Volltextsuche über das Angebot:

20 ° / 13 ° wolkig

Navigation:
Google+
Justizministerium in Dresden: Räume wegen giftiger Dämpfe gesperrt

62 Zimmer mit gefährlichen Stoffen belastet Justizministerium in Dresden: Räume wegen giftiger Dämpfe gesperrt

Im sächsischen Justizministerium herrscht dicke Luft. Das Neorenaissance-Gebäude in der Dresdner Neustadt ist belastet mit Naphthalin, einem Stoff, der in teerhaltigen Stoffen oftmals im Unterbau von Fußböden zu finden ist und in höheren Konzentrationen als krebserregend gilt.

Das Ministerium war im Jahr 1894 als Königliches Amtsgericht erbaut worden. Das Justizressort zog nach einer Sanierung 1997 in das Gebäude ein.

Quelle: Anja Schneider

Dresden. Im sächsischen Justizministerium herrscht dicke Luft. Das Neorenaissance-Gebäude in der Dresdner Neustadt ist belastet mit Naphthalin, einem Stoff, der in teerhaltigen Stoffen oftmals im Unterbau von Fußböden zu finden ist und in höheren Konzentrationen als krebserregend gilt. Früher wurde er in Mottenkugeln verwendet, noch heute existiert er in der Industrie, die ihn beispielsweise für Schleifscheiben braucht.  

Ein Mitarbeiter des Justizministeriums, der seinen Namen nicht öffentlich nennen will, sagt: „Es hat schon seit Jahren im Altbau auffällig nach Bitumen gerochen. Besonders an warmen Tagen.“ Doch sei dem nie nachgegangen worden. Hin und wieder klagten Kollegen über Kopfschmerzen. Das Naphthalin sei darum auch eher ein Zufallsfund gewesen. Im Altbau war Schimmel gefunden worden, ein Sachverständiger wurde gerufen, um das zu prüfen. Der ordnete den aufdringlichen Geruch des Bitumens sofort richtig ein.

Zu Beginn des Jahres 2016 sei die Problematik angezeigt worden, bestätigt auch das Finanzministerium in Dresden, das in der Sache die Federführung übernommen hat. Unmittelbar danach fanden erste Untersuchungen der Innenraumluft statt, denen bis zum Sommer weitere folgten. Sie ergaben in den Fußböden im Altbaugebäude erhöhte Konzentrationen von Naphthalin und Benzaldehyd, einem ebenfalls gesundheitsschädlichen Stoff, dem wiederum der Geruch von Marzipan anhaftet. „Im Besprechungsraum roch es genau so“, erinnert sich Justizministeriumssprecher Jörg Herold.

Die Messungen erbrachten außerdem unterschiedliche Konzentrationen in den betroffenen Räumen. Dabei unterscheidet man zwischen einem fixen Richtwert I, bei dem Vorsorgemaßnahmen einzuleiten sind, und einem Richtwert II, der sofortiges Handeln erfordert. Festgelegt hat sie eine Arbeitsgruppe „Innenraumrichtwerte der Kommission Innenraumlufthygiene und der Obersten Landesgesundheitsbehörden“. In Fachkreisen ist diese Vorgehensweise nicht unumstritten, weil sich gesundheitliche Schädigungen selten an Richtwerte halten.

Die gemessenen Werte bewegten sich größtenteils zwischen dem Richtwert I und II. „In einigen Räumen wurden Werte über dem Richtwert II gemessen, so dass in diesen Räumen sofortiger Handlungsbedarf angezeigt war“, räumt das Finanzministerium ein. Für Räume mit Werten über Richtwert II wurde Ersatz gesucht, um anschließend in den freigezogenen Zimmern den Fußboden entfernen zu lassen.

Für Räume, in denen die Messwerte lediglich zwischen I und II lagen, wurde hingegen „ein Lüftungsregime angeordnet“, wie es im Behördendeutsch heißt. Dort laufe ein „überwachendes Monitoring“, so das Finanzministerium. Das schließt übrigens auch die Räume von Sachsens Justizminister Sebastian Gemkow (CDU) ein.

Insgesamt sind 62 Räume des Altbaus kontaminiert und alles in allem 74 Mitarbeiter von erhöhten Werten betroffen. Neun Räume wurden komplett gesperrt, darunter der bereits erwähnte Beratungsraum. Neun Mitarbeiter mussten umziehen, teilweise in andere Räume, teilweise auch in Zimmer umliegender Justizbehörden wie dem Amtsgericht. Eine Unterschreitung der Richtwerte soll nun so schnell wie möglich erreicht werden. Wann das allerdings sein wird, kann derzeit von keiner Behörde angegeben werden.

Auch über die ungefähre Größenordnung der Sanierung herrscht noch Unklarheit. Ähnliche, vergleichbare Fälle (siehe Kasten) gingen bei den Kosten bis in sechsstellige Summen. Für Bauunterhalt gebe es genügend Mittel im Landeshaushalt, beruhigt Finanzministeriums-Sprecher Stephan Gößl. Regressforderungen an ein Bauunternehmen seien nicht geplant.

Das heutige Justizministerium war im Jahr 1894 als Königliches Amtsgericht erbaut worden. Nach dem Kriegsende errichtete die Rote Armee darin ihre Kommandantur samt Militärgericht. Nach dem Abzug der Russen wurde es vom Bundesvermögensamt übernommen und 1993 der sächsischen Staatsregierung übertragen. Diese ließ es 1996 sanieren. 1997 zog dann das Justizministerium ein. Am symbolträchtigen 13. Februar, dem 52. Jahrestag der verheerenden Luftangriffe auf Dresden.

Wie und wann das Naphthalin in die Fußböden des Justizministeriums gekommen ist, bleibt allen Beteiligten ein Rätsel. „Wir vermuten aber, das es bei der Sanierung im Boden nicht richtig, also tiefgehend entfernt wurde“, sagt Gößl. „Nach 20 Jahren fängt das jetzt an zu reagieren in den später aufgebrachten Baustoffen.“

Der anfangs erwähnte Mitarbeiter hofft nun, dass eine umfassende und komplexe Sanierung des Gebäudes samt Beseitigung von Mottenkugel- und Marzipangeruch veranlasst wird. Ein eventuelle Flickschusterei aus Kostengründen fände er „verheerend“.

Von Roland Herold

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Lokales
21.08.2017 - 07:02 Uhr

Landesliga: Pirna-Copitz gewinnt in Niesky / Radebeul mit Remis

mehr
Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Wettersponsor

Das Wetter in und um Dresden präsentiert Ihnen die Toskana-Therme Bad Schandau.