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Komponist Frieder Zimmermann spricht am Mittwoch bei Körners Corner in Dresden über Filmmusik

Komponist Frieder Zimmermann spricht am Mittwoch bei Körners Corner in Dresden über Filmmusik

Filme mit guter Musik? Mit Musik, die die künstlerische Ausstrahlung des Films vertieft und spannender macht? Frieder Zimmermann, selbst Komponist, reagiert wie aus der Pistole geschossen: "Unerreicht ist der Beginn von Tarkowskis Film ,Opfer' mit dem ,Erbarme dich' aus Bachs Matthäus-Passion!" Klar, das sei, so Zimmermann einschränkend, die genial passende Nutzung einer schon vorhandenen, atemberaubenden Musik.

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Frieder Zimmermann komponiert Filmmusik und spricht morgen bei "Körners Corner" im Programmkino Ost über sein Metier.

Quelle: Dietrich Flechtner

Doch "richtige" Filmmusik? Zimmermann - wieder ohne zu zögern - nennt begeistert die Musik von Max Richter zum Film "Waltz with Bashir" (Regie: Ari Folman), dem weltweit ersten animierten Dokumentarfilm. Und fast wie in einem Atemzug fallen ihm sogleich weitere exzellente Filmmusiken ein: Tom Tykwers überwiegend eigene Musik zu seinen Filmen "Die tödliche Maria" und "Winterschläfer", die lyrische Musik Vladimir Godárs für den Film "Der Garten" von Martin Šulík, ganz besonders aber auch die Musik Maurice Jarres zu Schlöndorffs "Blechtrommel" nach dem Grass-Roman.

Zimmermann geht zum Regal und zieht eine ältlich wirkende DIN-A4-Broschüre heraus. "Hier, das ist meine Theorie-Diplomarbeit zum Ende meines Studiums 1999 an der Dresdner Musikhochschule." Auf dem Deckel dieser Abschlussschrift steht: "Möglichkeiten der filmmusikalischen Gestaltung". Die Arbeit widmet sich - nach kulturellen und systematisierenden Betrachtungen - auf 24 Seiten der ausführlichen Analyse der Musik dieses Schlöndorff-Films.

Zimmermann ist also Profi, nicht nur als Praktiker, sondern auch als einer, der theoretisch durchblickt. Klar, dass er da auf ein Basiswerk zu sprechen kommt, das man nicht beiseite schieben kann: das Buch "Komposition für den Film" von Theodor W. Adorno und Hanns Eisler. Das wurde um 1944 geschrieben und war erstmals 1947 erschienen; es reagierte auf die damalige Situation der Filmindustrie in Hollywood. Darin kritisieren die beiden Autoren den "gängigen" Hollywood-Stil, sie kritisieren das auf Wagners Leitmotivik zurückgehende Verfahren, durch musikalische Floskeln die durch die Dramaturgie erzeugten Gefühle simpel zu verdoppeln, und sie attackieren die auf die Erzeugung von "Stimmungszauber" ausgerichtete Arbeitsabsicht vieler Filmmusikkomponisten. Vor allem kritisieren die Autoren, dass übliche hollywoodsche Filmkompositionen sich immer wieder eingefahrener Klischees zur Erzeugung von Gefühlen bedienen und nicht aus einer innermusikalischen Logik heraus entstehen.

Frieder Zimmermann teilt die von Adorno und Eisler da vertretenen Auffassungen und erklärt: "Gefragt sind nämlich - auch das macht einen guten Film aus - kontrastierende Bild-Ton-Beziehungen, um dem Film durch die Musik mehr Tiefe, mehr ästhetische Facetten, mehr Ausdrucksebenen zu verleihen." Natürlich hänge es immer wieder von der konkreten Filmsituation ab, aber im Allgemeinen sei es plump, eine Gewaltsituation mit überbordender, lauter, "gewaltiger" Musik zu versehen. Die Szene des Überfalls auf die polnische Post im Film "Blechtrommel" sei, so Zimmermann, eines von jenen Beispielen, wo dies anders, nämlich künstlerisch faszinierend, gelöst worden sei: Zu den Gewaltszenen erklingt eine zarte Mazurka von Chopin. "Dadurch", so Frieder Zimmermann, "erhält diese Szene mehrere Gefühlsebenen, die durch gleichlaufende Bild-Ton-Beziehungen nicht erzeugt werden könnten."

Durch technologische, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklungen hat der Film heute andere und wohl auch mehr Möglichkeiten des Umganges mit Bild, Geräusch, Handlung und Musik als unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. "Trotzdem würden die beiden Denker sich wohl im Grabe umdrehen, sähen sie den gegenwärtigen Zustand der Filmmusik im Bereich des Hollywood-geprägten Massenfilms", vermutet Frieder Zimmermann. "Die beiden hatten zwar Recht, aber geändert hat das kaum etwas: Die Hollywood-Realität heute ist diesbezüglich noch problematischer als damals."

Frieder Zimmermann, noch vor wenigen Jahren einer der Protagonisten des sogenannten Post-Rocks Dresdner Prägung (Broom, Forkefeld, Bang Johannsen, Sand), versteht sich mittlerweile auch selbst überwiegend als Filmmusik-Komponist. "Sechzig bis siebzig Prozent meiner Arbeit hat mittlerweile mit dem Komponieren für den Film, mit dem Produzieren von Filmgeräuschen und von fertigen Tonspuren zu tun", so der Musiker, der natürlich fit auf vielen Instrumenten und am Mischpult ist.

Die Liste der Filme, für die er Musik geschaffen hat, umfasst derzeit mehr als 35 Titel - Animationsfilme, kleinere Spielfilme, Dokumentarfilme zu Themen aus Kultur, Gesellschaft und Natur sowie Reportagen. Einige davon sind teils mehrfach im Fernsehen gelaufen, darunter "Das Grüne Gewölbe - Die Wiedergeburt der sächsischen Schatzkammer" (Regie: Ralf Kukula), "Comeback für Lachs und Luchs" (Regie: David Menzhausen) und "Der Magier Hans Poelzig" (Regie: Norbert Göller). Zudem schuf er noch Theater-, Hörspiel- und Bühnenmusiken, Kompositionen für Orchester, er widmete sich der Bearbeitung von Musik Erik Saties und beschäftigte sich intensiv mit Ästhetik und Musizierpraxis von Robert Fripps "League of Crafty Guitarists". Selbstverständlich tritt Frieder Zimmermann immer wieder auch live in verschiedenen Gruppierungen auf.

Viele seiner Filmkompositionen haben einen lyrisch-kammermusikalischen Charakter, wirken experimentell, dabei fast immer ausgesprochen "harmonisch", erinnern manchmal sogar an Kinderlieder, brillieren mit einer markanten Melodik und einem "Weniger ist mehr". Das schillernd schöne Stück "Martinka" aus der Musik für "Der Boss ist der Patient" (Regie: Norbert Göller), das auch an die sanfte Seite der Ästhetik Iva Bittovás erinnert, vermittelt dieses Frieder-Zimmermann-Flair wie kein zweites. Und wie der Musiker für den allerneuesten Zeichentrickfilm Alla Churikovas, "Emilie", eine Opernmelodie aus Verdis "Rigoletto" mit dem ukrainischen Kurrendelied "Schedrik" kombiniert und von einem kompetenten Dresdner Kinderchor singen lässt, zeugt nicht nur von Können, sondern auch von Hingabe und augenzwinkerndem Humor.

Frieder Zimmermann wird am 24. Oktober ab 19.30 Uhr im Programmkino Ost Gesprächsgast bei Andreas Körners Veranstaltungsreihe "Körners Corner" sein. Das Thema lautet "Musik im Film - Nötig oder Nötigung?" Danach läuft ab 21 Uhr der Film "Waltz with Bashir" (Regie: Ari Folman).

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 23.10.2012

Mathias Bäumel

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