Volltextsuche über das Angebot:

17 ° / 7 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Lange Wartezeiten: Die Traumaambulanz des Uniklinikums stößt an ihre Kapazitätsgrenzen

Lange Wartezeiten: Die Traumaambulanz des Uniklinikums stößt an ihre Kapazitätsgrenzen

Viele Asylbewerber leiden unter psychischen Störungen, weil sie in ihrem Heimatland und auf der Flucht Grausames erlebt haben. Kaum einer weiß das besser als Dr. Julia Schellong.

Voriger Artikel
Gemeinsames Gärtnern in Gorbitz geplant
Nächster Artikel
Ministerpräsident lädt Bürger zu Gesprächen ins Dresdner Congress Center ein

Dr. Julia Schellong leitet die Traumaambulanz am Uniklinikum, die sich auch um traumatisierte Asylbewerber kümmert: "Die Familien, die bei uns ankommen, haben dramatische Dinge erlebt."

Quelle: Dietrich Flechtner

Sie leitet die im vergangenen Jahr eröffnete Traumaambulanz des Uniklinikums an der Lukasstraße. Dort arbeiten Ärzte und Psychologen der Kliniken für Psychotherapie und Psychosomatik bzw. für Kinder- und Jugendpsychiatrie zusammen.

Wieviele Asylbewerber betreuen Sie in der Traumambulanz?

Im letzten Vierteljahr waren es etwa 40, darunter zehn Kinder und Jugendliche. Jeder zehnte Patient ist inzwischen ein Flüchtling - Anfrage stark steigend.

Wer kommt zu Ihnen?

Das ist ganz unterschiedlich. Manchmal sind es ganze Familien, manchmal brauchen nur die Eltern oder nur die Kinder eine Behandlung.

Aus welchen Ländern stammen die Flüchtlinge?

Vor allem aus Afghanistan, Syrien und Tschetschenien. Einige wenige Patienten kommen aus dem Iran und aus Bosnien.

Wie erfahren Asylbewerber von der Traumaambulanz?

Über die Sozialarbeiter in den Heimen, die einen guten Blick dafür haben, oder über den Hausarzt. Grundsätzlich ist es so, dass sich die Flüchtlinge mit ihren psychischen Beschwerden an das Gesundheitsamt wenden müssen, das die Behandlung genehmigen muss. Die Kosten werden über das Sozialamt finanziert.

Was haben die Flüchtlinge durchgemacht?

Die Familien, die bei uns ankommen, haben dramatische Dinge erlebt. Sie haben erlebt, dass ein Geschwisterkind verschwunden ist, dass es verwundet wurde oder zu Tode gekommen ist - manchmal sogar direkt vor den Augen der Familie. Wir haben eine syrische Familie behandelt, da ist der Vater geköpft worden.

Wie äußert sich die Traumatisierung bei den Betroffenen?

Erwachsene haben die klassischen Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTSD). Sie müssen sich das wie eine Fehlinformation im Gehirn vorstellen. Sie suggeriert dem Betroffenen, dass das Ereignis noch immer stattfindet, dass die Gefahr nicht gebannt ist. Sie sind einerseits aufgeregt, andererseits wie betäubt. Sie haben Hemmungen, über das zu sprechen, was ihnen angetan wurde. Ihnen bleibt die Sprache weg. Manche verfallen in eine Depression.

Und Kinder?

Bei Kindern gibt es dieses klare Krankheitsbild oft nicht. Sie haben Bauchschmerzen, Schlafstörungen, Alpträume. Sie sind unruhig, unstet. Oder sie sind im Gegenteil sehr ruhig geworden. Manche gehen in der Entwicklung Schritte zurück, sprechen schlechter als vorher, nässen wieder ein.

Oft haben die Menschen nicht nur in ihrem Heimatland Grausames erlebt, sondern auch auf der Flucht...

Genau. Wir haben Familien, die haben ein Jahr irgendwo in Afrika gewartet auf ihre Flucht. Andere waren auf diesen Booten, die vor Italien fast untergegangen sind - auch Familien mit Kindern sind darunter gewesen. Und wir wissen von Frauen, die Schwierigkeiten haben, sich hier in den Asylbewerber-Heimen vor Übergriffen zu schützen. Manchmal suchen Flüchtlinge bei uns Rat, weil man sie auf der Straße oder im Heim verletzt hat. Nicht unterschätzt werden sollten die Integrationsschwierigkeiten. "Ich kann nicht arbeiten gehen, ich bekomme den Deutschkurs nicht gleich. Ich kenne niemanden", sagen uns die Flüchtlinge.

Wie helfen Sie ihnen?

Wir beraten vor allem. Zu verstehen, was los ist, gibt schon viel Linderung. Wenn ich den Eltern zum Beispiel erkläre, dass die Schlafstörungen ihres Kindes etwas mit seinem traumatischen Erlebnis zu tun haben könnte, ist schon sehr viel gewonnen. Aber natürlich müssen die Verhältnisse sicher sein. Wenn noch nicht klar ist, ob der Flüchtling bleiben kann oder die Unterbringung im Heim prekär ist, dann kann das nachteilig sein für die Besserung des psychischen Befindens.

Wie behandeln Sie die posttraumatische Belastungsstörung?

Vereinfacht ausgedrückt sprechen wir mit dem Flüchtling über die Gedanken, die zu dem traumatischen Ereignis gehören, und versuchen, sie mit neuen Denkmustern zu verknüpfen. Er muss begreifen, dass die Situation vorbei ist, dass er jetzt gerettet ist. Dann kann der Verstand seine Selbstheilungskräfte wirken lassen. Und Kinder haben ja besonders viele Selbstheilungskräfte. Speziell für Kinder haben die Ärzte und Psychologen der KJP eine sehr gute Behandlungsmethode. Sie beschreibt die Lebensgeschichte in einer Kette. Die negativen Ereignisse sind die Steine, die positiven die Blumen. Diese Therapie ist mit recht gutem Erfolg in Flüchtlingsgebieten angewandt worden.

Wie verständigen Sie sich mit den Betroffenen?

Wir arbeiten sehr gut mit dem Gemeindedolmetscherdienst zusammen. Das sind Menschen mit Migrationshintergrund, die ehrenamtlich dolmetschen. Dass die Wartezeiten mitunter so lang sind, hängt auch damit zusammen, das eine Behandlung mit Dolmetscher etwa dreimal so viel Zeit in Anspruch nimmt, wie wir normalerweise für eine Behandlung brauchen.

Wie lange dauert denn eine solche Behandlung?

Manchmal reichen fünf bis zehn Stunden, manchmal braucht es ein Jahr.

Wie lang sind die Wartezeiten auf einen Termin in der Traumaambulanz?

Zwei, drei Monate im Schnitt. Wir haben einen großen Andrang nicht nur von Flüchtlingen. Wenn etwas sehr drängt, machen wir auch binnen ein, zwei Wochen etwas möglich. Wir schauen dann, wie dringlich die Sache ist und ob der Flüchtling stationäre oder ambulante Behandlung braucht.

Reichen die Kapazitäten?

Nein, wir brauchen definitiv mehr Personal. Im Moment haben wir eine Kollegin, die sich ausschließlich mit den Flüchtlingen befasst. Das reicht bei weitem nicht. Wir könnten mit Sicherheit drei Psychotherapeuten beschäftigen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 15.01.2015

Katrin Richter

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Lokales
22.09.2017 - 20:56 Uhr

Hannes Drews hat seinen ersten Heimsieg als Trainer vom Fußball-Zweitligisten FC Erzgebirge Aue gefeiert. Drei Tage nach dem 2:0 auf dem Betzenberg gewann sein Team gegen den SV Sandhausen mit 1:0. Den Siegtreffer erzielte Pascal Köpke.

mehr
Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Wettersponsor

Das Wetter in und um Dresden präsentiert Ihnen die Toskana-Therme Bad Schandau.