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Militärhistoriker Rogg: Bombardierung Dresdens begründete Opfermythos

Militärhistoriker Rogg: Bombardierung Dresdens begründete Opfermythos

Wahrheit und Mythos: Dresden erinnert am 13. Februar an die Zerstörung der Elbestadt im Zweiten Weltkrieg vor 70 Jahren. Britische und amerikanische Bomber hatten das Zentrum in Schutt und Asche gelegt, bis zu 25.000 Menschen starben.

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Blick auf das zerstörte Dresden 1945.

Quelle: Zentralbild

Im Interview spricht der Militärhistoriker Matthias Rogg (51) unter anderem über Gründe für den Angriff und seinen militärischen Sinn.

Frage: Warum ist die Zerstörung von Dresden im Zweiten Weltkrieg von einem Mythos umgeben?

Rogg: Der 13. Februar 1945 ist der archimedische Punkt der Stadtgeschichte, von dem aus sich alles berechnen lässt. Es gibt eine Zeit vor der Zerstörung und eine nach der Zerstörung. Das ist eine historische Wasserscheide in der Geschichte dieser Stadt. Von Anfang an wurde vieles verschleiert und durch die NS-Propaganda überfrachtet. Von Anfang an wurden die Opfer dafür missbraucht. Die historische Aufarbeitung setzte erst relativ spät ein. Bis heute gibt es einen Missbrauch dieses Datums zu politischen Zwecken. Das beweisen die jährlichen Aufmärsche von Neonazis in Dresden.

Warum gab es lange so große Schwankungen in den Opferzahlen?

Die von Dresden eingesetzte Historiker-Kommission geht nach gründlichen Recherchen von einer Opferzahl zwischen knapp 23.000 und maximal 25.000 aus. Der größte Teil der Opfer ist namentlich bekannt. Wir haben heute ein klares Bild. Das Propagandaministerium hat damals Zahlen im sechsstelligen Bereich lanciert - völlig aus der Luft gegriffen. Sie sollten als Beleg für ein Kriegsverbrechen dienen. Doch der Dresdner Polizeichef wusste schon eine Woche nach der Katastrophe ziemlich genau Bescheid. Er kam auf 25.000 Opfer. Das Dokument haben die Historiker gefunden, ein Sensationsfund. Das eine ist die Wahrheit, das andere die Propaganda.

Was ist mit den anderen Mythen?

Die Indizienlage ist im Fall der Bombardierung Dresdens ziemlich klar. Zu den Mythen gehört auch, dass auf Dresden Phosphor abgeworfen wurde. Das ist aber bei den Luftangriffen auf Deutschland nur einmal passiert, beim Feuersturm in Hamburg - in Dresden definitiv nicht. Das gleiche gilt für Tiefflieger-Angriffe. Die können wir mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausschließen. Es gibt keine stichhaltigen Hinweise.

Warum wurde Dresden erst gegen Kriegsende massiv angegriffen?

Lange Zeit lag Dresden für alliierte Bomberverbände in einem toten Winkel. Zu Beginn des Krieges langte die Reichweite der Flugzeuge noch nicht. Der Reichsluftschutz hatte Dresden relativ früh als eines der Hauptziele identifiziert. Dann merkte man, dass die Reichweite der Bomber dem eine Grenze setzt. Das hat Dresden lange Zeit verschont. Im Laufe des Krieges entwickelte sich auch die Technik weiter. Seit 1944 gab es Planungen für einen Großangriff auf Dresden, einen sogenannten Millenium-Angriff mit 1000 Flugzeugen, von dem auch Köln und Hamburg betroffen waren. Aus verschiedenen Gründen fand er 1944 aber nicht mehr statt. Tatsache ist: Eine unglückliche Verkettung von Umständen hat dazu geführt, dass die Zahl der Opfer so groß war. Die Amerikaner und Briten konnten das nicht einkalkulieren. Die Stadt war voller Flüchtlinge. Dresden besaß de facto keine Flugabwehr mehr. Es gab auch keine nennenswerte Abwehr durch Jagdflugzeuge. Die Feuerwehr war total überfordert, der Brandschutz ungenügend. Zudem gab es selbst beim Nachtangriff eine ideale Sicht.

Warum zeigten sich Behörden und Bevölkerung so überrascht?

Der Schock saß tief, weil Dresden bis dahin praktisch verschont geblieben war. Man fühlte sich sicher. Es gab auch vorher schon Luftangriffe, sie verursachten aber nur geringe Schäden. Man hoffte - genau wie Potsdam - dass die einzigartigen Kunststätten verschont würden. Das hat den Opfermythos von Dresden verstärkt. Heute wissen wir, dass Dresden ein wichtiger Rüstungsstandort war.

War der Angriff auf Dresden aus heutiger Sicht ein Kriegsverbrechen?

Nach der Haager Landkriegsordnung von 1907 war das ein Kriegsverbrechen. Demnach mussten zivile Stätten und Ziele verschont bleiben. Damals war aber noch nicht an Bombenkriege zu denken. Anfang der 1920er Jahre wurde als Reaktion auf die Erfahrungen im Ersten Weltkrieg ein Zusatzprotokoll verfasst, in dem Angriffe aus der Luft auf zivile Ziele als Bruch des Völkerrechts bezeichnet sind. Dieses Protokoll ist jedoch nicht ratifiziert worden, unter Rechtsgelehrten galt es allerdings als Gewohnheitsrecht. Insofern war der Angriff ein Dresden ein Bruch des Völkerrechtes. Allerdings steht hinter all dem ein großes Aber und dieses Aber ist wichtig.

Wie meinen Sie das?

Angesichts der Opfer, die die vorherige Bombardierung Coventrys und Londons forderte, hat man sich in Großbritannien dieser Diskussion gar nicht gestellt. Alles, was dazu diente, den Krieg zu verkürzen und die eigenen Soldaten wieder nach Hause zu holen, war im Grunde legitimiert.

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Der Militärhistoriker Matthias Rogg leitet das Militärgeschichtliche Museum der Bundeswehr in Dresden.

Quelle: PR .

ZUR PERSON: Der Militärhistoriker Matthias Rogg hat den Dienstrang Oberst und ist seit 2010 Direktor des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden. Seit 2013 ist er zudem Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität der Bundeswehr Hamburg.

Jörg Schurig

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