Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / -3 ° Schneeschauer

Navigation:
Google+
Jugendamt Dresden hat viel zu wenig Zeit für Pflegekinder

Jugendamt Dresden hat viel zu wenig Zeit für Pflegekinder

In diesem Schreiben steckt erheblicher Zündstoff: Das Jugendamt kann aufgrund personeller Engpässe seinen gesetzlichen Pflichten nicht mehr richtig nachkommen.

Das hat finanzielle Folgen für die Stadt, für Eltern und die Anbieter von Hilfeleistungen. Offiziell beschwichtigt die Verwaltung.

"Das Jugendamt kann seine Aufgaben entsprechend des gesetzlichen Auftrags momentan nur eingeschränkt erfüllen", heißt es in einem internen Papier aus der Behörde, das den DNN vorliegt. Es ist für den Jugendhilfeausschuss gedacht, der wissen wollte, welche Aufgaben aufgrund unbesetzter Stellen nicht mehr erfüllt werden können. Die Antwort hat es in sich.

Von insgesamt 380 Stellen sind derzeit 45 Stellen vakant. Das sind fast 12 Prozent. Die Stadt hatte bereits kürzlich auf DNN-Anfrage erklärt, die 45 unbesetzten Stellen würden nicht den tatsächlich freien Stellen im Jugendamt entsprechen. Es sei hier zu unterscheiden zwischen tatsächlich unbesetzten Stellen und solchen Stellen, die besetzt sind, deren Stelleninhaber jedoch aus unterschiedlichen Gründen nicht anwesend seien - wegen Langzeiterkrankungen, Elternzeit oder Sonderurlaub beispielsweise. Zum 31. März 2015 seien im Jugendamt 27 Stellen (25,65 sogenannte Vollbeschäftigte Einheiten) tatsächlich unbesetzt. Das entspricht etwas mehr als sechs Prozent. Davon entfielen etwa die Hälfte auf den Allgemeinen Sozialen Dienst. Die Vielzahl der unbesetzten Stellen gehe auf die Schaffung von Mehrbedarfstellen im aktuellen Haushaltsplan zurück. Der Mehrbedarf sei im Rahmen organisatorischer Untersuchungen festgestellt worden. "Für viele dieser Stellen läuft derzeit das Stellenbesetzungsverfahren", erklärte Stadtsprecher Kai Schulz vor einem reichlichen Monat.

Die Frage zu den Auswirkungen auf die Arbeit des Jugendamtes ließ die Stadt seinerzeit unbeantwortet. Jetzt wird klar: die Vakanzen haben offenbar erhebliche Konsequenzen. Sie verschärfen die Folgen, die bereits mit der demographischen Entwicklung und einer steigenden Zahl von Kindern und Jugendlichen auch in problematischen Situationen einhergehen.

In der Jugendhilfeplanung sei die kontinuierliche Leitung und Begleitung der fachübergreifenden Prozesse "nur in stark eingeschränktem Maße" möglich, heißt es in dem internen Schreiben. Dabei geht es um die Grundlagen für die Verteilung zweistelliger Millionenbeträge in den nächsten Jahren.

Mindestens 30 Prozent längere Wartezeit auf Elterngeld

Bei den sogenannten Wirtschaftlichen Hilfen werde es "zu Verzögerungen bei den Auszahlungen an Leistungserbringer" kommen. Im Mahnwesen werden offene Forderungen "zeitversetzt angemahnt", was sich "negativ auf die Einnahmesituation" auswirkt. Die Verhandlungen mit Anbietern von Angeboten der Hilfe zur Erziehung kommen ins Stocken, wegen nicht eingehaltener Fristen drohe in einem Fall bereits ein Verfahren vor der Schiedsstelle. Weil das Qualitätsmanagement nicht gesichert werden kann, würden teilweise Leistungen eingekauft, die "fachlich nicht immer sinnvoll und nicht zwingend erforderlich sind".

Das mag mancher als technische Probleme betrachten. Doch es kommt noch viel dicker. Auch der Pflegekinderdienst ist massiv betroffen. 262 Pflegefamilien mit 352 Pflegekindern gibt es aktuell in Dresden. Hausbesuche, Betreuung und Begleitung könnten trotz Rechtsanspruchs "nicht mehr in erforderlichem Umfang stattfinden", heißt es. Und: "Dies führt zur Überforderung von Familien mit Pflegekindern und unzureichender Kenntnis über Situationen und Wohlbefinden von Pflegekind und Pflegeeltern." Das berührt erheblich die "Wächterfunktion des Jugendamtes". Auch die Neuvermittlung von Kindern in Pflegefamilien stocke. Die Verzögerungen "um mehrere Monate" verlängere die Dauer der Inobhutnahme der betroffenen Kinder durch die Stadt und damit deren Kosten in diesem Bereich. Die hohe Belastung führe zu einem hohen Krankenstand, das verschärft die Belastung weiter. Eine Fachkraft ist derzeit für 94 Pflegekinder zuständig. Vor dem Hintergrund steigender Fallzahlen und der Personalsituation seien die Voraussetzungen für die vom Gesetzgeber geforderte "gelingende Hilfe" derzeit "nicht gegeben". In Beratungsstellen für Kinder, Jugendliche und Familien verlängern sich Wartezeiten auf bis zu sechs bis acht Wochen. So könnten sich Konflikte in Familien etwa im Bereich "Trennung und Scheidung" verschärfen.

Ähnlich sieht es im Unterhaltsbereich und beim Elterngeld aus. Aufgrund des Personalmangels kann nicht zeitnah auf säumige Unterhaltszahler zugegriffen werden, das führt zu Mindereinnahmen beim Ausgleich für vom Staat gezahlte Unterhaltsvorschüsse. Bei Elterngeld, Erziehungsgeld und Betreuungsgeld liege die Bearbeitungszeit aktuell bei acht bis zehn Wochen, eigentlich sollen es höchstens sechs sein.

Die Stadt räumt die "Aufgabenverdichtung durch den demographischen Wandel" ein. Dies sei jedoch in allen Bereichen der Verwaltung so und betreffe deutschlandweit auch alle anderen Jugendämter in Kommunen. Die Landeshauptstadt habe dieser Entwicklung stets Rechnung getragen und dem Jugendamt "entsprechend mehr Stellen und Personal zugeführt". Rathaussprecher Kai Schulz: "Aus Sicht der Stadt wurden mit dem Stellenplan 2015/2016 die zur Aufgabenerfüllung notwendigen Stellen geplant". Die Besetzung erfolge nach Maßgabe vorhandener bzw. zu schaffender personeller, finanzieller und räumlicher Ressourcen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 20.05.2015

Ingolf Pleil

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Lokales
10.12.2017 - 17:09 Uhr

Der SC Borea überwintert über dem Strich. Dank eines Sieges im Kellerduell gegen den DSC sind die Nordlichter jetzt Zwölfter.

mehr
Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Wettersponsor

Das Wetter in und um Dresden präsentiert Ihnen die Toskana-Therme Bad Schandau.