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Je-Je-Je, und wie das alles heißt: Dresdens Jugendclubs waren in der DDR ein Phänomen

Je-Je-Je, und wie das alles heißt: Dresdens Jugendclubs waren in der DDR ein Phänomen

Eigentlich muss man ja nur mal die eigenen Eltern aushorchen: "Wie war das damals, als ihr jung wart, in der DDR?" Dann erfährt man zum Beispiel, dass die Eltern in so genannten Jugendklubs oder Klubhäusern (beides mit k) unterwegs waren und über eine Musikbox immer nur ein und dieselbe Platte gespielt haben.

Bestimmt hätten sie gern mehr Platten gehört, aber von den Beatles lag in der Musikbox nur eine, die restlichen 49 waren DDR-Schlagerplatten von Amiga. Das, was man heute freiwillig macht, wenn ein Song zum Ohrwurm wird - unablässig die Repeat-Taste drücken - tat man damals aus Mangel an Vielfalt. Mitunter wurden utopische Summen für eine Schallplatte mit Westmusik gezahlt oder es wurde getauscht was das Zeug hält. Auch auf Tanzveranstaltungen gab es eine Vorschrift, welche Musik der DJ auflegen durfte. Damals übrigens meist noch mit Kassetten, die nächtelang mit Radiomusik bestückt wurden. 40 Prozent Westmusik und 60 Prozent Ostmusik - so lautete die Vorgabe, an die sich aber die wenigsten hielten. Die über 200 Jugendklubs, die es zu dieser Zeit allein in Dresden gab, waren dabei wieder ein ganz eigenes Phänomen.

Hervorgerufen wurde das angesprochene Phänomen durch das "Gesetz über die Teilnahme der Jugend am Aufbau der DDR und die Förderung der Jugend in Schule und Beruf, bei Sport und Erholung" von 1950. Gebaut wurden also nicht nur Jugendklubs, sondern vor allem riesige Satzkonstruktionen. Thomas Kübler hat als Leiter des Dresdner Stadtarchivs auch Einblick in die Geschichte Dresdens in der Zeit von 1950 bis 1990. Die Vielzahl der organisierten Jugendtreffs erklärt er sich mit der herausgehobenen gesellschaftlichen Stellung der Jugend in der DDR und mit der hohen Relevanz, die Jugendfragen damals hatten. Der Versuch der Organisation einer Jugendkultur geschah aber natürlich auch mit der Absicht, die Jugendlichen mit der sozialistischen Ideologie systemkonform zu "erziehen". Und somit gab es bald eine subkulturelle Jugendkultur, die sich gerade von den internationalen, also westlichen Vorbildern magisch angezogen fühlte.

Der erste Jugendklub in Dresden öffnete 1951 und ist bis heute ein jung gebliebenes Urgestein für Feierlustige. Die "Scheune" verdankt ihren wenig schmeichelhaften Namen wahrscheinlich dem großen Parteifunktionär Walter Ulbricht. Er wollte damals kein Namenspate sein und soll dies mit dem Satz "Für diese Scheune gebe ich meinen Namen nicht her" begründet haben. Das Programm des Jugendklubs schien aber schon damals vielfältiger als anderswo: Im Haus gab es eine Bibliothek, einen Tischtennisraum und einen Filmraum. Ein Jazzclub, der erst verboten, viel später dann doch erlaubt wurde, machte die Scheune auch über die Grenzen der Neustadt hinaus bekannt. Sie war ein Treffpunkt für schreibende, musizierende, zeichnende und Theater spielende Jugendliche. Weitere größere und bekannte Jugendklubs waren "Die Jugendklubs der Staatlichen Kunstsammlungen", der "Jugendklub Kulturpalast" und das Haus "Rudi Arndt", das später den Beinamen "Blutscher Rudi" trug, weil es immer wieder zu kleinen Schlägereien kam. Heute ist kaum vorstellbar, dass 1986 allein in Dresden-Mitte 33 Jugendklubs existierten. Immer wieder kam es zu neuen Gründungswellen, die schließlich etliche Klubs in jeden Stadtteil spülten. Allerdings waren unter den vermeintlichen Jugendklubs auch solche, die nicht mehr zu bieten hatten als einen kargen Raum mit ein paar Stühlen und einem Fernseher, so Thomas Kübler.

Obwohl Jugendklubs wie Pilze aus dem Boden schossen, waren es immer noch zu wenig. Dafür fehlte es an Jugendlichen umso weniger. Im Jahr 1964 lebten zirka 500 000 Menschen in Dresden, davon waren über 80 000 Jugendliche. Es mussten also mehr Kapazitäten her: Die neue Verordnung hieß, dass auch Betriebe, Mensen, Fachschulen, die Technische Universität und sogar Gaststätten ihre Türen öffnen mussten. Die so genannte "Förderung der Jugend" war also zu einem echten Mammutprojekt geworden.

25 Jahre später wird viel über die Bildung und Teilhabe von Jugendlichen diskutiert. Der erste Dresdner Bildungsbericht aus dem Jahr 2012 zeigt zumindest theoretisch die Präsenz des Themas. 19 Angebote findet man im Bericht unter der "Offenen Arbeit mit Jugendlichen in Einrichtungen". Die meisten Angebote gibt es in den Stadtteilen Cotta, Prohlis, Pieschen, Altstadt und Neustadt. Das seien, laut dem Bildungsbericht, die Gebiete mit den stärkeren sozialen Problemlagen. Nicht nur im Vergleich zu der Vielzahl an Jugendklubs in der DDR erscheint dieses Angebot zu wenig, auch wenn die Voraussetzungen damals andere waren.

Vielleicht werden hunderte Jugendklubs heute aber einfach nicht mehr gebraucht? Vielen Jugendlichen steht die Welt offen: Arbeiten auf einer Kiwiplantage in Neuseeland, studieren im Ausland oder ein Jahr als Backpacker die Welt entdecken. Beschäftigungsmaßnahmen braucht es nicht mehr. Die Jugendklubs sind vielmehr Anlaufstellen und Treffpunkte für die jungen Leute, deren Eltern sonstige Freizeitaktivitäten nicht bezahlen können. Das ist vielleicht der größte Unterschied zu damals: Aus der verordneten Einheit ist eine natürlich gewachsene, echte Vielfalt geworden.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 16.05.2014

Beate Erler

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