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Mit Hightech gegen die Dämonen

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Wenn Martin Reich auf sein Fahrrad steigt, fährt er für gewöhnlich nicht einfach spazieren. Auf seiner insgesamt rund 5500 Euro teuren Spezialkonstruktion, einer Mischung aus Mountainbike, Tourenrad und Downhill-Bike mit Anhänger, Navigationssystem und Solarmodul ist er schon durch halb Europa getourt und macht derzeit Station in Dresden.

Von Jane Jannke

"Auf dem Fahrrad bin ich frei, fühle weder Hass noch Wut", sagt der 34-Jährige mit dem Sehfehler. Der ist das einzige, was man von seiner 60-prozentigen Schwerbehinderung äußerlich sieht. Von Geburt an leidet er außerdem an einer starken Lese/Schreibschwäche, Motorik- und Anpassungsproblemen.

Hass und Wut sind große Themen in Martin Reichs Leben. Ihren Ursprung haben sie tief in der Vergangenheit. Zu DDR-Zeiten landet er wegen seiner Behinderung auf Hilfsschulen, auch daheim gibt es Probleme. Als er neun Jahre alt ist, wird er wegen Schwänzens in die Psychiatrie Stralsund-West eingewiesen - der Beginn eines jahrelangen Martyriums. "Wir wurden an die Betten gefesselt. Wer unruhig war, bekam ein Netz übers Bett, damit er nicht ausbüchsen konnte", berichtet Reich von den unmenschlichen Zuständen. Die schlimmen Kindheitserlebnisse hat er bis heute nicht verwunden. "Bislang wird nur über die DDR-Heime und Jugendwerkhöfe geredet, aber nie über die Psychiatrien." Auf seiner aktuellen Tour macht er auch im ehemaligen Jugendwerkhof Torgau Station. Dem dortigen Museum will er sich für ein Zeitzeugenprojekt zur Verfügung zu stellen.

Mit den Spezial- und Durchgangsheimen des DDR-Erziehungswesens hat Martin Reich zur Genüge Bekanntschaft gemacht. Durch wie viele solcher Heime er nach dem Psychiatrie-Aufenthalt gereicht wurde, kann er heute nicht mehr sagen. Die Namen der Erzieher, die ihn misshandelten, haben sich dagegen eingebrannt. "Wer etwas ausgefressen hatte, bekam nichts zu essen", berichtet er. Als er daraufhin vor Hunger Essen stiehlt, zwingt man ihn, Salzwasser zu trinken und alles zu erbrechen. Oft haut er ab, flieht schließlich mit einem gestohlenen Fahrrad Hunderte Kilometer von Mittweida heim nach Stralsund.

Bis heute verbinde er mit dem Fahrradfahren jenes Gefühl der Befreiung von damals. Diesen Zusammenhang zu verstehen, habe Jahre gedauert. 2006 entsteht mit Freunden die Idee zu seinem Tourenprojekt "Reichlich-sportlich", 2008 startet er seine erste Tour - "mit einem Baumarktfahrrad für 200 Euro", wie er lachend verrät. In den Folgejahren werden die Touren größer, führen ihn unter anderem nach Frankreich, Belgien und Schweden. Größer wird dank Sponso ren, die Martin Reich selbst auftut, auch der Umfang seiner Ausrüstung. In einem Anhänger transportiert er heute bis zu 250 Kilogramm Gepäck, ein Solarmodul obendrauf versorgt Beleuchtung, Navigationsgerät und Laptop mit Strom. Er wolle anderen Menschen in ähnlicher Situation Mut machen und für mehr Verständnis in der Gesellschaft werben, so der 34-Jährige.

Verständnis erfährt Martin Reich auch in heutigen scheinbar aufgeklärten Zeiten selten. Als er in seiner Heimatstadt versucht, die Vergangenheit der Psychiatrie Stralsund-West zu thematisieren, zieht er sich den Ärger der Behörden zu. Die Verkehrsbetriebe erteilen ihm Hausverbot, weil er sich aufgrund seiner Klaustrophobie von zu dicht auffahrenden Bussen bedroht fühlt und aggressiv wird. "Behinderte haben in Deutschland weniger Rechte als irgendein Unternehmen", beklagt Reich und will deshalb nun sogar vor dem Bundesverfassungsgericht klagen.

In Sachsen sei man bereits weiter, lobt Martin Reich mit Blick auf die Torgauer Gedenkstätte. "Man darf die Erinnerung daran nicht ausradieren", so das Plädoyer des leidenschaftlichen Radlers. Denn damit radiere man gleichsam die Opfer selbst aus.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.06.2012

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