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Kampf gegen Ärztekauderwelsch - „Was hab‘ ich?“ übersetzt Befunde

Dresdner Studenteninitiative Kampf gegen Ärztekauderwelsch - „Was hab‘ ich?“ übersetzt Befunde

Wer beim Arzt kein Wort der Diagnose versteht, kann seinen Befund kostenlos bei einer der Online-Plattform übersetzen lassen. Im Januar begeht die Dresdner Studenteninitiative ihren fünften Geburtstag - und ist gefragter denn je.

Quelle: dpa

Dresden. Begriffe, die für jeden Mediziner selbstverständlich sind, können bei einem Patienten leicht Panik auslösen. So handelt es sich bei einer arteriellen Hypertonie zum Beispiel nicht um eine seltene Krankheit, sondern um erhöhten Blutdruck. „Bei medizinischen Befunden passiert es schnell mal, dass Patienten vom ganzen Text nur die Füllwörter verstehen“, sagt Elisabeth Vinis. Die Dresdner Medizinstudentin ist eine von bundesweit 167 ehrenamtlichen Übersetzern der Dresdner Online-Plattform „Was hab‘ ich?“.

Senden die Patienten ihre Befunde anonymisiert dort ein, erfahren sie meist innerhalb einer Woche, worum es sich bei medizinischen Wortungetümen tatsächlich handelt.

Seine Dienste bietet „Was hab‘ ich?“ kostenlos an. Das Portal ist nach eigenen Angaben einzigartig in Deutschland. Finanziert wird es über Spenden und Kooperationen, bezahlt werden drei feste Mitarbeiter sowie die drei Gründer. Vor fünf Jahren haben Informatiker Ansgar Jonietz und die Dresdner Medizinstudenten Anja und Johannes Bittner das Portal gegründet. Aus den Studenten sind mittlerweile Ärzte und aus der Idee ein Sozialunternehmen mit mehr als 40 000 monatlichen Online-Besuchern geworden.

Visionen für die Plattform haben die Gründer anlässlich des im Januar anstehenden fünften Geburtstags viele. „Doch am besten wäre es natürlich, wenn es uns gar nicht mehr geben müsste“, sagt Jonietz. Noch haben die Dolmetscher alle Hände voll zu tun. 860 000 Mal wurde die Plattform seit 2011 von Patienten aufgerufen.

Den Großteil der ehrenamtlichen Übersetzer machen angehende Ärzte aus. Die Medizinstudenten von bundesweit 41 Fakultäten lernen mit jedem übersetzten Befund dazu. „Das ist die nachhaltige Komponente“, so Jonietz.

Die Sächsische Landesärztekammer lobt „Was hab‘ ich?“. „Das Projekt bietet positive Effekte für beide Seiten“, erläuterte ein Sprecher. Es stelle nicht nur eine gute Ergänzung zur ärztlichen Aufklärung dar, sondern schule Medizinstudenten nebenbei auch noch in der Kommunikation mit Patienten.

Unterstützt werden die Studenten, die mindestens im achten Fachsemester sein müssen, von zahlreichen Fachärzten. Allein übersetzen dürfen sie erst mit dem Segen ihres Betreuers und frühestens ab dem fünften übersetzten Befund.

Die Dresdnerin Elisabeth Vinis hat diesen Status erreicht. Seit etwa sechs Monaten ist sie dabei. Zu dem Portal ist sie über einen Kurs der Technischen Universität Dresden gekommen, den die Plattform dort seit 2014 anbietet. Danach ist Vinis geblieben. „Der Wunsch, Menschen zu helfen, ist bei uns Medizinstudenten tatsächlich noch vorhanden.“

Besonders praktisch findet sie, dass das Ehrenamt so flexibel ist. So setzt sich die Studentin öfters mal nachts an den Computer und übersetzt einen Befund. Aus drei Seiten würden durch die Übersetzung schnell zehn Seiten. „Das kann dann schon vier bis sechs Stunden dauern“, sagt Vinis. Allerdings nimmt sich die Studentin manchmal auch extra viel Zeit. „Mein letzter Befund war von einer jungen Frau mit Brustkrebsdiagnose. Da achte ich natürlich besonders darauf, wie ich etwas ausdrücke.“ Über die Plattform können die Patienten ihren Übersetzern ein Feedback geben. „Im Fall der jungen Frau habe ich das gar nicht erwartet“, sagt Vinis. Umso gerührter war sie von dem Dank, der zurückkam - samt Kampfansage gegen den Krebs.

Die Feedback-Funktion bringt allerdings auch Probleme mit sich. „Die Patienten fassen Vertrauen und wollen dann, dass man ihnen Entscheidungen abnimmt“, sagt Jonietz. Doch Interpretationen der Befunde könne und wolle das Portal nicht leisten.

150 anonymisierte Befunde übersetzen die Ehrenamtlichen in der Woche. Über 25 500 sind es mittlerweile insgesamt. Das sei ein großer Erfolg, aber dennoch eher ein Tropfen auf den heißen Stein, so Jonietz. Daher arbeitet das Team zusätzlich an einem neuen Modell.

„Was hab‘ ich?“ will im Rahmen des Pilotprojekts „Patientenbrief“ alle Entlassungsbriefe von Kliniken über individualisierte Textbausteine schnell und teilweise automatisiert in einfache Sprache übersetzen. Nach der Geburtstagsfeier im Januar werden dafür zwei weitere Ärzte fest angestellt. Vielleicht tritt dann irgendwann Jonietz‘ Vision von einer perfektionierten Kommunikation zwischen Arzt und Patient ein. Er würde sich freuen, wenn die Plattform irgendwann einmal überflüssig wird - für einen guten Zweck.

Clara Neubert, dpa

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