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Kraft und Freude am Leben - Malerin Priscilla Ann Siebert feiert 95. Geburtstag

Kraft und Freude am Leben - Malerin Priscilla Ann Siebert feiert 95. Geburtstag

Neben und auf ihrer Staffelei im als Arbeitsraum genutztem Wohnzimmer standen bei meinem Besuch drei hellfarbige, kleinformatige Bilder, mit dem immer wiederkehrenden Motiv des Meeres an der Kanalküste, wo die Dresdner Malerin Priscilla Ann Siebert eine glückliche, behütete Kindheit verbrachte.

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Ann Siebert in ihrem als Arbeitsraum genutzten Wohnzimmer.

Quelle: Heinz Weißflog

Auf einem fährt ein kleines Automobil über den Strand, an dem der Vater mitgebaut hatte und das wegen seiner Konstruktion im Ort Aufsehen erregte. Dahinter Rauchfahnen über einem bewegten Meer, die sich langsam als Schiffe zu erkennen geben.

Vielleicht vermutet man in ihnen Schlachtschiffe in geordneter Formation - bedrohlicher Hintergrund einer bewegten, von zwei Weltkriegen geprägten Biografie. Die hochbetagte Malerin, die heute 95 Jahre alt wird, malt und zeichnet nach wie vor, schöpft aber ihre künstlerischen Ideen vorwiegend aus Erinnerungen, weil Reisen für sie immer beschwerlicher werden.

Priscilla wurde als eines von fünf Kindern eines Ingenieurs und dessen Frau am 21. April 1917 in Golders Green, London, geboren. Die Familie zog während des 1. Weltkrieges an die Kanalküste. Anlass war ein Bombenangriff auf London 1917 durch deutsche Zeppeline.

Als kleines Kind fiel ihr Talent bereits auf. So hatte sie als Sechsjährige mit ihrer Freundin in den Sand des Strandes riesige Tiere gezeichnet, die von Spaziergängern bewundert wurden. Der Großvater mütterlicherseits war Schauspieler, Schriftsteller und Dramaturg und mit George Bernard Shaw befreundet, dem Ann als Kind im Garten der Großmutter begegnete.

Die Familie war auch mit Nachfahren von Karl Marx freundschaftlich verbunden und sympathisierte mit der linken Szene in London, vor allem mit der Labour Bewegung. In der Familie ihres Vaters gab es zwei Bildhauer von hohem künstlerischen Rang. "Ich hatte immer Glück im Unglück", sagt Ann Siebert im Rückblick. Die Begegnung mit dem Meer als Folge des Krieges brachte ihr alles Wesentliche an Inspiration, wovon sie noch heute zehrt. Am Rande der Kreidefelsen und den mit Torf bedeckten Hügeln im Hinterland, wo einst die "Urbritten" lebten, erfuhr sie nicht nur die Romantik des Wetterwechsels, sondern auch ein Gefühl für die eigene Vergangenheit: ein Aufgehobensein in Geschichte und Natur.

Diese starken Erfahrungen als Kind vertieften sich 1930-34 beim Besuch der Internatsschule Bedales, Hampshire, wo sie unter Anleitung des halbitalienischen Kunsterziehers Innes Meo in freien Stunden malte. 1935-37 studierte sie Malerei, Grafik und Angewandte Kunst an der Slade School oft Art in London. Für ihren Unterhalt verdiente sich die Malerin etwas als Zeitungsillustratorin hinzu, einmal in der Woche für die Tierseite des "Daily Worker" sowie mit Illustrationen für die Jugendzeitschrift "Challenge". Das reichte gerade so für die Ateliermiete und das tägliche Überleben. Von 1939 bis 1940 absolvierte sie Lehrgänge in Lithografie und Freskenmalerei bei ihrem Lehrer John Hastings, der noch bei Diego Rivera und Frida Kahlo gearbeitet hatte. Sie lernte, Wände zu putzen und auf nassen Probeflächen zu arbeiten. 1938 wurde sie freischaffende Künstlerin. In dieser Zeit begann ihre Beziehung zu ihrem späteren Mann Hans Siebert, der als Kommunist und Widerstandskämpfer im KZ Lichtenburg gefangen gehalten wurde.

Adam von Trott (später einer der Aktivisten des 20. Juli) kümmerte sich um ihn im Gefängnis und kämpfte ihn frei. In England angekommen half Ann ihm Fuß zu fassen. Hans Siebert betreute spanische Kinder als Heimleiter. 1942 heirateten Ann und Hans im Keller des Hamsteader Rathauses. 1943 und 1946 wurden die beiden Töchter Helga und Jennifer geboren. 1948 schuf Ann Siebert ihr erstes Kinderbuch, mit dessen Erlös sie die Übersiedlung der Familie nach Berlin-Pankow bestritt.

Danach zogen beide nach Kleinmachnow, wo sie Freunde des Chemikers und Philosophen Robert Havemann wurden. Auch der Komponist Ernst Hermann Meyer, Schöpfer des "Mansfelder Oratoriums", der Schriftsteller Stefan Hermlin und Herbert Sandberg (Redakteur beim Eulenspiegel-Verlag) sowie die Kinderbuchillustratorin Elisabeth Shaw und der Maler René Graetz gehörten zu ihren Freunden. Ann arbeitete für den Kinderbuchverlag, die ABC-Zeitung (als Tierillustratorin) und für die "Schulpost". In dieser Zeit entstanden auch mehrere Kinderbücher, wie z.B. "Das Bilderbuch vom Frosch" im Kinderbuchverlag Berlin.

Glück im Unglück bedeutete für Ann auch die Versetzung ihres Mannes nach Dresden, der leitender Mitarbeiter im Volksbildungsministerium war und hier eines der fünf Pädagogischen Institute in der DDR aufbauen half. Die schöne Lage der Elbestadt und ihre Kunst eröffneten ihr neue Möglichkeiten. Nach der Gründung des Instituts für Lehrerbildung in Kleinwelka (Lausitz) wurde sie auf die sorbische Tradition des Osterreitens aufmerksam und stürzte sich begeistert in ethnografische Studien. Bis vor zwei Jahren hat sie Räkelwitz bei Bautzen zu Ostern besucht, dort gezeichnet und gemalt, die schön gekleideten Reiter, besonders aber die prächtig geschmückten Pferde. Zum Vietnamkrieg malte die Künstlerin eine Folge von engagierten Bildern über die Zerstörung des Lebensraumes durch das Entlaubungsgift "Agent Orange" sowie zu den Napalmbombenabwürfen.

Neben Tierdarstellungen und Zirkusbildern liegen ihr besonders Stilleben. Dabei bezieht sie in ihre nature morte die Landschaft ein: Überdimensionierte Feuersteine, Strandgut, tote Fische, Muscheln, Bojen und Fischerboote bestimmen immer den Bildvordergrund vor einer typisch englischen Küstenlandschaft. Auf Reisen nach Kreta entdeckte sie den Olivenbaum. Enge Naturverbundenheit, aber auch das intensive Interesse am Menschen und für soziale Fragen bestimmen ihre Arbeit an einem Werk, das stilistisch mit feinem englischen Humor gewürzt, durchaus als surreal benannt werden kann. Prägend war für sie auch die Arbeit im Vorstand der Künstlergenossenschaft "Kunst der Zeit".

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 21.04.2012

Heinz Weißflog

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