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Joachim Klose: „Aus Zerstörung erwächst nichts Neues“

Gedenken in Dresden am 13. Februar Joachim Klose: „Aus Zerstörung erwächst nichts Neues“

Der Zeitpunkt könnte ungünstiger nicht sein: Ein Sonnabend mitten in den Winterferien. Für Joachim Klose, Moderator der städtischen Arbeitsgruppe 13. Februar, kein Grund, am Funktionieren der traditionellen Menschenkette zu zweifeln. „In Dresden leben nicht nur Eltern und Schüler“, sagt er im DNN-Interview.

Zeichen für Toleranz und Demokratie: die Menschenkette.
 

Quelle: epd

Dresden. Joachim Klose ist Landesbauftragter der Konrad-Adenauer-Stiftung für Sachsen und Moderator der Arbeitsgruppe 13. Februar. Im DNN-Interview erklärt er, warum die Menschenkette am Sonnabend so wichtig ist und warum er das Aussetzen der protokollarischen Gedenkveranstaltung auf dem Heidefriedhof für richtig hält

Es scheint, der diesjährige 13. Februar wird auf kleiner Flamme gekocht. Sehen Sie das auch so?

Der 70. Jahrestag im vergangenen Jahr war etwas Besonderes. Ein Jahrestag steigert die Aufmerksamkeit. Außerdem stiegen früher der Fokus und die Spannung auch mit den Provokationen der Extremisten. Das ist in diesem Jahr anders. Vielleicht hat auch die kontinuierliche Auseinandersetzung mit Pegida dazu geführt, dass das wichtige Datum des 13. Februar etwas verdeckt wurde.

Warum ist der 13. Februar noch wichtig?

Für Gesellschaften, die sich in Unruhe befinden, ist es wichtig, über die Erfahrungen der Vergangenheit nachzudenken. Der 13. Februar hat sich dabei schon etwas transformiert. Die Menschenkette entstand aus dem Konsens heraus, rechtsextremistischen Provokationen etwas entgegenzusetzen. Jetzt besteht die Gefahr, dass die Gesellschaft auseinanderdriftet. Wir konstatieren eine Zunahme von extremistischen Positionen. Der 13. Februar 1945 war der Totpunkt einer Gesellschaft. Das war die Zerstörung und das Ende eines totalitären Systems. Es ist wichtig, dass wir mit Blick auf diese Zusammenhänge die Zukunft gestalten. Diesen Konsens macht die Menschenkette deutlich. Sie steht für Offenheit, Toleranz, Friedfertigkeit, Zusammenhalt, Demokratie.

Der 13. Februar ist ein Sonnabend, es sind Ferien. Befürchten Sie, dass die Menschenkette Teilnehmer verliert?

Es ist der schlechteste Ferientag insgesamt für die Menschenkette. Die, die weggefahren sind, sind noch nicht zurück, und die anderen fahren gerade los. Aber es gibt doch nicht nur Eltern und Schüler in der Stadt. Das ist ein Alibi. Die Gesellschaft ist viel größer. Die Singlehaushalte sind in Dresden in der Mehrheit. Wenn nur zehn Prozent der Einwohner zur Menschenkette kommen, stehen mehr als 50 000 Menschen auf der Straße. Wer ein Gespür dafür hat, wie zerbrechlich unsere Demokratie ist, sollte die Zeit investieren und in die Innenstadt kommen.

Haben Sie Angst, dass sich Rechtsextremisten in die Menschenkette einreihen?

Wer sich in die Menschenkette einreiht, teilt deren Intention unabhängig von religiöser oder politischer Haltung. Ich halte die Diskussion, wer daran teilnehmen darf und wer nicht, für reichlich absurd. Im Übrigen können wir uns die Gesellschaft nicht aussuchen. Aber Sprechverbote stärken die extremen Ränder. Die Dialogfähigkeit ist das Entscheidende.

Die Stadt hat sich von ihrer zentralen Gedenkveranstaltung auf dem Heidefriedhof verabschiedet. Halten Sie das für richtig?

Wir sprechen nur über die protokollarische Veranstaltung. Es gibt eine Reihe von Veranstaltungen auf Friedhöfen, auch auf dem Heidefriedhof. Ich halte es für gut, die Protokollveranstaltung temporär auszusetzen. Dazu mussten die im Stadtrat vertretenen Parteien eingeladen werden, auch die NPD. Das Aussetzen der Veranstaltung bietet die Chance, generell über Erinnerungskultur nachzudenken und einen notwendigen Diskurs zu führen.

Sieht sich Dresden zu sehr in einer Opferrolle? Muss Gedenken neu gedacht werden?

Ich erkenne drei Interpretationen der Anlage auf dem Heidefriedhof. Die extremen Linken sagen, dort sind keine Opfer, sondern nur Täter bestattet, weil die Stadt schuldig geworden ist. Deshalb darf es kein Gedenken geben. Das ist falsch. Es gibt keine Kollektivschuld, sondern nur eine kollektive Verantwortung. Das offizielle Gedenken der vergangenen Jahre versuchte hingegen, die vermeintliche Einmaligkeit der Zerstörung Dresdens zu relativieren. Aber mit welcher Legitimation steht die Stele mit dem Namen von Dresden eingereiht zwischen den Stelen anderer zerstörter Städte und befreiter Konzentrationslager im Kreis um eine Opferschale herum? Die extremen Rechten stellen Dresden in den Kontext eines Holocausts, eines Brandopfers. So wird Dresden zu einem mystischen Opfer stilisiert. Die einen negieren die Rolle des Opfers, die anderen gehen von einem profanen Opfer aus, weil es in diesem Krieg vielen geschehen ist. Und die Rechten sehen eine Art religiöses Opfer für das Volk oder die Nation. Daraus erwächst das Ziel, das Gemeinwesen zu etwas Neuem zusammenzuführen. Es gibt aber nichts Neues, das aus Zerstörung erwächst. Dieser Missbrauch hinderte mich, die Veranstaltung positiv zu betrachten.

Ist der mögliche Missbrauch ein Grund, das Gedenken abzuschaffen?

Das wäre völlig falsch. Das Gedenken der Toten ist für mich ein wichtiges und wesentliches Anliegen. Die Stadt sollte unbedingt auf dem Heidefriedhof eine Veranstaltung anbieten, sich aber die Form sehr gut überlegen.

Besteht nicht die Gefahr, dass andere die Lücke nutzen, die die Stadt offen lässt? Die AfD ruft zum Gedenken aus dem Altmarkt auf.

Jede politische Gruppierung muss ihre eigene Form des Umgangs mit dem 13. Februar finden. Die AfD muss sich gut überlegen, ob sie den Opfermythos stützen will. Dann driftet sie ins rechtsextreme Lager ab. Wer Schneid hat, sucht den Konsens und präsentiert der Stadt ein Gemeinsinn stiftendes Bild.

Interview: Thomas Baumann-Hartwig

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