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In Dresden lebende Flüchtlinge schildern ihre Sicht auf Übergriffe in Köln

"Ich schäme mich" In Dresden lebende Flüchtlinge schildern ihre Sicht auf Übergriffe in Köln

„Ich schäme mich und ich verstehe es nicht." Samir Alasfar aus Libyen lebt seit einem Jahr in Dresden. Von den Übergriffen in der Silvesternacht in der Köln hat er in den arabischen Nachrichten bei Al Jazeera erfahren. Auch unter Flüchtlingen wird das Geschehen diskutiert.

In der Silvesternacht waren am Kölner Hauptbahnhof Frauen sexuell belästigt und augeraubt worden.

Quelle: dpa/Archiv

Dresden. „Als ich davon hörte, wollte ich es zuerst nicht glauben. Dann habe ich es bei Al Jazeera in den Nachrichten gesehen.“ Über die Übergriffe in der Silvesternacht in Köln diskutiert seit Wochen ganz Deutschland - auch die Flüchtlinge, die hier leben.

So wie der Samir Alasfar aus Libyen, der seit einem Jahr in Dresden lebt und aus arabischen Nachrichten von den Ereignissen erfuhr. „Ich schäme mich und ich verstehe es nicht“, sagt er. „Diese Menschen kommen aus Ländern, die in Flammen stehen. Warum kommen sie hierhin und machen dann sowas?“ Der 38-Jährige sieht in den Ereignissen ein großes Problem: Jetzt würden die Menschen in Deutschland denken, dass alle arabischen Männer sich so verhalten. „Es gibt auch viele Männer aus der arabischen Community, die sexhungrig sind“, sagt er und berichtet von Aktionen für Flüchtlinge in Dresden. Bei manchen Veranstaltungen gibt es eine Suche-Biete-Pinnwand für Flüchtlinge und Unterstützer. Alasfar selbst versuchte, auf diesem Weg einen Laptop zu finden. „Andere hängen dort Zettel auf, dass­­sie ledig sind und eine Frau suchen. Was ­soll das?“ Aufgebracht schüttelt erden Kopf, dann senkt er die Stimmeund erzählt: „Manchmal bleibe ich, bis alle weg sind. Dann gehe ich zur Pinnwand und streiche diese Zettel einfach durch.“

Die Pläne der Bundesregierung, Flüchtlinge schon ab einer Freiheitsstrafe von einem Jahr, und nicht ab einer Verurteilung zu drei Jahren auszuweisen, befürwortet der Libyer. „Das ist eine sehr gute Idee!“ Die Überlegung, Tunesien, Marokko und Algerien zu sicheren Herkunftsländern zu erklären, allerdings macht ihm Sorge. „Der Mann meiner Schwester kommt aus Marokko. Er hat jetzt hier Familie. Erst Mitte Januar hat meine Schwester in Dresden ihr Kind bekommen.“ Zudem verurteile auch sein Schwager die Ereignisse von Köln.

Selbst betroffen von einer solchen Regelung wäre der Dresdner Flüchtling Mohamad Buazza*. Er kommt aus Tunesien. „Was die Bundesregierung sagt, stimmt nicht. Mein Land ist nicht sicher“, sagt er. „Die Leute sterben lieber im Mittelmeer, als in Tunesien zu bleiben!“

Was in Köln passiert ist, verurteilt der Kellner scharf. Er befürwortet die Pläne, straffällige Ausländer schneller abzuschieben. „Das ist sehr gut! Wer hier Mist baut, muss gehen.“ Er denkt, dass schnellere Abschiebungen Straftäter abschrecken könnten.

„Ich habe mit Leuten gesprochen, die klauen. Sie sagen: Was soll mir schon passieren? Wenn die Polizei mich erwischt, kann ich meine Strafe in Raten abzahlen.“ Nach der Erfahrung des Tunesiers gibt es unter seinen Landsleuten viele Straftäter.

„70 bis 80 Prozent der Leute, die aus Tunesien hierher kommen, sind kriminell.“ Der 35-Jährige bekommt auch selbst zu spüren, dass es viele Vorurteile gegenüber arabisch aussehenden Männern gibt. „Wir kommen hier in Dresden in keine Bar mehr rein“, berichtet er. Die Security weise ihn mit der Begründung ab, dass er klaut. Das sei beschämend. „Ich stehe mit zehn Leuten vor der Bar und sie sagen zu mir: Du nicht.“ Ihm sei auch aufgefallen, dass in der Altstadt mehr Security und die City Streife unterwegs sind. Als er ein Mal einen Schuhladen betrat, sagte eine Verkäuferin zu ihrer Kollegin, sie solle ihm hintergehen und ihn beobachten. „Das tut mir weh, aber die haben Recht, wenn eben die Mehrheit der Araber klaut. Ich denke da wie die Leute von hier.“

Die syrische Physiklehrerin Hanan Akkam ist seit eineinhalb Jahren mit ihrem Mann und ihren drei Töchtern in Deutschland. Von den Übergriffen erfuhr sie, als Verwandte aus Syrien anriefen und fragten, was in Köln passiert sei. „Wenn so etwas in Syrien auf der Straße passiert, helfen alle Leute der Frau“, sagt die 48-Jährige. „Es kann sogar sein, dass der Mann verprügelt wird.“ Wenn sie an die Übergriffe denkt, bekommt sie Angst. „Wir haben Syrien verlassen, weil wir Angst vor ­solchen Leuten hatten“, sagt sie. Sie glaubt, dass der Alkohol bei den Übergriffen eine Rolle gespielt hat. „Diese Männer waren betrunken. Und vielleicht hatten sie auch einen Kulturschock und dachten, dass sie machen können, was sie wollen.“ Ihre 19-jährige Tochter Lama berichtet, dass ihre syrischen Freunde in den sozialen Netzwerken viel über die Ereignisse in Köln diskutieren - egal ob sie in Deutschland, Syrien oder der Türkei leben.

Die syrische Netzcommunity und auch die Familie von Hanan Akkam befürchten, die Übergriffe könnten für ein schlechtes Bild von Syrern sorgen. „Die Menschen, die gerade erst aus Syrien angekommen sind, oder die nach Deutschland kommen wollen, fragen uns: Haben die Ereignisse Auswirkungen auf euch? Will die deutsche Regierung Syrer zurück nach Hause schicken?“ Die Physiklehrerin sagt ihnen, dass sie es nicht weiß. Ausweisungen straffälliger Flüchtlinge befürwortet sie: „Dann können wir hier in Sicherheit leben.“ Tunesien, Marokko und Algerien zu sicheren Herkunfstländer zu erklären, sieht sie jedoch kritisch: „Es gibt schlechte Leute“, sagt sie. „Aber es gibt auch Menschen, die in ihrer Heimat wirklich Schlimmes erlebt haben. Deutschland sollte ihnen eine Chance geben.“

Miriam Kruse

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