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Jugendamt greift immer öfter zu Gunsten von Kindern ein

Jugendamt greift immer öfter zu Gunsten von Kindern ein

Das Dresdner Jugendamt muss immer öfter eingreifen, um die Gesundheit und das Wohl insbesondere von Kleinkindern zu schützen. Im vergangenen Jahr gingen im Amt 1666 Warnmeldungen von Nachbarn, Erzieherinnen, Polizisten und anderen ein, dass Kinder in Gefahr sind, 52 Prozent mehr als vor zwei Jahren.

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Junge Alleinerziehende (hier ein gestelltes Bild, Abgebildete nicht identisch mit im Bericht erwähnten Menschen) sind im Spagat von Beruf, Haushalt und Kindern schnell überfordert. Erhalten sie keine Hilfe, können die Probleme eskalieren.

Quelle: R. U. Heinrich

394 Mal nahm der Kinder- und Jugendnotdienst junge Dresdner in seine Obhut - ein Zuwachs um ein Drittel gegenüber 2009.

Von Heiko Weckbrodt

Ein Mann torkelt über die Einkaufsstraße. An der Hand hat er zwei Mädchen, das eine drei Jahre alt, das andere sieben. Passanten schauen sich verwundert um: Die Kinder sehen aus, als ob sie gleich weinen würden. Als die Polizei den Mann aufgabelt und die Mädchen befragt, stellt sich heraus, dass die Mutter in der Spielhalle die Familienkasse verzockt. Um ungestört zu daddeln, hat sie die Kinder dem Kumpel Karl* mitgegeben.

Noch was fällt den Beamten auf: Der kleinen Mira* fehlt ein Zahn. Ein Arzt stellt auch bei ihrer Schwester Emilia seltsame Verletzungen fest. Das Uni-Klinikum wird eingeschaltet. Diagnose: die Mädchen wurden sexuell missbraucht. Der Kinder- und Jugendnotdienst bringt die Kinder in ein geschütztes Haus - und die Mühlen von Justiz und Jugendamt beginnen zu mahlen...

Den Fall, den Jugendamtsleiter Claus Lippmann hier schildert, hat sich so ähnlich tatsächlich in der Dresdner Innenstadt abgespielt - und er ist kein Einzelfall. "Die Vernachlässigung von Kindern nimmt zu und die Erziehungsfähigkeit vieler Eltern nimmt ab", hat der Amtsleiter beobachtet.

Die Gründe sieht er in "sozialer Disintegration": Viele Dresdner mögen vom Wirtschaftsaufschwung profitieren, sich angesichts von festem Job und gefestigter Stellung lange aufgeschobene Kinderwünsche erfüllen und gute Eltern sein - doch andererseits rutschen viel zu viele junge Väter und Mütter durch die sozialen Netze. Ganze Familien hängen über die Generationen in der Arbeitslosigkeit fest, isolieren sich von Nachbarn und Freunden. "Die Gesellschaft driftet auseinander", meint Lippmann.

Mit Job geht der Halt verloren

Wenn Kinder vernachlässigt oder misshandelt werden, steckt dahinter noch nicht mal immer böser Wille, wie Praktikerin Annett Brandis betont, die in 16 Arbeitsjahren beim "Allgemeinen Sozialen Dienst" (ASD) im Jugendamt die ganze Bandbreite vom Familienproblemen kennen gelernt hat. "Das sind oft junge Eltern ohne Arbeit mit purer Existenzangst, die restlos überfordert sind", sagt sie. "Mit dem Job verlieren sie Tagesstruktur und Selbstbewusstsein, viele rutschen in die Schuldenfalle. Das sind nicht etwa stets die legendären Handy-Schulden: Da gibt es viele, die überziehen ihre Konten nur, weil sie ihren Kindern etwas bieten wollen."

Gerade bei überforderten Eltern ist das Risiko groß, dass Probleme von einem Moment auf den anderen eskalieren. Wenn dann das Baby schreit und schreit, passiert es allzu oft, dass ein junger Vater das Kind packt und schüttelt - mit traumatischen Folgen.

Vor allem kleine Kinder gefährdet

Wie eine Fall-Auswertung des Jugendamtes ergeben hat, sind es immer öfter Säuglinge und Kleinkinder, die in Gefahr geraten, die durch ihre Eltern vernachlässigt oder gar misshandelt werden. Allerdings betont Jugendamtsleiter Claus Lippmann: Dass Kinder sterben mussten, obwohl die Familie durch seine Behörde betreut worden sei, das habe es in Dresden noch nicht gegeben. Fälle wie in Leipzig, wo ein Zweijähriger neben seiner toten Mutter verdurstete, könne freilich kein Jugendamt ausschließen. "Manche Eskalationen sind für keinen Außenstehenden vorhersehbar", betonte Lippmann. "Und ich gebe auch zu bedenken, dass wir als Behörde ständig im Spannungsfeld zwischen Fürsorge und Überwachungsstaat stehen."

Dresdens setze daher auf ein Netz abgestufter Hilfen. Dazu gehören Beratungsstellen, Wohngruppen, Absprachen zwischen Ärzten, Lehrern und Kitas, die anfänglich so umstrittenen "Begrüßungsbesuche" vom Jugendamt - aber auch "behördenfreie" Angebote wie das "Welcome"-Projekt des Vereins "Malwina". Dort greifen geschulte Helferinnen zum Beispiel jungen Mütter unter die Arme, die plötzlich mit Drillingen dastehen, erledigen für sie Ämterwege, organisieren Unterstützung.

"Zurück zu Mama und Papa"

"Die Inobhutnahme ist als letztes Mittel zu sehen", betont Brandis. "Ein Kind aus einer Familie herauszunehmen, ist ein schwerer Eingriff - der will wohl überlegt sein." Denn so schnell auch in der öffentlichen Diskussion nach Tragödien wie kürzlich in Leipzig kritisch gefragt wird, warum der Staat nicht früher eingegriffen habe: Die neuere Bindungsforschung warnt davor, kleine Kinder aus ihren Familien herauszulösen.

So haben Studien gezeigt, dass Säuglinge nach acht Tagen die Bindungsfähigkeit zur Mutter verlieren, wenn man sie ihr wegnimmt. Und so bizarr dies auch klingen mag: Fragt man von ihren Eltern misshandelte oder drastisch vernachlässigte Heimkinder nach ihrem größten Wunsch, kommt oft die Antwort: "Zurück zu Mama und Papa."

*Namen und Fall geändert und verfremdet

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.07.2012

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