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Migrationsberaterin: Vermitteln heißt mehr als Übersetzen

Dresden Migrationsberaterin: Vermitteln heißt mehr als Übersetzen

Es ist der 29. August, 5.55 Uhr, 1996, der genaue Zeitpunkt von In Am Sayad Mahmoods Geburt. Ihrer zweiten Geburt. Damals kam die Irakerin in Deutschland an. „Das Datum ist ein Startpunkt einer neuen Etappe in meinem Leben“.

Dresden. Es ist der 29. August, 5.55 Uhr, 1996, der genaue Zeitpunkt von In Am Sayad Mahmoods Geburt. Ihrer zweiten Geburt. Damals kam die Irakerin in Deutschland an. „Das Datum ist ein Startpunkt einer neuen Etappe in meinem Leben“, sagt die 59-Jährige heute. Sie kennt alle Daten auf ihrem Weg zur deutschen Staatsbürgerschaft und alle Paragrafen-Nummern. Nur die Zahl der Menschen, die in ihrem Karteikasten verzeichnet sind, kennt sie nicht. Sie lässt ihre Finger durch die Zettel mit Namen und Herkunftsland laufen. Mahmood berät in Dresden erwachsene Migranten.

Wenn Anträge ausgefüllt, Anwälte vermittelt, Wohnungsfragen beantwortet werden müssen, kommen bereits anerkannte Flüchtlinge zu ihr ins Ökumenische Informationszentrum. Dresden hat vier Migrationsberatungsstellen. In allen gibt es nur eine Sozialarbeiterin, die Arabisch und Persisch spricht: In Am Sayad Mahmood. In diesem Sommer kamen allein in ihr Büro so viele Menschen, dass sie eher 50 Stunden arbeitete statt 37. Die Ingenieurin hat gelernt, sich zu gedulden. Sechseinhalb Jahre wartete sie darauf, dass ihr Mann ihr in den Iran folgt. Dorthin war sie mit ihrem schwerbehinderten Sohn und ihrer Tochter aus Bagdad geflohen. Das Regime Saddam Husseins hatte ihren Mann verfolgt und seine Familie verfolgt. Als er 1996 nachkam, flohen sie gemeinsam weiter in die Türkei, von dort nach Malaysia, nach Singapur und Indonesien, schließlich nach Deutschland. Die Familie landete - mit falschen Pässen - in Frankfurt am Main.

Am 29. August um 5.55 Uhr. Damals fragte sie ein Polizist: „Wollen Sie Asyl?“ Heute fragt die Irakerin in den Erstaufnahmeeinrichtungen für Flüchtlinge in Dresden die Asylsuchenden, wie es ihnen geht. „Ich bin Vermittlerin und Brückenbauerin.“ Als Vorsitzende des Dresdner Ausländerrats arbeitet sie ehrenamtlich, neben ihrem Job als Migrationsberaterin. Im Falle von Konflikten zwischen den Geflüchteten oder Missverständnissen  zwischen ihnen und der Camp-Leitung ist es mit bloßer Übersetzung nicht getan. In Am Sayad Mahmood hilft es, dass sie die Perspektiven wechseln kann: Sie kennt die muslimische und die deutsche Kultur. „Ich vertraue auf Gott“, sagt sie. Ihre ergrauten Haare trägt sie unter einem silbern und roséfarben schillernden Tuch. In ihrer Familie im Irak gab sie ihrem Cousin nicht die Hand, auch nicht Freunden ihres Vaters, Körperkontakt galt es dort zu vermeiden.

Am Arbeitsplatz dagegen begrüßte sie die Kollegen sehr wohl mit Handschlag. Die Regeln zwischen Mann und Frau sind, erklärt In Am Sayad Mahmoodu, nicht auf ein pauschales Diktum zu reduzieren.  Von der Erwartung, dass sich Asylsuchenden hierzulande sofort anpassen, hält sie nichts. Aber genauso tritt sie der pauschalen Vorstellung entgegen, dass alle Muslime Frauen gering achteten. „Mein Ziel ist es, Verständnis auf beiden Seiten zu stiften.“ Ihr Kollege etwa, der komme aus Stuttgart oder Bayern -  „oder so“, sagt Mahmood und lacht. „Ein Wessi.“ Woher ein Mensch kommt, sei ihr gleich. Sie fühlt sich nicht allein mit dieser Haltung. „Es gibt viele Unterstützer.“ Trotz Pegida, trotz der Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte und Drohungen gegen Helfer und Politiker. Für ihr ehrenamtliches Engagement verlieh ihr Bundespräsident Joachim Gauck vergangenes Jahr das Bundesverdienstkreuz, in ihrem Büro hängt eine Ehrenurkunde des Sächsischen Integrationspreises. Mahmood  arbeitet auch als Gemeinde-Dolmetscherin, betreut muslimische Gefangene und organisiert einen irakischen Kulturklub. 1996 schlief die Frau aus dem Irak noch in einem Dresdner Asylbewerberheim, einer 300 Menschen fassenden ehemaligen Kaserne. Am 21. Juni 2012 hielt sie ihre Staatsbürgerurkunde in Händen. Wenn sie heute Geflüchteten hilft, hat sie Termine. Aber sie schaut nicht auf die Uhr.

dpa

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