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Mit Nuklearkraft gegen den Tod: Selektive intraarterielle Radiotherapie schenkt Patienten zusätzliche Lebensjahre

Mit Nuklearkraft gegen den Tod: Selektive intraarterielle Radiotherapie schenkt Patienten zusätzliche Lebensjahre

Günter Füssel ist tapfer. Seit 25 Jahren. Er lässt den Kopf nicht hängen, gibt sich nicht auf, kämpft wie ein Löwe. Immer wieder hat ihn sein eigener Körper dahingerafft, hat ihm den Krieg erklärt, mit dem Tod gedroht.

Das erste Mal 1980, Hodenkrebs. Die Diagnose kam nur wenige Wochen vor der Geburt seines dritten Kindes. Kurz bevor seine Tochter das Licht der Welt erblickte, hat er seine Frau in die Klinik gefahren und ist nebenan zur Chemotherapie gegangen. Das kleine Babybündel lächelte und guckste ihm wieder Kraft ins Leben. Dieser Anfang konnte kein Ende vertragen. Günter Füssel gewann den ersten Kampf.

Heute ist seine Tochter 25 Jahre und seine gesamte Leber vom Krebs befallen. Ein Tumor ist zwölf Zentimeter groß und sitzt direkt auf der Pfortader, dem größten Blutgefäß, das die Leber versorgt. Wegen dieser komplizierten Position ist keine Operation möglich, auch keine Transplantation. Es hat keinen Sinn, denn in seiner Leber sind "unzählige" Tumore und Metastasen, also Tochtergeschwülste des Tumors. "Mein Mann gilt als unheilbar", sagt Doris Füssel. Sie ist 63 Jahre, hat kurze braune Haare, ihre Züge sind weich. Sie ist die starke Frau an seiner Seite, der Fels in der Brandung. Sie hält seine Hände, spricht ihm Mut zu, merkt wenn ihm übel wird oder ihm das Essen nicht schmeckt. Sie behält den Überblick im Diagnose- und Symptom-Chaos. "Er sagt immer, dass es ihm gut geht", erzählt sie. "Doch ich merke genau, wenn er leidet."

Günter Füssel positioniert sich derweil mit seinen Ärzten für das Pressefoto vor dem Gerät, was ihm ein längeres Leben ermöglicht. Eine Liege, ein großes Medizintechnik-Etwas darüber, große und kleine Schläuche und Bildschirme, die mit winzigen Bildpunkten die große Wahrheit in das Leben schleudern. Die Ärzte bugsieren eine Apparatur aus dem Nebenraum. Günter Füssel inspiziert die Details - sonst "schläft" er ja immer. "Ich will alles wissen", sagt er. "Da kann ich besser angreifen". Das ist wichtig im Kampf, eine Strategie, an der man sich entlanghangeln kann.

Günter Füssel ist einer von knapp hundert Patienten, die bislang am Uniklinikum mit der neuen sogenannten selektiven intraarteriellen Radiotherapie (SIRT) behandelt wurden. Das Prinzip ist einfach und gleichermaßen genial. Mit Radioaktivität gefüllte, winzige Partikel hungern Tumore und Metastasen in der Leber aus und schrumpfen sie durch direkte Bestrahlung. Mit einem Durchmesser von 20 bis 40 Mikrometer - etwa halb so dick wie ein menschliches Haar - werden die Partikel über einen Katheter direkt in die Leberarterien eingeschleust. Dort bleiben sie in den kleinen Blutgefäßen der Tumore und Metastasen hängen, verringern deren Durchblutung und lassen sie durch die Bestrahlung absterben - im besten Fall. Im weniger guten Fall wird ihr Wachstum gebremst, immerhin. Wieder einige Lebensmonate mehr, bei gutem Befinden. "Schwerkranke Patienten schätzen ihre Lebenszeit anders als gesunde Menschen", sagt Ralf-Thorsten Hoffmann, stellvertretender Leiter des Instituts für Radiologie. "Sie freuen sich über jeden Tag, der ihnen zusätzlich gegeben wird."

Lebenszeit schenken - das machen die Radiologen und Nuklearmediziner in Gemeinschaftsarbeit. Hier geht es nicht um Heilung, sondern um Linderung. SIRT wird angewendet, wenn alle konventionellen Therapien ausgereizt sind, wenn keine Operation und auch keine Chemotherapie mehr möglich ist. "Auch wenn durch diese Therapie das Tumorleiden nicht heilbar ist, gewinnen die Betroffenen zusätzliche Lebenszeit", sagt Hoffmann. "Die Therapie ist eine Erfolgsgeschichte", erklärt auch Nuklearmedizinerin Sabine Grosche-Schlee. Seit Einführung der Therapie im Jahr 2012 sei die Zahl der Patienten stetig gestiegen. "Im Durchschnitt liegt die Lebenserwartung nach der Diagnose Leberkrebs bei vier Monaten", sagt sie. Einige lebten jetzt schon mehrere Jahre damit. Günter Füssel ist mittlerweile im Jahr Nummer 4 angekommen.

Doch auch Ehefrau Doris Füssel wird manchmal schwach. "Immer diese Warterei, das ist am Schlimmsten", erklärt sie. Mittlerweile wurde ihr Mann das zweite Mal mit der SIRT behandelt, morgen kommen die Ergebnisse. Ausharren, wie immer. Dann erfährt das Ehepaar, wie weit die Tumore geschrumpft und welche Metastasen abgestorben sind.

Günter Füssel beobachtet die Apparatur, die ihm zum Leben verhilft. "Yttrium-90", sagt er. "Doris, schreib es auf, die radioaktive Substanz heißt Yttrium-90". Seine Frau bittet um einen Stift. Er will alles wissen, um angreifen zu können. Während der Behandlung pumpt das Gerät Yttrium-90 über einen Katheter in die Blutgefäße seiner Leber.

Das alles ist möglich durch eine anatomische Besonderheit. Während gesundes Lebergewebe über die venöse Pfortader versorgt wird, erhalten ihre Tumore und Metastasen das Blut aus der Leberarterie. Somit können die Ärzte die Nuklearkügelchen gezielt in die Blutgefäße setzen, die zum Tumor führen, ohne das gesunde Organ zu vergiften. "Für die komplexen Voruntersuchungen und der sehr präzise zu kalkulierenden Dosierung des radioaktiven Isotops bedarf es erfahrener Spezialisten", erklären die Ärzte. Die Nebenwirkungen seien zwar vergleichsweise gering, der Eingriff dennoch hochkomplex. "Bei Fehlern kann es zu schwersten Komplikationen kommen", sagt Hoffmann. "Richtig und ideal durchgeführt ist das Verfahren sehr gut verträglich." Wichtig sei jedoch eine umfangreiche und gründliche Voruntersuchung.

Dabei wird per Angiographie "die Landkarte" der Blutgefäße vorher erkundet. Wo können wie viele Kügelchen hin und wie lange dauert das? Alles muss errechnet werden. Alles muss stimmen, am großen Behandlungstag. Das letzte Mal ist Günter Füssel nach der Vorbereitung noch Auto gefahren, bis nach Oldenburg zum ältesten Sohn, seiner Familie, dem Enkelchen. "Ich war so stolz auf ihn", sagt Doris Füssel. An jedes Detail kann sie sich erinnern. "Ich hätte doch auch fahren können", sagt sie. "Aber er wollte unbedingt." Günter Füssel lacht, seine Ärzte auch, der Fotoapparat klickt.

Die selektive intraarterielle Radiotherapie (SIRT) wird am Uniklinikum und am Städtischen Klinikum angeboten. Beide Standorte arbeiten intensiv zusammen und gelten als SIRT-Zentrum im Osten Sachsens.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.08.2014

Katrin Tominski

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