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"Man findet in jeder Rolle etwas über sich heraus"

Zu Hause bei Yohanna Schwertfeger "Man findet in jeder Rolle etwas über sich heraus"

Wohnen im Hinterhof, früher mag das mal abwertend geklungen haben. Heute ist damit durchaus ein Hauch Idylle verbunden, zumal wenn der Hinterhof mitten im Szeneviertel der Dresdner Neustadt liegt. Dort ist die Schauspielerin Yohanna Schwertfeger zu Hause.

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Das Poster an der Schlafzimmertür erinnert an einen zauberhaften Frankreich-Urlaub mit Freunden und Familie.

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden. Wohnen im Hinterhof, früher mag das mal abwertend geklungen haben. Heute ist damit durchaus ein Hauch Idylle verbunden, zumal wenn der Hinterhof mitten im Szeneviertel der Dresdner Neustadt liegt. Dort ist die Schauspielerin Yohanna Schwertfeger zu Hause, quasi in greifbarer Nähe zum Alaunpark auf halbem Wege zwischen Probebühne im Norden und Schauspielhaus im Zentrum der Stadt. Hinterhof bedeutet hier vor allem Ruhe, der Straßenlärm bleibt außen vor. Was wichtig ist, wenn die Wohnung auch der Arbeit dient, schließlich macht im Leben von Theaterleuten das Erlernen der Rollen einen großen Anteil aus.

Ihre gesamte Wohnung zeugt von sympathischer Kreativität, da ist nichts "von der Stange". Nach außen hin weitet sich die Enge der Zweiraumwohnung über die Dächer der Neustadt zu einem Bilderbuch-Panorama von Dresden. Sie könne stundenlang den Himmel anschauen, schwärmt die junge Frau von dieser Aussicht, die sie das ganze Jahr über von einem Schlitten aus genießen kann. Der dient ihr nämlich nicht zum Rodeln, sondern als Sitzmöbel auf dem kleinen Balkon.

Jetzt im Winter taucht die flach stehende Sonne die Bleibe von Yohanna Schwertfeger in ein besonders kräftiges Licht und erzeugt schöne Schattenspiele in Küche und Wohnzimmer. Da kommen Details wie die Jugendstillampen, die sie auf Trödelmärkten in Wien sowie während einer Reise in Frankreich erstanden hat, ganz besonders zum Tragen. Der Blick bleibt bei zahlreichen Unikaten hängen, beispielsweise an einem nussfarbenen Schubladenschrank: "Den habe ich auf dem Wiener Naschmarkt gefunden", verrät die Gastgeberin, "und ihn nun wieder ein Stückchen nach Hause gebracht." Im Inneren des Schrankes kündet nämlich ein Schildchen, dass dieses gute Stück einst in Berlin Neukölln gefertigt worden ist.

Als Schauspiel-Intendant Wilfried Schulz vor reichlich zwei Jahren Yohanna Schwertfeger nach Dresden geholt hat - er war bei einem hiesigen Burgtheater-Gastspiel auf sie aufmerksam geworden -, da war die Künstlerin durch ihre Arbeit und wegen gesundheitlicher Folgen eines Autounfalls mit den Mühen der Wohnungssuche erst mal überfordert. Ein Glücksfall wollte es, dass ihre Kollegin Karina Plachetka gerade mit ihrer Familie aus dem Neustädter Hinterhaus in eine größere Wohnung umzog. Yohanna, die damals gerade als Emmeline in Purcells "King Arthur" ihr Dresden-Debüt gab, konnte hier einziehen.

Natürlich steht nun, da die ganze Stadt zu wissen glaubt, Wilfried Schulz ziehe demnächst mit dem gesamten Schauspiel-Ensemble nach Düsseldorf, die Frage im Raum, ob diese Wohnung vielleicht schon bald wieder frei wird. Wird sie vorerst wohl nicht, Yohanna Schwertfeger geht nicht nach Düsseldorf; allerdings hat sie für ihre zahlreichen Fans dennoch eine Enttäuschung parat. Nach nun bald neun Jahren in Festengagements - vor ihrer Zeit an der Wiener Burg war sie am Schauspielhaus Zürich unter Vertrag - will sie beruflich etwas Neues wagen, will erst mal freischaffend sein.

"Wer ist Yohanna Schwertfeger denn überhaupt, außer dass sie Schauspielerin ist", fragt sie sich selbst und wirkt sehr ernsthaft dabei. Dieser Beruf sei nie ein Kindheitstraum für sie gewesen, sondern eher eine fast ungewollt intuitive Entscheidung. Nach dem Abitur habe sie zunächst Literatur in Konstanz studiert, brach aber nach knapp einem Jahr wieder ab. "Ich habe das Lebendige an der Sprache geliebt, das, was sie in mir an Gefühlen und Visionen provoziert. An der Uni schmeckte das wissenschaftliche Zerkauen der Sprache für mich wie trocken Brot, das hat mich total depressiv gemacht", begründet sie ihren damaligen Schritt. Ihr Vater, erzählt sie, habe dann geraten, dass Yohanna "einfach auf ihr Herz" hören soll. "In der Schule bin ich zwar in zwei Theater-AGs gewesen, aber ich habe das Schauspielen nie ernsthaft als Berufsoption gesehen, obwohl ich mich auf der Bühne damals schon eigenartig glücklich und aufgehoben gefühlt habe." So war ihr bald klar, sie werde wohl doch vorsprechen müssen. Das hat dann auch auf Anhieb geklappt, sie studierte ihr Handwerk am renommierten Max-Reinhardt-Seminar in Wien - seitdem hat sie unzählige Zuschauer begeistert. Und analysiert ihr eigenes Tun: "Durch meinen Beruf werden emotionale Zustände oft sehr verstärkt, weil man den Dingen spürbar auf den Grund gehen will. Zumindest ist das bei mir so. Das ist schön und anstrengend zugleich."

So scheint es ihr auch jetzt bei diesem Schritt in die größtmögliche, die künstlerische Freiheit zu gehen. Der ist für sie eine selbstgestellte Herausforderung, werde aber auch Energie freisetzen, ist sie sich sicher. "Mein Mut wird ganz bestimmt durch irgendeine Erfahrung belohnt werden, vielleicht stelle ich ja auch fest, dass ich doch nur für das Leben als Ensemblemitglied geschaffen bin." Mit dem Gefühl der gemütlichen Sicherheit in festen Strukturen müsse für sie nun aber erst einmal Schluss sein, beharrt sie auf ihrem Plan. "Ich muss mal raus aus dem System, um nicht blind dafür zu werden und wach zu bleiben, für das, was ich selbst eigentlich will." Das nimmt man ihr unbedingt ab. Ebenso eine Feststellung wie diese: "Man findet in jeder Rolle was über sich selbst heraus - und über die Welt. Das ist eine gedankliche Reise, bei der man oft auf die eigene innere Begrenztheit schaut, die man dabei manchmal verschieben kann."

Nach fünf Premieren und zeitweise knapp 150 Vorstellungen pro Spielzeit am Burgtheater in Wien sei sie in Dresden erst einmal "geerdet" worden, resümiert Yohanna Schwertfeger, die hier "nur" drei neue Stücke pro Jahr einstudiert hat und sich derzeit auf die Premiere von "Der Idiot" nach dem gleichnamigem Roman von Fjodor Dostojewski vorbereitet. Das Original, aus dem noch während der laufenden Proben eine eigene Stückfassung entsteht, liegt selbstverständlich mit zahllosen Anstreichungen in Griffweite. Premiere ist am 16. Januar.

Ebenso stets sichtbar sind eine große Fotografie an der Schlafzimmertür - die Erinnerung an einen gemeinsamen Frankreich-Urlaub im Kreise von Freunden und Familie - sowie zwei riesige Stückplakate, die sich bei näherem Hinsehen als Vorder- und Rückseite des Programmheftes zu Jürgen Goschs Züricher Uraufführung von Roland Schimmelpfennigs Drama "Hier und jetzt" erweisen. "Ganz großes Schauspielertheater", hatte das Feuilleton damals geurteilt.

Nicht minder auffällig im Raum ist das berühmte Gedicht "Stufen" von Hermann Hesse in schwungvoller Handschrift plakatiert. "Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!" heißt es da in der letzten Zeile - just diese Worte seien ihr stets eine große Hilfe in verschiedensten Lebensphasen gewesen. Auch jetzt nimmt sie eine weitere Stufe in Angriff, um herauszufinden "was das Leben außerhalb des Theaters noch so bereithält."

Möglicherweise wird künftig mehr für den Film gearbeitet? Das lässt sich zwar schwer planen, aber schon jetzt hat sie mit diesem Medium tolle Erfahrungen machen können. Von einem Dreh in Namibia kündet zum Beispiel ein metallener Vogel im Fenster sowie ein großes Ypsilon - welche Johanna schreibt sich schon mit diesem Initial?! - auf einer der beiden als Rudiment erhaltenen Nähmaschinen. Sie werden heute als Schreibtisch genutzt.

Bei den Aufnahmen in Afrika ging es um "Altes Geld", eine österreichische Miniserie von David Schalko, in der Yohanna Schwertfeger neben Udo Klier, Sunnyi Melles und so manch anderen Bildschirmstars mitwirkte. "Es würde mich aber auch reizen, wieder mehr zu singen", sagt sie und betont, dass sie die Musik in den letzten Jahren sehr vernachlässigt habe. Dabei sei die Veranstaltung "Wunschkonzert" ihres Kollegen André Kaczmarczyk am Kleinen Haus für sie durchaus einer ihrer Favoriten - als Mitwirkende und als Zuhörerin.

Als Ensemblemitglied habe sie freilich noch weitere Vorlieben, die sie sehr gern empfehle, allen voran Anton Tschechows "Drei Schwestern". Die Mascha sei eine "wichtige Rolle" für sie gewesen, "Ein Ventil, um einer damals schier unerträglichen persönlichen Haltlosigkeit im Leben Ausdruck zu verleihen zu können." Sie würde aber auch zu "Dantons Tod" von Georg Büchner anraten - "eines der Stücke, in denen wirklich etwas verhandelt wird, leider nimmt es das Publikum derzeit kaum an." Bei Dostojewskis "Idiot" werde das hoffentlich anders - Für Yohanna Schwertfeger schließt sich durch diese Produktion ein beruflicher Kreis: In Zürich ist der Stoff auf der Bühne einst ihr Debüt gewesen, damals als Aglaja Iwanowna; nun spielt sie die Nastassja Filippowna und arbeitet in Dresden das erste Mal wieder zusammen mit dem Regisseur Matthias Hartmann, ihrem einstigen "Burg"-Intendanten von Wien.

In den nun beginnenden Endproben nutzt Yohanna Schwertfeger momentan fast jede Stunde zum Rückzug in ihr Neustädter Refugium. Hoch über den Dächern der Stadt, wo sie ungestört ist - "Ich bin leider gar nicht umtriebig. Das sollte ich vielleicht mal ändern -" -, und die fulminanten Farbenspiele der winterlichen Sonnenuntergänge beobachten kann. Nur einer schaut ihr da über die Schulter, und der heißt Herr Nilsson. Ein Äffchen, ihr ältestes Kuscheltier. Sie hat ihn über alle bisherigen Stationen mitgenommen und in Dresden auf der Garderobe drapiert. Ganz bestimmt wird auch dieser Ort für die Schauspielerin nur eine Station bleiben, "aber ein Ort, auf den ich stets gern zurückschauen werde, denn er hat mich durch meine beruflichen und menschlichen Begegnungen ein weiteres Stück erwachsener gemacht."

Michael Ernst

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