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Medizinnobelpreisträger und Dresden-Fan: Günter Blobel wird 80

Zum 21. Mai Medizinnobelpreisträger und Dresden-Fan: Günter Blobel wird 80

Gerade einmal acht Jahre alt war Günter Blobel, als sein Leben komplett auf den Kopf gestellt wurde. Rund ein halbes Jahrhundert später erhält Blobel den Medizinnobelpreis - und stiftet den größten Teil des Preisgeldes dem Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche. Nun wird er 80.

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Günter Blobel

Quelle: dpa

Dresden. Ihm werden Optimismus, Widerstand, Ausdauer zugeschrieben. Das trifft auf die wissenschaftliche Karriere ebenso zu wie auf private Interessen und beschert im Leben nicht nur Freunde. Besonders, wenn zu Widerstand und Ausdauer noch eine ganze Portion Leidenschaft gehört und gern auch unkonventionelle Wege eingeschlagen werden. Unter Fachkollegen hat das alles dem Biochemiker Prof. Dr. Günter Blobel den Ruf eingebracht, genial und trotzdem bescheiden zu sein – ein beharrlicher Querdenker, der „dran“ bleibt an einer Sache, die ihm wichtig erscheint.

 Nach mehr als 25 Jahren Forschungsarbeit (gelegentlicher anderweitiger Skepsis zum Trotz) kam für ihn der Lohn: 1999 erhielt der Zell- und Molekularbiologe, ordentlicher Professor an der Rockefeller Universität New York, als Einzelperson den Nobelpreis für Medizin. Ausgezeichnet wurde seine Entdeckung, dass Proteine Signale besitzen, die ihren Transport und die Lokalisierung in der Zelle exakt steuern. Blobel nannte sie „Adressaufkleber“, die den Weg der Eiweißmoleküle bestimmen. Diese Mechanismen sind ausschlaggebend bei der Entschlüsselung diverser erblicher Krankheiten. Gentechnik ist heute in aller Munde. Blobel hat in vielen Experimenten mit seinen Mitarbeitern wesentliche Grundlagen dafür geschaffen. Und weil Ausdauer eine seiner Stärken ist, wird er gegebenenfalls heute noch im Labor zu finden sein. Was spielt es da schon für eine Rolle, dass der Deutschamerikaner am 21. Mai seinen 80. Geburtstag begeht.

 Der Nobelpreis war auch eine Ehrung für Sachsen. Gern wurde damals erwähnt, dass der 1936 im schlesischen Waltersdorf geborene Günter Klaus-Joachim Blobel sein Abitur am Geschwister-Scholl-Gymnasium in Freiberg abgelegt hat. Noch mehr Begeisterung löste die großzügige Spende des Wissenschaftlers für die Dresdner Frauenkirche aus. Umgerechnet rund 820000 Euro des Nobelpreisgeldes flossen in den Wiederaufbau, ein weiterer Teil in den Bau der Neuen Synagoge in Dresden und der Rest in die Sanierung der Altstadt von Fubine im Piemont. Es ist die Heimat seiner Frau Laura Maioglio, die in Manhattan ein ererbtes Restaurant leitet. Zwischen Manhattan in New York City und dem italienischen Piemont spielt sich das Leben des Paares ab. Dazu kam für Günter Blobel eine Zeit lang auch Dresden.

 Als bekennender Liebhaber historischer, vornehmlich barocker Architektur und Freund klassischer Musik von Bach bis Mozart  hat er sich auf die Fahnen geschrieben, Historie wieder zu beleben, wo immer es geht. Dafür gab und gibt er gern sein Geld aus, nicht nur in Dresden. Auch in Leipzig für die Paulinerkirche oder in Potsdam für Stadtschloss und Garnisonkirche. Das traf nicht ausschließlich auf Gegenliebe, denn der Spender hat klare Vorstellungen vom Objekt seiner Förderung, was im Rahmen eines größeren Planungs- und Nutzungsgremiums in der Regel nicht ganz einfach ist.

 Was Blobel, immerhin ist er seit 1987 amerikanischer Staatsbürger, noch immer so stark an deutsche Tradition bindet, geht im Grunde auf seine Kindheit zurück. Ende Januar 1945 erlebte der knapp Neunjährige auf der Flucht seiner Familie aus Schlesien das noch unzerstörte Dresden. Dieser Eindruck sollte ihn bis heute begleiten, genauso wie der Feuerschein der brennenden Stadt, den er aus der Ferne sah. Das andere tiefe Erlebnis war kurz vor Kriegsende der Tod seiner damals 19-jährigen Schwester. Sie starb bei einem Bombenangriff auf einen Flüchtlingszug und endete im Massengrab. Nicht zuletzt ihr zu Ehren initiierte er den jährlich im Februar vergebenen „Dresden-Preis“.

 Auch das sächsische Freiberg, wo Blobel die Jugend verbrachte, atmet Kulturgeschichte. Doch in den 1950er Jahren sah der Sohn aus bürgerlichem Elternhaus (Vater Tierarzt) hier für seine Entwicklung keine Zukunft. Zum Medizinstudium ging er nach Frankfurt/Main, München, Kiel, Freiburg im Breisgau und schließlich nach Tübingen, um da auch zu promovieren.

 Für die angestrebte Forscherlaufbahn folgte erneut ein Grenzwechsel, diesmal in die Vereinigten Staaten, die ungleich mehr Chancen boten als Deutschland. An der Universität von Wisconsin promovierte Blobel zum Ph.D. und wurde anschließend an der Rockefeller University Forschungsassistent bei dem Zellbiologen und späteren Nobelpreisträger George Emil Palade. Seit 1976 lehrt und experimentiert Blobel  nun selbst an dieser Einrichtung. Für seine Zellforschungen ist er bereits vor dem Nobelpreis mehrfach ausgezeichnet worden. Bei der Gründung des Instituts für Molekulare Zellbiologie und Genetik der Max-Planck-Gesellschaft 1998 in Dresden stand er mit Rat und Tat zur Seite.

 Bereits drei Jahre zuvor schlug sich Blobels Liebe zur Barockstadt in der Gründung des Fördervereins „Friends of Dresden“ nieder, in dessen Rahmen auch seine Großspende für die Frauenkirche floss. Das schöne Einvernehmen erhielt jedoch einen gehörigen Riss, als sich abzeichnete, dass es keinen Nachbau der einstigen Silbermannorgel für die Frauenkirche geben wird. Blobels Traum und der anderer amerikanischer Spender war die Silbermannorgel, auf der Bach spielte. Verärgert kündigte er seine Ehrenmitgliedschaft im Kuratorium Frauenkirche auf. Das Spendengeld forderte Blobel jedoch nicht zurück. In einem Interview mit der Autorin sagte er einmal, man habe ihm den Enthusiasmus zerstört. Das sei das Schlimmste. Er sah Dogmatismus und zu viele Bürokraten an entscheidenden Stellen.

 Mit dem ihm eigenen Enthusiasmus stemmte sich Blobel auch gegen die Waldschlößchenbrücke, für ihn ein Monster in Gestalt einer mehrspurigen Autobahn. „Es gibt viele Möglichkeiten, die Brücke zu blockieren“, so seine Aussage in erwähntem Interview. Gelungen ist es am Ende nicht. Der Verteidiger eines Tunnels unter der Elbe hatte zum für ihn letzten Mittel gegriffen und die Vertreter des Unesco-Welterbes in die Spur geschickt. Das haben ihm viele Dresdner nicht verziehen. Was folgte, ist bekannt: Der Titel war weg, die Brücke kam trotzdem.

 Auch mit dem Dresdner Neumarkt wird er nicht vollends zufrieden sein, war Blobel doch Vorreiter beim Bürgerbegehren für einen weitgehend historischen Wiederaufbau. In der Konsequenz erwarb der prominente Wissenschaftler selbst ein Grundstück. Die Rekonstruktion des ehemaligen Kaufhauses „Au petit Bazar“, eines Gebäudes aus dem Jahr 1851, steht noch bevor. Vielleicht sind die Bindungen zu Deutschland inzwischen lockerer geworden, abgerissen sind sie nicht. Die einstige Heimat würdigte seine Verdienste mehrfach, unter anderem mit der Ehrenbürgerschaft von Freiberg, dem Bundesverdienstkreuz und dem Orden Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste.

Genia Bleier

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