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Kathrin Wallrabe, Gleichstellungsbeauftragte der evangelischen Kirche, erinnert an progressive Reformatorinnen

Kathrin Wallrabe, Gleichstellungsbeauftragte der evangelischen Kirche, erinnert an progressive Reformatorinnen

Während in Politik und Wirtschaft noch über den Sinn von Quotenregelungen gestritten wird, ist sie im Lutherischen Weltbund (LWB) längst Normalität. Neben 20 Prozent Jugendlichen müssen Frauen und Männer in der Vollversammlung zu gleichen Teilen von je 40 Prozent vertreten sein.

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Kathrin Wallrabe an ihrem Arbeitsplatz im Landeskirchenamt. Die Gleichstellungsbeauftragte der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche setzt sich für Frauen ein, für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Außerdem ist sie Ansprechpartnerin bei sexuellem Missbrauch.

Quelle: Dietrich Flechtner

Und zwar seit fast 29 Jahren. Kathrin Wallrabe führt das gern als Beispiel an, wenn sie wieder mal von Leuten hört, in punkto Frauen sei die Kirche doch von gestern. In mancher Hinsicht seien die als konservativ geltenden Lutheraner eben erstaunlich fortschrittlich, meint die 50-jährige Dresdnerin, seit 2009 Gleichstellungsbeauftragte in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens. Das sind sie bereits im 16. Jahrhundert gewesen. "In der Reformationszeit öffnete sich für Frauen ein Fenster", sagt Kathrin Wallrabe. Da machten die Protestanten Ernst mit dem autoritätsfreien "Priestertum aller Gläubigen", wiesen auf Bibelstellen wie die im 3. Kapitel des Briefes an die Galater, wo der Apostel Paulus verkündet: "hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus". Dies war die Stunde selbstbewusster Frauengestalten.

An sechs von ihnen erinnert das Frauennetzwerk des LWB jetzt mit einer Postkartenserie. Die bekannteste Persönlichkeit darunter, Katharina von Bora, so wird gezeigt, war weit mehr als Luthers Küchenwunder. Zum Beispiel Finanzchefin bei der Drucklegung von Luthers Schriften. Nicht nur mit wirtschaftlicher Tüchtigkeit habe sie sich Respekt erworben, "sondern auch mit ihren geistreichen und schlagfertigen Beiträgen zu den Tischgesprächen und in Briefen".

Brigitta Wallner, einfache Holzknechtsfrau und Mutter von sieben Kindern, schmuggelte in Österreich Bibeln und wurde dafür eingesperrt. Olimpia Morata, aufgewachsen in Italien, war Philosophin; die Universität Heidelberg bot ihr einen Lehrauftrag in Griechisch an. Nur ihr früher Tod hinderte sie, den anzutreten. In Sachsen verhalf Herzogin Elisabeth von Rochlitz der Reformation zum Durchbruch. "Davon ist kaum etwas bekannt", sagt Kathrin Wallrabe. "Die Postkarten sollen zeigen, dass Frauen damals eben nicht in Rollenklischees wirkten."

"Mutterland der Reformation" - dies will die Gleichstellungsbeauftragte wortwörtlich verstanden wissen. Auch wenn in den Vorbereitungen auf das 500. Reformationsjubiläum 2017 bislang fast ausschließlich von Vätern wie Luther oder Melanchthon die Rede ist.

Der Rückgriff auf die historischen Ahninnen tut not. Denn so wie beim Lutherischen Weltbund in Genf sieht es in der sächsischen Landeskirche in punkto Geschlechtergerechtigkeit noch längst nicht aus. Nur etwa ein Viertel aller Vertreter im Kirchenparlament, der Synode, seien Frauen, konstatiert Kathrin Wallrabe. Dabei sind mehr als die Hälfte aller Kirchenmitglieder weiblich.

Erst ab 30 Prozent würden unterrepräsentierte Gruppen in Gremien wahrgenommen, meint sie. Dies zeigten soziologische Studien. Deshalb will sie in diesem Jahr Veranstaltungen organisieren und Faltblätter drucken lassen, um für die 2014 anstehenden Synodalwahlen mehr Frauen zu interessieren.

Kaum besser stellt es sich bei den Ämtern dar: Eine Superintendentin bei 19 Superintendenten, eine Oberlandeskirchenrätin unter sieben Herren mit diesem Amtstitel, von den Kirchenmusikdirektoren ganz zu schweigen - die sind eine komplett männliche Domäne. Der Frauenanteil unter den Pfarrern liegt bei 22,6 Prozent. "Geht es um Führungspositionen, muss man Frauen länger darauf vorbereiten", meint Kathrin Wallrabe.

Der Weg jedoch, hier etwas zu ändern, führt für sie über eine familienfreundlichere Gestaltung der Arbeit. Noch müssten Frauen, die Kinder bekommen, häufig pausieren oder gar aus ihrer Tätigkeit aussteigen. Manche führe das in Risiko-Lebenslagen.

Im Landeskirchenamt hat Kathrin Wallrabe alle Mitarbeiter nach ihren Wünschen befragt. Einige hätten flexiblere Arbeitszeiten angegeben, andere mehr Spielraum beim Absetzen von Überstunden. Fordert die evangelische Kirche die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nur in Appellen oder kann sie das selbst vorleben? Dies ist für Kathrin Wallrabe eine der Hauptfragen. Schließlich sei sie in Sachsen, beziehe man die Diakonie ein, eine der größten Arbeitgeberinnen.

Immerhin hat die Landeskirche 2011 eine "Ordnung zur Förderung der Gleichstellung von Frauen und Männern" erlassen. In Kathrin Wallrabes Amtszeit also. "Es gilt, die gerechte Gemeinschaft von Frauen und Männern in allen Bereichen des kirchlichen Lebens zu fördern", steht da drin. Das Ziel ist gesteckt. "Der nächste Schritt wäre die Umsetzung." Das zu ideologisieren oder formal - gar gegen die Männer - durchzudrücken, bringe überhaupt nichts. Nötig seien zunächst Bewusstseinsänderungen. Darauf wolle sie neugierig machen. "Das ist eine Sache, bei der man lange säen muss."

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 26.01.2013

Gärtner, Tomas

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