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Lingner und das Kadettenbad - Ein altes Bad unter dem Blücher-Saal der Heeresschule

Lingner und das Kadettenbad - Ein altes Bad unter dem Blücher-Saal der Heeresschule

Für Liebhaber von Mythen und Geheimnissen ist Dresden ein wahrhaftiges Mekka. Es gibt sie zu Hauf, die kleinen Fenster, die Einblicke in die Vergangenheit gewähren.

Von Jane Jannke

Man muss nur genau hinsehen. Den Ort, an den wir die Leser heute mitnehmen, kennt nur ein handverlesener Kreis von Menschen. Der Weg dahin führt durch eine Luke im Boden des Blücher-Saals der Dresdner Offizierschule. Seit vielen Jahrzehnten hält sich hartnäckig das Gerücht, dass hier kein Geringerer als Karl August Lingner seine Spuren hinterlassen haben soll.

Für den Otto Normaldresdner ergibt sich schon aus der Lage ein Problem, denn wer den Blücher-Saal (benannt nach Generalfeldmarschall Gebhard von Blücher) betreten will, muss erst an Oberstabsfeldwebel Wulf Timmermeister vorbei. Zuständig für das Taktikzentrum, zu dem der Saal gehört, ist er Herr über die Schlüssel. Glücklich, wer da vorgelassen, denn Einblicke in die Geheimnisse, die da unter dem zwar militärisch-festlich, aber an sich wenig geheimnisvoll wirkenden Saal schlummern, erhält nur selten jemand. Eine gute Tarnung.

Seit der Sanierung 1998 dient das kleine Gebäude als Tagungs- und Seminarraum. Nur die unterhalb der Decke rings um den gesamten Saal verlaufenden Oberlichter und die Säulengänge an den Flanken erzählen von der ursprünglichen Funktion des Hauses. Einst befand sich hier ein Schwimmbad, errichtet in den Jahren 1901 bis 1902 - angeblich im Auftrag von Karl August Lingner, Odol-Erfinder und einer der berühmtesten Söhne der Stadt. "Das wurde hier immer wieder kolportiert, doch wo es herkommt, weiß keiner so richtig", verrät Major Holger Hase, Militärhistoriker und Sprecher der Offizierschule.

Eine wackelige Holzstiege führt vom Blücher-Saal hinab in ein spärlich beleuchtetes Gewölbe. "Einer von zwei Original-Einstiegen ins Schwimmbecken", weiß Wulf Timmermeister zu berichten. Über diese Sprossen kletterten einst die jungen Kadetten ins kühle Nass. Der Schwimmunterricht als Form militärischer Körperertüchtigung hatte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch aufgrund der sich zuspitzenden politischen Situation im jungen deutschen Reich sowie der fortschreitenden Revolutionierung des Gesundheitswesens einen Boom erfahren. 1855 war in Berlin die erste Schwimmhalle eröffnet worden. Nach Aussagen von Zeitzeugen wurde der Schwimmunterricht für die Dresdner Kadetten bis zum Bau der Schwimmhalle in der angestauten Prießnitz oder nach anderen Quellen auch in der Elbe abgehalten. "Für den Schwimmunterricht wird die in der Anstalt befindliche Schwimmanstalt benutzt, in deren Bassin die kleine Schwimmprobe (viermaliges Umschwimmen des Bassins) abgelegt wird...", erwähnt 1913 der Nachtrag zu Heinrich Meschwitz' Publikation zur Kadettenschule die signifikante Veränderung.

Einmal durch die Luke hinabgestiegen, wähnt sich der unbedarfte Gast zunächst in einer Art Keller angekommen, bis der Blick auf die herrlichen Fliesen ringsum fällt, an denen hässliche schwarze Striemen von sinkendem Wasserstand und damit von langer Vernachlässigung zeugen. Als sicher gilt, dass das Hallenbad nach dem Zweiten Weltkrieg schon nicht mehr als solches genutzt wurde. Die Sowjetische Armee richtete hier eine Bibliothek ein. Heute sind die Fliesen verstaubt und teilweise gesprungen. Das bunte, florale Muster am Beckenrand ist aber gut erhalten. "Es handelt sich um originale Villeroy-&-Boch-Fliesen aus der damals in Dresden ansässigen Fabrik", erklärt Holger Hase. Sie waren auch der Grund, weshalb das Denkmalamt den Abriss untersagte.

Nun sieht man, dass es sich tatsächlich um ein Schwimmbecken handelt: der abfallende Boden, am Beckenrand noch die Reste des einstigen Geländerlaufs. Am Kopfende befand sich früher ein Anbau, in dem die Sanitärtrakte untergebracht waren. "Dieser wurde vermutlich während des Sanierungsprozesses abgerissen", so Oberstabsfeldwebel Timmermeister. 13,75 Meter lang, 6,50 Meter breit und bis zu 2,40 Meter tief ist das Bassin, so steht es im 1907 erschienenen Buch von Heinrich Meschwitz' über die "Geschichte des Königlich-Sächsischen Kadetten- und Pagen-Corps" geschrieben. Und genau dieses Buch lässt letztlich auch den Mythos vom Lingner-Geschenk ins Wanken geraten. Mit keinem Wort wird der Odol-König dort erwähnt, als über die feierliche Inbetriebnahme im Oktober 1902 und die Baukosten in Höhe von 125 362 Goldmark berichtet wird.

Dennoch begegnet einem diese Geschichte immer wieder. Wirkliche Klarheit bringt keine bislang auffindbare Quelle. Doch wo liegt das berühmte Körnchen Wahrheit? Wirkte Lingner im Hintergrund? Als Ideengeber oder Berater? Denkbar wäre es, denn zu seinem Freundeskreis zählten auch ranghohe sächsische Militärs, wie Lingner-Biograf Ulf-Norbert Funke weiß. Generalmajor Hummitzsch bestimmte der 1916 verstorbene Wohltäter zu einem seiner Testamentsvollstrecker, Major Gustav Hetzer zum bedarsfmäßigen Vormund seiner Tochter Charlotte Serda. Zudem könnte ein Engagement für die militärische Ausbildung Lingners lebenslangem Wunsch Ausdruck verliehen haben, vom sächsischen König in den Adelsstand erhoben zu werden. Auch gilt als erwiesen, dass Lingner die Dresdner Garnison mit Odol und Desinfektionspräparaten belieferte und die Militärhygiene in seinem Schaffen eine große Rolle spielte.

An die mythenumwobene Geschichte des kleinen Bades unter dem Blücher-Saal erinnert heute nur noch weniges. Als das Haus saniert wurde, begrub eine Betondecke die Reste der Vergangenheit, ohne sie auszulöschen. "Zum Tag der offenen Albertstadt stellen wir regelmäßig alte Fotos und Informationen aus", so Wulf Timmermeister. Führungen gebe es jedoch nicht, "dafür ist der Zugang zu unwegsam, da alle über die alte Stiege müssten." Ob Karl August Lingner tatsächlich seine Finger bei der Entstehung der ersten Kadetten-Badeanstalt im Spiel hatte, wird sich vielleicht niemals vollends klären lassen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 13.12.2012

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