveniert werden“, erklärt Professor Weitz.

Die feinen Stiche lassen sich mit der ursprünglichen Form der Minimalinvasiven Chirurgie – auch Schlüssellochchirurgie genannt – nur schwer ausführen: Denn der Operateur führt dabei seine Instrumente über Hülsen in den Bauch ein und bewegt Skalpell, Zangen, Scheren, Nadeln, die Optik und weitere Dinge direkt mit seinen Händen. Das Da Vinci-System dagegen unterstützt ihn mit einem komplexen elektronischen System. Die Übersetzung macht aus einer fünf-Zentimeter-Bewegung der Hand beispielsweise einen zehn Millimeter langen, direkt ausgeführten Schnitt. Dank dieser individuell einstellbaren Übersetzung, wesentlich beweglicherer Instrumente sowie der hochauflösenden, dreidimensionalen Optik kann der Chirurg die zu Organe räumlich sehen und das Instrumentarium wesentlich genauer bewegen.

Darf ich wieder selber Auto fahren?

Milica Fleischer ist beeindruckt. Sie war am Freitag nach Dresden gekommen, weil nun, nur sieben Wochen nach der Operation, ihre Chemotherapie beginnt. „Neben der chirurgischen Entfernung des Tumors entscheidet ein früher Beginn und das vollständige Verabreichen der Chemotherapie mit darüber, wie gut Krebszellen außerhalb der Drüse überleben können und damit auch über das Langzeitüberleben der Patienten“, erläutert Professor Weitz die Eile. Noch gibt es zu OP und Chemotherapie keine Alternativen, um Pankreaskrebs – eine der aggressivsten Tumorerkrankungen überhaupt – zu bekämpfen.

Angst vor der Chemo? „Da hab ich ein bisschen Bammel“, gibt Milica Fleischer zu. „Und wie war das vor der OP?“, fragt Jürgen Weitz. „Kein bisschen“, sagt die Annabergerin und lacht. Ob sie denn eigentlich wieder Auto fahren kann, fragt sie noch, denn nun muss sie ja für ein halbes Jahr einmal wöchentlich nach Dresden, um ambulant jenen Cocktail durch ihren Körper jagen zu lassen, der die Krebszellen das Fürchten lehren soll. „Klar, wenn sie keine Schmerzen haben“, gibt der Chirurg grünes Licht.

Von Barbara Stock

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