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Mindestlohn löst in Dresden keinen Job-GAU aus

Mindestlohn löst in Dresden keinen Job-GAU aus

Der teils befürchtete massive Stellenabbau durch den Mindestlohn ist (bisher) ausgeblieben: Laut der Dresdner Arbeitsagentur ist außer den saisonal üblichen Schwankungen bisher kein Ausschlag in den Statistiken zu beobachten.

Ifo Dresden hatte im August in einem Gutachten für das - damals noch FDP-geführte - sächsische Wirtschaftsministerium gewarnt, dass allein in Dresden zwischen 4100 und 8700 Arbeitsplätze, also bis zu fünf Prozent aller Jobs durch den Mindestlohn wegfallen könnten. "Ifo Dresden"-Vize Prof. Joachim Ragnitz steht weiter zu diesen Befunden, betont nun aber, dass diese Verluste eben nicht sofort eintreten müssen.

"Die Betriebe sind im Großen und Ganzen auf den Mindestlohn vorbereitet", meint Andreas Brzezinski, der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Dresden. Absehbar sei aber, dass in vielen Betrieben die Neigung steige, bisher von Menschen erledigte Arbeiten durch Maschinen machen zu lassen. Auch werden viele Handwerker ihre Mehrkosten auf die Preise umlegen. Zu hoffen sei, dass dies insbesondere bei den Bäckern, die es ohnehin gegen die Konkurrenz billiger Tiefkühl-Brötchen immer schwerer haben, nicht zu starken Kundenverlusten führe. Die Kammer verteilt deshalb nun fleißig "Fachkräfte haben ihren Preis"-Aufkleber. Die sollen die Handwerker an ihre Läden kleben, um beim Kunden um Verständnis für Preiserhöhungen zu werben.

Kritischer steht die Industrie- und Handelskammer (IHK) Dresden dem Mindestlohn gegenüber: "Wir sind gegen diesen politischen Eingriff in die unternehmerische Freiheit", sagt IHK-Sprecher Lars Fiehler. "Wir rechnen insbesondere in Kleinstunternehmen mit Geschäftsaufgaben und Entlassungen." Ähnlich wie die Kollegen bei der Handwerkskammer sieht Fiehler allerdings weniger starke Auswirkungen in Dresden als auf dem Lande. Mit Arbeitsplatzverlusten sei insbesondere in Gaststätten zu rechnen, außerdem im ganzen Segment der Mini-Jobber.

Nachbesserungsbedarf sieht die IHK insbesondere bei den Sonderreglungen für Praktikanten: Dort hat der Gesetzgeber festgelegt, dass Praktika im Zuge einer Ausbildung bis zu einer Dauer von drei Monaten vom Mindestlohn ausgeklammert bleiben. "Da wollte der Bund etwas Gutes für die vielzitierte ,Generation Praktikum' tun", meint Fiehler. "Aber viele HTW-Studiengänge zum Beispiel schreiben ein sechsmonatiges Betriebspraktikum vor. Ob da noch viel Industrie-Unternehmen bereit sein werden, für Studenten Praktika bereitzustellen, wag ich mal zu bezweifeln."

Auch in Industrie mehr Niedriglöhner als gedacht

Inzwischen stellt sich zudem heraus: Nicht nur "kleine Klitschen", sondern auch viele Industriebetriebe in und um Dresden haben bisher selbst Facharbeitern an der Werkzeugmaschine weniger als 8,50 Euro die Stunde gezahlt. IHK-Sprecher Fiehler nennt als anonymes Beispiel eine Metallfabrik, die selbst für NC-Maschinenbediener nur 7,20 Euro zahlt. Nun muss der Betrieb nicht nur für diese Mitarbeiter 1,30 Euro pro Stunde mehr zahlen, sondern für fast die gesamte Produktions-Belegschaft - um den Lohnabstand zwischen Berufseinsteigern und den hochqualifizierten "Veteranen" zu wahren.

Bäcker machen Brötchen teurer

In den Bäckereien dürfte der Mindestlohn besonders starke Auswirkungen haben: Selbst Fachkräfte rackerten in manchen Backstuben und an Verkaufstheken für 6,50 Euro die Stunde. Vize-Innungsmeister Andreas Wippler meint aber: "Wir werden das meistern." In Dresden habe er von keinem Kollegen gehört, der wegen des Mindestlohns dicht machen will.

Eine Folge hat der Mindestlohn aber auf jeden Fall: Brötchen und andere Backwaren in Dresden werden teurer - um etwa zehn Prozent, schätzt Wippler. Einige Bäcker haben die Preise bereits angehoben, andere werden wohl nachziehen. Ob dann noch mehr Kunden doch lieber zu den billigeren Supermarkt-Brötchen greifen, die meist auf Tiefkühl-Teiglingen aus großen Fabriken in Osteuropa oder Asien beruhen, bleibt abzuwarten.

Der Meister sieht aber auch indirekte Folgeeffekte durch den Mindestlohn: "Die Sortimente sind bei vielen Bäckern sehr breit, vielleicht zu breit. Da wird mancher darüber nachdenken, insbesondere Konditorwaren, die nur sehr personalaufwendig zu machen sind, aus dem Sortiment zu nehmen." Andere werden wohl überlegen, ob sie den einen oder anderen Arbeitsgang künftig nicht doch durch Maschinen erledigen lassen. Außerdem werde sich der Mindestlohn durch das ganze Lohngefüge fressen, meint Wippler: Wenn man dem Ungelernten jetzt 8,50 Euro zahle, werde jetzt jeder Geselle oder Meister, der bisher neun Euro pro Stunde bekommt, ebenfalls auf Lohnerhöhungen dringen. Denn nur, wenn sich die persönlich investierte Lebenszeit für Ausbildung und Qualifikation auch in einem spürbaren Lohnabstand zum Ungelernten niederschlägt, werden solche Mühen noch lohnenswert erscheinen.

Fleischer sieht nur noch wenig Job-Chancen für Helfer

Die Fleischer wollen anscheinend noch abwarten, ob und wann sie ihr Fleisch und ihre Würste wieder verteuern, bis sie die neuen Preislisten für ihre Rohstoffeinkäufe vor Augen haben. "Wir fragen uns natürlich, wie unsere Zulieferer auf den Mindestlohn reagieren werden", sagte Jürgen Müller, der Obermeister der Dresdner Fleischerinnung. Die Gewürzindustrie habe schon mit Preiserhöhungen begonnen. Er selbst habe aber keine Mitarbeiter entlassen, für die allermeisten auch schon die Löhne angepasst. Doch perspektivisch sieht er Probleme für Geringqualifizierte nahen. "Mitarbeiter mit wenig Know-how, die wir Fleischer bisher in der Reinigung oder als Küchenhelfer eingestellt haben, dürften es am Arbeitsmarkt künftig schwer haben."

Post-Konkurrenz legt höhere Löhne aufs Porto um

Auch Zusteller von Zeitungen, Post und Werbeprospekten gelten als Geringverdiener. So zahlt die Dresdner Briefzustellfirma "Postmodern" ihren 500 Boten, die bisher im Schnitt sieben Euro pro Stunde bekamen, ab Januar 8,50 Euro. "Das wird uns einen siebenstelligen Betrag pro Jahr kosten, den ich nicht komplett aufs Porto umlegen kann", sagt Postmodern-Chef Michael Ulbrich. Das heißt: Das Dachunternehmen "Media Logistik" wird weniger Geld an seine Muttergesellschaften "DD+V" (die auch die "Sächsische Zeitung" herausgibt) und "Fiege Logistik" abführen. Den anderen Teil der Lohnerhöhung finanzieren die Briefkunden, die künftig zehn Prozent mehr zahlen. Für Privatkunden verteuert sich das Porto für den Standardbrief von 50 auf 55 Cent. Nicht unmittelbar bedroht, aber mittelfristig gefährdet sind durch den Mindestlohn die Jobs der Sortierer: Die bekommen jetzt zwar 8,50 statt acht Euro die Stunde. Ihre Arbeit sollen aber ab 2016 größtenteils neue Sortiermaschinen übernehmen. Bisher habe sich die Investition in diese Anlagentechnik nicht so ganz gelohnt, nach der Lohnerhöhung rechne sie sich aber, schätzte der Postmodern-Chef ein.

Marktbereinigung in Taxi-Szene erwartet

"Wir sind auf den Mindestlohn vorbereitet", sagt Henry Roßberg von der Dresdner Taxi-Genossenschaft, in der über 200 Unternehmen mit insgesamt 480 Taxen organisiert sind. "Wir sind zuversichtlich, dass wir das stemmen können." Das liegt auch an einer Besonderheit dieses Gewerbes: Im Gegensatz zu anderen Branchen wird der Preis hier nicht den freien Marktkräften überlassen, sondern politisch festgelegt. Mit Blick auf den Mindestlohn hat der Stadtrat den Taxiunternehmen höhere Beförderungstarife genehmigt, seit Mitte Dezember müssen die Fahrgäste für ein Taxi tiefer in die Taschen greifen. Auch Tom Büchner, dessen Firmenverbund "QQ Moves" über 40 Taxen auf den Straßen hat, wird einsilbig, wenn es um die Folgen des Mindestlohns geht. "Das steht in den Sternen", meint er.

Allerdings ist es auch kein Geheimnis, dass das Taxigewerbe in Dresden schon lange mit Überkapazitäten kämpft und durch den Mindestlohn vor besonders scharfen Herausforderungen steht: Schätzungen zufolge sind die Dresdner Taxen schon heute im Schnitt nur zu 35 Prozent ausgelastet. Gemunkelt wird in der Branche, dass jeder dritte bis vierte Fahrer demnächst seinen Job verlieren wird, manche Unternehmen die Hälfte ihrer Fahrzeugflotte einstampfen wollen. Offiziell bestätigen mochten solche Planspiele freilich keine Branchenvertreter.

Die Industrie- und Handelskammer (IHK) rechnet jedenfalls mit einer "Marktbereinigung" durch den Mindestlohn. "In Dresden gibt es derzeit zu viele Taxen", schätzt IHK-Sprecher Lars Fiehler ein.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 06.01.2015

Heiko Weckbrodt

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