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Kopflose Aphrodite und rosiger Nikolaus / Restauratoren erleben manche Überraschung

Kopflose Aphrodite und rosiger Nikolaus / Restauratoren erleben manche Überraschung

Die steinerne Dame lässt sich mit 40 Grad warmem Wasser waschen. Sie scheint sich wohl zu fühlen unter der Schwammmassage und dem Strahl, den ihr Steinmetz Gert Zeun verpasst.

Von genia bleier

Zu Füßen der großen Gewandstatue rinnt die Lauge - auch Waschsoda kommt zum Einsatz - in den Abfluss. Vor dem Umbau des Albertinums wäre die Reinigung wesentlich komplizierter verlaufen. Da hätte die Statue noch in eine Badewanne gehievt werden müssen. Und warmes Wasser aus dem Schlauch gab es auch nicht.

Zwar ist die Restaurierungswerkstatt der Staatlichen Kunstsammlungen am gleichen Ort im Erdgeschoss verblieben, aber die Räume sind jetzt flexibler nutzbar und technisch besser ausgestattet. Vorher mussten Hilfsmittel oft selbst gebaut werden, Improvisation war gefordert. Jetzt heben zwei transportable Kräne die Last, die schon eine einzelne überlebensgroße Steinschönheit auf die Waage bringt. Deshalb auch müssen Werkstatt und Depot der Skulpturensammlung unten bleiben und können nicht die über dem Lichthof schwebende "Arche" beziehen. Aber Ausnahmen gibt es. "Wir nutzen das Fotolabor in der ,Arche'. Der Lastenaufzug ist gleich um die Ecke", erläutert Ursula Kral. Seit 1991 leitet sie die Restaurierung der Skulpturensammlung, seit 2008 ist sie Honorarprofessorin an der Hochschule für Bildende Künste, an der sie selbst studiert hat.

Auch nach der Neueröffnung des Albertinums bleibt Restaurierung ein Dauerthema, gekoppelt an Ausstellungen, inklusive Transport und Verpackung der Objekte. Ein weiterer Anlass für den sich auftuenden Berg notwendiger Hege und Pflege ist der neue Bestandskatalog. Die ersten zwei dickleibigen Bände "Idealskulpturen der römischen Kaiserzeit" sind dieses Jahr erschienen, an einem Band "Porträts" wird gearbeitet. Das heißt auch, die Objekte sind zu reinigen, zu konservieren, zu dokumentieren. Wie das gerade mit der oben erwähnten Statue geschieht. Schon vier Wochen ist Zeun mit der stufenweisen Säuberung von oben nach unten beschäftigt. Später soll die Dame auseinander genommen und nochmals gereinigt werden.

Auch eine andere Schöne der von August dem Starken gesammelten Antiken wartet in der Werkstatt. Die "Aphrodite" besteht aus rund 100 Einzelteilen. Sie ist mehrfach restauriert, besitzt barocke Ergänzungen und wurde offenbar mutwillig zerstört. Der Kopf ist noch original, gehört aber nicht zu dieser Skulptur. Das hat die jüngste Expertise ergeben, weshalb Aphrodite jetzt kopflos dasteht. "Restaurierung ist keine Wiederherstellung", betont Kral. Jedes Stück werde von Fachleuten neu eingeschätzt. Sie beraten darüber, ob barocke Ergänzungen oder die von Georg Treu veranlassten Gipsergänzungen oder Fehlstellen authentischer sind. "Eingriffe sollen sichtbar sein und Geschichte ablesbar machen. Wir ergänzen heute nur, wenn es statisch notwendig ist."

Ihre vordringlichste Aufgabe sehen die Restauratoren im Konservieren, sprich Erhalten, und in der Vermeidung von Schäden, indem optimale Bedingungen für die Kunst geschaffen werden. Genau genommen, sagt Kral, seien sie nur zwei ausgebildete Restauratoren. Die anderen Mitarbeiter haben andere Fachabschlüsse und sich wie Zeun zu guten Restauratoren entwickelt, so die Chefin. Sie würden jedoch viel zu schlecht bezahlt. Auch wünschte sie sich personellen Zuwachs für die Betreuung der riesigen Gipsabguss-Sammlung.

Im Atelier für polychrome Bildwerke, farbig gefasste mittelalterliche Holzskulpturen, hat sich Asgard Kleinbauer des "Heiligen Hieronymus'" angenommen. Sie absolviert ihr Vorpraktikum und ist eine große Hilfe. Diese und weitere Figuren, die als Dauerleihgabe im Schlossbergmuseum Chemnitz zu sehen sind, werden von ihrer alten Wachskonservierung aus dem 19. Jahrhundert befreit. Darunter kommen prächtige Farben zum Vorschein, aber auch versteckte Schäden. Die Fehlstellen werden zurückhaltend eingetönt, mit spitzem Pinsel so punktiert, dass der Fachmann den Schaden sieht, den der Laie nicht auf Anhieb wahrnehmen soll. Eine Gratwanderung, bei der Geduld die größte Tugend zu sein scheint. Die gotischen Plastiken sind Krals Spezialgebiet. Beim "Thronenden Nikolaus" - er liegt ausgestreckt auf dem Tisch - weist sie auf unsachgemäße Restaurierungen hin. Die Inkarnat genannte mittelalterliche Fleischfarbe des Gesichts ist schlecht übermalt. Auch dieser Schaden wird behoben.

Mehr als 18 000 Objekte zählt die Skulpturensammlung. Jedes will irgendwann einmal behandelt sein. Und zeigen möchte man sie auch. Antike Kleinkunst und die ägyptischen Objekte werden im Frühjahr 2012 in einem neuen Schaudepot im Flügel zum Georg-Treu-Platz präsentiert. Ab Januar soll es eingerichtet werden.

Unter dem Thema "Quo vadis Restaurierung?" veranstaltet der Verband der Restauratoren (VDR) von heute an bis zum Sonntag seine 7. Fachtagung in Dresden. Zugleich soll das zehnjährige Jubiläum als zentraler Bundesverband, hervorgegangen aus sieben Einzelverbänden, gefeiert werden. DNN sahen sich aus diesem Anlass in der Restauratorenwerkstatt der Skulpturensammlung um.

Im Mittelpunkt der Tagung stehen Ausbildung und Situation des Restauratorenberufes. Der Freistaat Sachsen bietet in einer Ausnahmeregelung weiterhin fünfjährige Diplomstudiengänge für Konservierung und Restaurierung von Kunst- und Kulturgut an der Hochschule für Bildende Künste Dresden an. Die Ausbildung wird in Fachkreisen hoch anerkannt. Sie war wesentlich geprägt vom ehemaligen Rektor und Leiter einer Fachklasse Prof. Ulrich Schießl. Er gehörte auch zu den Initiatoren des Restauratorentages. Die Hochschule würdigte ihren kürzlich verstorbenen Professor gestern mit einer Trauerfeier.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 21.10.2011

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