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Leg dich nicht mit Crystal an! - Dresdner Rapper Paliwo weiß, wovon er spricht

Leg dich nicht mit Crystal an! - Dresdner Rapper Paliwo weiß, wovon er spricht

Genau wie der erste Song, den er über das Thema Sucht und Drogenkonsum schrieb. Jan M., der in Dresden vor allem unter seinem Rapper-Namen Paliwo bekannt ist, war obdachlos, hat über ein Jahr lang Crystal konsumiert und ist dann von ganz alleine davon los gekommen.

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Jan alias Paliwo

Quelle: Carola Fritzsche

Sein Arm trägt das P. In der Crystal-Meth-Bude, in der der 23-jährige gemeinsam mit 13 anderen Konsumenten gelebt hat, fasste er 2011 den Entschluss einen kalten Entzug zu machen. Ohne fremde Hilfe, ohne Therapie. "Im Vergleich zu Alkohol oder Heroin ist es wirklich mehr eine Kopfsache von Crystal loszukommen", erklärt Jan. Natürlich gab es auch Phasen, in denen er sich dachte "Ach, scheiß drauf. Mach einfach mit, da sind die anderen wenigstens nicht pissig".

Jan hatte bereits Erfahrung mit Drogen gesammelt und war gespannt auf die glasklaren Kristalle. Zuvor hatte er noch nie was von Crystal gehört. Heute weiß er: "Es hat ein viel größeres Suchtpotential als man sich überhaupt vorstellen kann". Angetrieben von seinem eigenen Willen, wieder etwas aus sich zu machen, schaffte Jan es von der chemischen Droge loszukommen. Eine Hand voll Momente veranlasste ihn damals dazu, endgültig nein zu sagen. Zum Beispiel jene kurz vor einer Line. Im Spiegel, auf dem die Crystal-Bahnen gelegt wurden, beobachtete er sich jedes Mal beim Ziehen. Ab einem bestimmten Zeitpunkt hat er sich dann aber auch jedes Mal ein Stückchen mehr gehasst.

Ein magischer Ort

Noch vor zwei Jahren drehte sich sein Tag nur darum, neues Zeug oder Geld aufzutreiben und die Nächte durchzufeiern. Heute fährt er jeden Tag nach Freiberg zur Schule, um sein Abitur nachzuholen. SPIKE Dresden hilft dem jungen Mann dabei. Überhaupt hat das bunte Kulturzentrum in Dresden Leubnitz-Neuostra Jan schon mehrfach kräftig unter die Arme gegriffen. "Das SPIKE ist für mich ein magischer Ort. Hier hatte ich meine allerersten Auftritte, habe immer Rückhalt bekommen." Durch Arbeitsstunden, die Jan auferlegt wurden, weil er immerzu in Straßenbahnen schlief, als er noch obdachlos war, kehrte er Ende 2013 mehr oder weniger freiwillig ins SPIKE zurück.

Dort bekommen Jugendliche Möglichkeiten geboten, die sie woanders so wahrscheinlich nicht bekämen, schwärmt Jan. Zum Beispiel für die Umsetzung eigener Projekte. Inzwischen leitet er selber Rap-Workshops und wird von SPIKE dabei unterstützt. Aktuell gibt es einen Spendenaufruf für Jan, den das SPIKE Dresden initiiert. "Wir wollen Jan über den gesamten Zeitraum seines geplanten Ausbildungsweges begleiten, finanziell unterstützen und ihn weiterhin in unsere Projekte einbinden", erzählt Ellen Demnitz-Schmidt, die Leiterin des Hauses. Sie war es, die Jan Anfang 2014 dazu angeregt hat, einen Rap-Song über seine Crystal-Vergangenheit aufzunehmen und bei dem Projekt "Leg dich nicht mit Crystal an" mitzuwirken. Inzwischen leitet Jan Rap-Kurse und betreut suchtpräventive Projekte mit. Zwei Mal die Woche kommt er vorbei. Kreativ, nicht plakativ - so das Motto. "Und Hip Hop ist sehr gut geeignet, um junge Menschen zum Nachdenken, Reden oder sich anderweitig Ausdrücken zu bringen", findet Demnitz-Schmidt.

Nur noch Matsch in der Birne

In den Räumen des SPIKE Dresden ist auch das Lied "Need no sleep" entstanden. Als Paliwo erzählt Jan von einem Mädchen, deren Anspruch er nie gerecht wurde. Aus der Nadel dieses Mädchens stammt auch das P. (für "Paliwo") auf seinem Arm. In seinem Song "Mein Arm trägt das P." verarbeitet Jan die Beziehung mit ihr. Sie ist auch das Mädchen, bei dem er damals wohnte, als er noch Crystal konsumierte. Er war verliebt. Chancen hatte er bei ihr keine. In dem bisher unveröffentlichten Lied rappt er davon, wie sie beide versuchten von Crystal los kommen. Nur er schaffte es.

Leute, denen Jan heute nicht begegnen möchte, gibt es immer noch. "Zum Teil sind die inzwischen einfach wirklich Matsch in der Birne und ganz schön abgedreht. Crystal macht über eine gewisse Zeit richtig dumm", findet Jan. Sein Handy hat er damals auch erst einmal abgestellt. Ständig wurde er angerufen, weil jemand was bei ihm kaufen wollte. Irgendwie musste er sich den eigenen Konsum damals ja finanzieren. "Es hat auf jeden Fall gedauert, aus der Szene raus zu kommen", erinnert er sich.

Jan ist immer offen mit seiner Vergangenheit umgegangen und hat sich nie geschämt. Dass es ein Fehler war, das weiß er. Indem er andere Leute warnt, ihnen seine Geschichte erzählt und Diskussionen führt, betreibt der junge Dresdner Prävention. Zu gerne würde er Leuten auf diese Weise helfen, von dem "Dreck" loszukommen. Aber er weiß, dass das, was er bisher über Dialoge mit der Öffentlichkeit getan hat, eher vorbeugend wirkt. "Ein harter Crystal-Junk würde sich an einer solchen Diskussion erst gar nicht beteiligen. Wer abhängig ist, muss selbst erkennen, dass es für ihn nicht gut ist". Das wisse er schließlich aus eigener Erfahrung. Immerhin konnte er für fünf, sechs seiner ehemaligen zum Großteil minderjährigen Mitbewohner einen Anstoß zum Aufhören liefern. So, dass sie nach einem halben Jahr ebenfalls clean waren.

Den ganzen Tag Selbstreflektion nervt

"Ich würde mich nie mehr bewusst dafür entscheiden, noch mal Drogen zu nehmen. Ich weiß ja, was passieren kann", sagt er. Aufs Feierngehen verzichtet Jan deshalb nicht. Seine Freundin wolle schließlich auch ab und zu ausgeführt werden. Der Rapper hat aus seinen Fehlern gelernt und sieht positiv in die Zukunft: "Ich bin wesentlich willensstärker und selbstreflektierter geworden durch die Zeit. Und so ganz nebenbei habe ich auch einen anderen Rap-Ansatz entwickelt und mache jetzt mehr Konzeptsongs."

Jan's erstes Album erscheint am 22. Januar 2015, seinem Geburtstag. Auf seiner Debüt-Scheibe werden neben elf anderen Titeln auch die Reime über sein Tattoo zu finden sein. Der Name für die Platte stehe schon seit vier Jahren fest: "Egozentrik". "Alles dreht sich nur um mich", gesteht Jan. Das nächste Album werde dann aber wieder lockerer. Den ganzen Tag Selbstreflektion nerve nämlich ganz schön.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 26.09.2014

Laura Thiele

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